"Triegel trifft Cranach" im Kino

Malen im Widerstreit der Zeiten

Michael Triegel ergänzt den verlorenen Mittelteil eines Cranach-Altars im Naumburger Dom. Paul Smacznys Film "Triegel trifft Cranach" begleitet den Leipziger Maler bei diesem Wagnis zwischen Renaissance, Glaube und Gegenwart

Michael Triegel schaut gerne Horrorfilme: "Da weiß ich wenigstens, wovor ich mich fürchte". Im Dokumentarfilm "Triegel trifft Cranach" bezeichnet sich der Leipziger Maler als "eher ängstlicher Mensch". Aber gemessen an seiner Verehrung von Raffael, Michelangelo, Pontormo oder Dürer hat der Gegenwartskünstler doch Mut bewiesen, als er den Auftrag annahm, den fehlenden Mittelteil des Marienaltars im Naumburger Dom neu zu malen. 

Die erhaltenen Seitenflügel stammen von keinem Geringeren als Lucas Cranach dem Älteren (1472-1553), an dessen Malkunst sich der Leipziger nun messen lassen muss. Fünf Jahre lang hat der Regisseur Paul Smaczny den Absolventen der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) Leipzig bei der Neuschöpfung im Atelier in der Baumwollspinnerei, bei Terminen im Naumburger Dom und auf Reisen nach Italien begleitet. "Triegel trifft Cranach" ist das Porträt eines Künstlers, der unbeirrt an der "altmeisterlichen" Figuration festhält – und gute Gründe dafür vorbringt.

Neben der Mitteltafel hat Triegel auch die beiden langgestreckten Bildtafeln der Predella, des Altar-Unterbaus, gestaltet. Die Symbole des Letzten Abendmahls auf der Vorderseite mit Weinkaraffe und Brot hat der Künstler mit einem Menschen- und einem blutigen Kalbsschädel (von der Metzgerei nebenan) ergänzt; auf der Rückseite ist das leere Grab mit Leichentuch, Dornenkrone und Kreuznägeln zu sehen. Der auferstandene Jesus der Mitteltafel-Rückseite rückt als Triegel-Gemälde zwar auch mal ins Bild – doch im Mittelpunkt des Films steht definitiv die Darstellung der Maria mit dem Jesuskind auf der Vorderseite. 

Vom Bildersturm zur lebendigen "Sacra Conversazione"

Diese Gewichtung kommt einer historischen Korrektur gleich: Im Jahr 1541 – 22 Jahre nach Fertigstellung durch Cranach – wurde der Mittelteil bei einem Bildersturm zerstört, den die Reformation in Naumburg entfacht hatte. Superintendent Nikolaus Medler hatte es vor allem auf Marienbilder abgesehen, verschaffte sich mit einem Haufen bewaffneter Metzgergesellen gewaltsam Zugang zum Dom und riss dem Cranach-Altar gleichsam das Herzstück heraus. Von Cranachs Mitteltafel-Malerei blieb keine Spur, auch nicht in Form von Vorzeichnungen. Gut für Triegel: Ohne kompositorische Vorgaben konnte er ganz von vorne anfangen.

Abstecher nach Florenz, Rom oder nach Mailand, wo Triegel im Kloster Santa Maria delle Grazie Leonardos "Abendmahl" besichtigt, zeigen seine tiefe Verbundenheit mit Italien und der Renaissance. 1968 in Erfurt geboren, war Triegel bis zum Abitur und einer anschließenden Tätigkeit als Schrift- und Grafikmaler noch DDR-Bürger. Die Wendezeit und die Möglichkeit zu Reisen – 1990 begann er auch sein Studium an der HGB – erlebte er als Offenbarung. Mit dem ersten Film-Ausflug zu einer Karfreitagsprozession auf der Insel Procida im Golf von Neapel setzt Smaczny einen kräftigen Akzent auf die Religiosität seines Protagonisten, der sich, ursprünglich konfessionslos, 2014 in der Dresdner Hofkirche katholisch taufen ließ.

Obwohl sich der Künstler an Cranachs Stil anlehnen muss, werden die Gestalten der "Sacra Conversazione" auf der Vorderseite von heute lebenden Personen verkörpert. Für das Jesuskind stand ein wirklicher Säugling Modell, Maria trägt die Züge von Triegels 16-jähriger Tochter Elisabeth, die heilige Anna gleicht seiner Ehefrau Christine Salzmann bis aufs fein gemalte Haar. Und Triegel erzählt, wie die anderen Heiligenfiguren aufs Holz gekommen sind. Den Theologen und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer malte er auf Anregung der Vereinigten Domstifter ins Bild. 

