Iliazd in Bozen

Der unterschätzte Architekt der Avantgarde

Er war Schriftsteller, Designer, Verleger und verstand das Buch als Kunstobjekt: Ilja Sdanewitsch, genannt Iliazd. Die Fondazione Antonio Dalle Nogare in Bozen widmet dem radikalen Avantgardisten eine poetische Werkschau

Nördlich des Stadtzentrums von Bozen, immer entlang der Talfer, trifft man irgendwann auf einen kleinen, steilfließenden Bergbach, den Rio di Rena. Hier, die Straße hinauf, kauert eine der wohl interessantesten Privatsammlungen Italiens am Hang: die Fondazione Antonio Dalle Nogare. Teils in den Berg gruben die beiden Architekten Walter Angonese und Andrea Marastoni dort die Ausstellungsräume der Stiftung. Das aus dem Berg gewonnene vulkanische Gestein, Porphyr, wurde wiederum zermahlen und kehrte als Beton an seine ursprüngliche Stelle zurück. Große Glasfassaden, rohes Eichenholz und Tombak, ein mattbräunlich legiertes Messing, ergänzen die kantige Architektur. Auf dem stillen Vorplatz wehen lange Efeuranken entlang der Waschbetonfassade.

Mit der Institution einen dialogischen Ort für Kunst, Architektur und intellektuelle Entfaltung zu schaffen, war das erklärte Ziel des lokalen Bauunternehmers und Stifters Antonio Dalle Nogare, der schon in den 1980er-Jahren begann, konzeptuelle Kunst aus den 1960er- und 70er-Jahren zu kaufen, die bis heute neben aufstrebenden postkonzeptuellen Positionen einen Großteil seiner Sammlung ausmacht.

Öffnet man die schwere Tür in die Ausstellungsräume, ist es jedoch nicht die Sammlungspräsentation, die das unmittelbare Interesse weckt: "Toutité Iliazd. Die Erforschung der Form" heißt die aktuelle temporäre Ausstellung, die sich ganz und gar dem Leben, Werk und Denken des georgisch-russisch-französischen Avantgardisten verschrieben hat.

Stiller Protagonist der Avantgarde

1894 in Tiflis als Ilja Sdanejewitsch geboren, gilt Iliazd als einer der innovativsten Typografen des 20. Jahrhunderts. Als Mitbegründer des russischen Futurismus stand der Autor und Illustrator den französischen Dadaisten und Symbolisten nah, verlegte legendäre Künstlerbücher von Picasso, Miró, Braque und Ernst. Und trotzdem blieb er zeitlebens einem breiten Publikum unbekannt, stets im Schatten der lauten Genies. Den bescheidenen Intellektuellen endlich ins Licht zu holen, ist für den Sammler Dalle Nogare ein persönliches Anliegen, der Iliazd durchaus als eine der transdisziplinären Schlüsselfiguren der Avantgarde ansieht.

Vsjechestvo ist der russische Begriff, der die Grundlage des Ausstellungstitels bildet: everythingnism, auf Französisch: toutité. Gemeint ist "eine künstlerische Haltung, die sich weigerte, räumliche oder zeitliche Grenzen zu setzen." Eine umfassende Allesheit? Große Worte für die zunächst schlicht präsentierte Schau im Erdgeschoss der Stiftung. Fragile Papierarbeiten an den Wänden, ein Schubkabinett in der Mitte des Saals. Tritt man näher, geht das Staunen los. Die Wandarbeiten entpuppen sich als zart gezeichnete architektonische Reliefs, die Schübe enthalten Projekte und Ephemera, Drucke und Unterlagen aus einem ungewöhnlich dichten Leben. Da finden sich Stoffentwürfe, die Iliazd als Designer für Sonia Delaunay und Coco Chanel anfertigte, Radierungen Picassos, Archivmaterialien zu Kinderbüchern. Da reihen sich handgeschriebene Briefe und Vertragsunterlagen, Listen angefangener Projekte und grafische Blätter in Vitrinen im Obergeschoss aneinander.

 

  Ilia Zdanevich – ILIAZD "TOUTITÉ – ILIAZD The Study of Form", 2026, zu sehen in der Fondazione Antonio Della Nogare Bolzano
© Fotostudio Jürgen Eheim

Ilia Zdanevich – ILIAZD "TOUTITÉ ILIAZD The Study of Form", 2026, zu sehen in der Fondazione Antonio Della Nogare Bolzano

Tief beugt man sich hier über das Glas, taucht ein in Kommunikation und Gedanken längst vergangener, legendärer Hirne, wenn man den Briefwechsel zwischen Duchamp und Iliazd entziffert: Letzterer war es, der das legendäre Koffermuseum, die Boîte-en-valise, baute. Fast ertappt man sich bei der eigenen Überraschung, wenn man realisiert, dass es sich hier statt um eine kollaborative Freundschaft um eine klare Arbeitsbeziehung handelt. Duchamps Sprache in den Briefen ist klar und fordernd, dies ausgebreitet neben den kleinen, mühevollen Modellentwürfen Iliazds zu sehen, lässt eine kleine Ehrfurcht vor der kaum bekannten Arbeit keimen. Es schließt sich der Kreis, wenn man später in der Sammlung Dalle Nogares realisiert, dass sich eines ebenjener Exemplare im Haus befindet.

Papier, Faltungen, Wortträume

Eine Vitrine weiter ruht ein anderes Hauptwerk Iliazds: das unbeschreiblich kompliziert gefaltete und gebundene "Poésie des mots inconnus", ein von Iliazd gestaltetes und verlegtes zentimeterdickes Buchobjekt. Zur näheren Betrachtung sind einzelne Seiten an den Wänden in Plexiglaskästen ausgestellt. Auf milchigen Doppelseiten schimmern hier die gesetzten Buchstaben durchs Papier: dadaistische Lautgedichte, fiebrige Wortträume, handschriftliche Wortfolgen, dazu illustrierende Schnitte und Drucke von Jean Arp, Raoul Hausmann, Fernand Léger, Marc Chagall, Alberto Giacometti, um nur einige zu nennen.

Die junge Künstlerin Chloé Vanderstraeten nimmt in einer weiteren Arbeit im Raum darauf Bezug. Auf einem Tisch entfalten sich fragile Schichten in einem skulpturalen Mappenobjekt. Die Absolventin der Beaux-Arts de Paris verbindet darin wie das Vorbild Skulptur, Zeichnung und Architektur. Der Einfluss des stillen Avantgardisten, er ist in Vanderstraetens Werk klar sichtbar.

Und auch im leicht verrückten eigenen Blick auf die Moderne, tritt man nach ausgiebigem Ausstellungsbesuch in den Südtiroler Frühling hinaus auf den Platz vor diesem Ort fürs Schöne und Kluge. Welch gelungene Allesheit.