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Questionnaire mit Tomi Ungerer

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Die Welt besteht aus Widersprüchen, die Kunstwelt erst recht. Aber irgendwann muss man sich entscheiden. Diesmal: Der Autor, Grafiker und Kinderbuchzeichner Tomi Ungerer

Zyniker oder Realist?
Das eine geht nicht ohne das andere. In erster Linie bin ich Realist und im Notfall dann Zyniker.

Misanthrop oder Menschenfreund? Ich bin Misanthrop, und Molières "Menschenfeind" Alceste ist
mein Held. Aber ich bin unbedingt auch Menschenfreund.Ich bin gefangen in Widersprüchen.

Saul Steinberg oder Carl Barks?
Saul Steinberg, für mich der größte Zeichner des letzten Jahrhunderts.

Donald Duck oder Donald Trump?
Donald Duck! Sollte Trump gewählt werden, wäre er der erste Reiter der Apokalypse. Ich würde dann sogar eine Zeichnung von ihm auf einem Pferd machen.

Angela Merkel oder François Hollande?
Also bitte! Angela Merkel ist die einzige Politikerin auf der ganzen Welt, auf die man wirklich stolz sein kann. Ich habe die größte Bewunderung für sie.

Ihr erster Job?
Schaufensterdekoration.

Ihr liebster Job?
Es gibt keinen. Ich habe so viele und liebe sie alle. Ich habe einen Harem von Tätigkeiten!

Ihre Muse?
Die Hoffnungslosigkeit. In meinem letzten Buch "Besser nie als spät" habe ich geschrieben, wenn es eine Muse für die Hoffnungslosigkeit gäbe, dann wären alle anderen arbeitslos. Ohne Hoffnungslosigkeit gibt es keine Kreativität.

Was treibt Sie an?
Hoffnungslosigkeit und Zweifel.

Das beste Publikum: Kinder oder Erwachsene?
Erwachsene, die noch ein bisschen kindliche Unschuld in sich bewahrt haben.

Die schlimmsten Kinderbuchklischees?
Oje, da gibt es zu viele. Ich bin mit "Max und Moritz" aufgewachsen, eine großartige Ausnahme zu all den wattezarten Schmusereien und gut gemeinter Pädagogik.

Donnerbüchse oder Axt?
Die Waffen aus meinem Kinderbuch "Die drei Räuber". Jede hat ihre Vorzüge. Als ich in Kanada lebte, habe ich viel Holz gefällt, also entscheide ich mich für die Axt.

Warum ist es wichtig, Kinder zu traumatisieren?
Damit sie einen Vorgeschmack auf die Realität und die Absurdität des Lebens bekommen.

Was ist Erotik?
Die Erotik ist die intellektuelle Sublimation der Brunft. Sie unterscheidet uns von den Tieren.

Was ist tabu?
Nichts. Es gibt Sachen, die ich einem Kind nicht zeigen würde. Aber es gibt kein Thema, das ich nicht behandeln würde. Ich habe eine ganze Serie von Skulpturen gemacht über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche. Grässlich! Aber kein Tabu.

Literaturnobelpreis für Philip Roth oder Tom Wolfe?
Das weiß ich auch nicht! Ich kenne beide gut und schätze sie gleichermaßen. Ich denke, es ist unfair, einen solchen Preis zu vergeben. Warum sollte einer der Beste sein?

Was wir schon immer von T. U. wissen wollten: Woody Allen oder Russ Meyer?
Ich mag beide nicht sonderlich. Generell gibt es nur wenige Regisseure, die ich respektiere. Buñuel ist einer von ihnen. Stanley Kubrick auch – das ist schon eine andere Dimension.

Balthus oder Helmut Newton?
Oje, das ist eine gute Frage! Für mich ist Helmut Newton der größte erotische Fotograf, den es je gegeben hat. Und Balthus ist der größte Maler unterdrückter Sexualität. Ich bewundere beide. Vielleicht schreibe ich mal ein Buch über diese Frage.

"Playboy" ohne Nacktcover: gute oder schlechte Idee?
Das ist mir ganz egal. Ich habe mit dem "Playboy" und auch mit "Penthouse" für meine erotischen Zeichnungen gearbeitet, aber ich habe diese Zeitschriften immer als etwas verblödet wahrgenommen.

Wo lebt es sich besser: in Irland oder im Elsass?
Irland ist meine Wahlheimat. Ich habe hier meinen Frieden. Es ist ein Land ohne Arroganz. Ein Land ohne Hochmut. Im Elsass gibt es immer entweder hochmütige Franzosen oder hochmütige Deutsche.

Analog oder digital?
Ich habe kein Handy, keinen Computer, keine E-Mail-Adresse, denn ich empfinde sie als Tyrannei. Ein Fax und ein Telefon genügen mir. Ich bin ein freier Mensch. Deshalb lebe ich auch in Irland: Die Menschen hier sind frei.

Was kommt nach dem Leben?
Das steht in meinen Büchern! Was uns erwartet, ist eine Safari. Aber wo und wie – davon haben wir keine Ahnung. Der Mensch will immer mehr wissen und dann behaupten. Aber wieso sollte der Mensch wissen, was er nicht wissen kann? Wenn ich gehen will, dann gehe ich. Salut!

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