Ein Obdachloser und ein Rabbi

Weiter taucht ein Obdachloser mit Basecap im Gemälde auf, den der Maler in Rom kennenlernte, und ein Rabbi, der ihm an der Klagemauer in Jerusalem aufgrund seiner markanten Züge auffiel. Zu jeder Figur hat der Künstler etwas zu erzählen – und tut das fesselnd. Verständlicherweise scheint Smaczny auch etwas gegen Talking Heads zu haben, die typisch für Dokumentarfilm-Dutzendware sind. Bei ihm wird kaum in Richtung Kamera gesprochen; Kunsthistoriker oder Theologen, die Relevantes zum Thema beizutragen haben, sprechen mit Triegel, sodass ein Diskurs entsteht. Schön eine Szene mit Arbeitern, die während des Aufbaus im Naumburger Dom mit dem Künstler lebhaft ins Gespräch kommen.

Am intensivsten wirkt jedoch das Zwiegespräch des Künstlers mit dem Madonnenbild, dem sich Smaczny ausgiebig widmet. Faszinierend, in welcher Geschwindigkeit Triegel die Gesichtszüge seiner Figuren mit dem Pinsel hinwirft, imponierend, wie er auf die plane Fläche das kostbare Ehrentuch zaubert, das die Heiligen um Maria und das Jesuskind halten. Virtuos gestaltet der Maler Faltenwurf und florales Muster. Zu seiner illusionistischen – für viele Betrachter: anachronistischen – Malweise mag man stehen, wie man will. Es macht einfach Freude, Triegel beim Malen zuzusehen. Der bodenständig-handwerkliche Aspekt wird durch den Score von Kilian Ruben Smaczny allerdings zeitweilig torpediert, der mit seinen silbrigen, an Barockmusik orientierten Klängen eine Weltabgeschiedenheit, womöglich auch einen nicht mehr zeitgemäßen Geniebegriff transportiert, der wohl auch an Michael Triegels Kunstauffassung vorbeigeht. Neben der Neukomposition kommen Musikstücke von Johann Sebastian Bach und Arvo Pärt zum Einsatz, die weniger aufdringlich wirken.

Cranachs originale Seitenflügel mit den Porträts von Stifterbischöfen und Heiligen wurden nach dem Bildersturm von 1541 im Naumburger Domschatzgewölbe gelagert. Schon zu Anfang des Films wird betont, warum der Cranach-Altar in den Westchor des Doms, seinen ursprünglichen Standort, gehört. Die in Sandstein gehauenen, ungewöhnlich naturalistischen Stifterfiguren aus dem 13. Jahrhundert – darunter die berühmte Uta von Naumburg – blicken auf ein spirituelles Zentrum: den Altar. Smaczny zeigt die feierliche Einweihung des komplettierten Altars im Westchor vom 3. Juli 2022. Doch die Freude ist getrübt, denn im Juni hat das zuständige Unesco-Fachgremium ICOMOS Bedenken gegen den Cranach-Triegel-Altar im Naumburger Dom erhoben. Der Altar habe "beträchtliche Auswirkung auf die wesentlichen Merkmale des Welterbes Naumburger Dom", heißt es, er beeinträchtige die Sichtachsen auf die berühmten Stifterfiguren. 

Man muss sich den Künstler als glücklichen Menschen vorstellen

Seither wurde der Altar in Naumburg abgebaut, wieder aufgebaut und wieder entfernt, um ab Sommer 2025 "für zwei Jahre Zuflucht im Vatikan" (im Campo Santo Teutonico) zu finden, worüber eine Texteinblendung informiert. Die Landeskirche in Sachsen-Anhalt und Thüringen riskiert mit einem erneuten Aufbau, dass die Unesco den Welterbestatus des Naumburger Doms aberkennt. Wobei die Sichtachsen-These ziemlich fadenscheinig klingt. Niemand würde die Entfernung des Cranach-Altars aus dem Westchor fordern, wäre er noch im Originalzustand von 1519 erhalten, obwohl beide Altäre – der ursprüngliche und der von Triegel ergänzte – dieselben Abmessungen aufweisen. In Naumburg hofft man jedenfalls auf die Rückkehr des Altars – und auf ein Umdenken der Verantwortlichen.

Auch Michael Triegel hofft das Beste für "sein" Werk. Er scheint die Unbill in Sachen Cranach-Altar allerdings mit Fassung zu tragen. Und steckt schon mitten im nächsten Projekt. Am Ende des schönen Dokumentarfilms streift er durch die Ruine des ehemaligen Gefängnisses auf der Insel Pianosa im Golf von Neapel. Der Ort, ein Niemandsland zwischen Hölle und Paradies, inspiriert schon sein nächstes Bild, das im Abspann von "Triegel trifft Cranach" schon im Entstehen ist. Weitermalen. Man muss sich den Künstler als glücklichen Menschen vorstellen.