Skulptur-Triennale in Fellbach

Die Chance der kleinen Form

Leben und Tod sind Kernthemen der Kunst, doch selten ist diese Auseinandersetzung so vielfältig wie auf der 16. Triennale Kleinplastik in Fellbach. Hier zeigt sich, dass kompakte Formate mehr bewirken können als Mega-Events der Kulturwelt

Ein unscheinbarer, rechteckiger Holzkasten, der mit Erde gefüllt ist. "Earthbeds", die Arbeit des Kollektivs Blockadia*Tiefsee, symbolisiert noch am ehesten, was der Mensch sich vermutlich unter einem Habitat vorstellt: den abgrenzbaren Lebensraum einer Tier- oder Pflanzenart. In der Alten Kelter im baden-württembergischen Fellbach, einem 1906 erbauten, 2500 Quadratmeter großen historischen Weinhaus mit offenem Dachstuhl, können Besucherinnen den Würmern dabei zusehen, wie sie biologische Abfälle in Kompost umwandeln. 

Zum Glück haben sich Claudia Emmert und Ina Neddermeyer aber nicht auf die enge, "biologische" Definition des Habitats zurückgezogen, das ihrer Schau als Leitmotiv dient. Die beiden haben in der unauffälligen 47.000-Seelen-Gemeinde, eingeklemmt zwischen Waiblingen und Stuttgart, die 16. Fellbacher Triennale für Kleinplastik kuratiert. Und sie sind dabei auch nicht der Versuchung erlegen, die Idylle des hortus conclusus zu beschwören.

In den "Eartbeds" wird ersichtlich, dass die seltsamen Formen, die bei der Humusarbeit entstehen, den Kleinskulpturen verdächtig ähneln, die das Kollektiv selbst mit in die Erde gegeben hat. Kunst wird hier zum gleichberechtigten Prozess zwischen den Spezies. 

Die Natur als hybrides Monster

Die beiden Macherinnen der Triennale sind Kunsthistorikerinnen: Claudia Emmert ist seit 2014 Direktorin des Friedrichshafener Zeppelin-Museums, Ina Neddermeyer leitet in Frankfurt am Main das Museum Giersch der Goethe-Universität. In ihrem Konzept wird Carl von Linnés in seinem 1753 erschienenen Werk "Species Plantarum" erstmals benutzter Terminus zur Metapher für den Lebensraum schlechthin - vorzugsweise den gefährdeten.

"Habitat" ist zwar längst zu einem catch-all-Begriff geworden, der bis zur Beschreibung eines mondänen Lebensstils urbaner Eliten mutiert ist. Gleich zu Beginn der ausgewählten 34 Positionen wird aber das Dystopische in all seinen monströsen Facetten aufgefächert, das nicht nur Naturforscherinnen und Naturforscher inzwischen mit dem Wort verbinden.

"Bestiarium des Anthropozän" nennt sich zu Recht die eindrückliche Arbeit des an der Schnittstelle von Politik und Technik operierenden Kunstduos Disnovation.Org (Maria Roszkowska and Nicolas Maigret). Die Schautafeln an den Wänden und die mysteriösen Objekte in den Vitrinen zeigen, wie sich die ursprüngliche Natur durch die Präsenz des Menschen in ein hybrides Monster aus organischer und synthetischer Materie verwandelt hat: Durch Massentierhaltung verformte Hühnerknochen, aus dem Meer gezogene Plastik-Konglomerate, die wie geologische Formationen aussehen, Einsiedlerkrebse, die sich in Flaschenhälsen verheddert haben.

Ein Parcours der gestörten Idylle

Die Triennale leidet etwas an ihrem Hang zur Rasterung. Doch es mag für unbefangene Besucherinnen und Besucher hilfreich sein, von den "hybriden" über die "verlorenen" bis zu den "toxischen" Habitaten die entsprechenden Beispiele fein säuberlich unterschieden serviert zu bekommen. 

Für die einen stehen Mary-Audrey Ramirez' "Critters": mit einem 3-D-Drucker hergestellte, zwittrige Fabelwesen, mit denen sie die Freund-Feind-Binarität ähnlicher Gestalten aus Gaming-Videos unterlaufen will. Für die anderen tritt das nachgebaute Protestcamp der AG Architektur/Protest auf, in dem sich die Aufständischen des "Arabischen Frühlings" am Tahrir-Platz in Kairo versammelten. 

In "Onus" hat Monira Al Qadiri das Trauma der bis dahin größten vom Menschen verursachten Umweltkatastrophe verarbeitet: die 240 Milliarden Liter verbranntes Öl während des zweiten Golfkriegs 1990/91. In einem sterilen weißen "Habitat" hat sie die dabei verseuchten Tiere als dunkelblaue Glasobjekte nachgebildet. 

Kleine Plastik, große Botschaft

Eine eigens erstellte Karte schlägt gar Wanderwege entlang der sechs Triennale-Zonen vor. Die Kunst wird für diesen Parcours der "gestörten Idylle" (Emmert) freilich in Kategorien-Kästchen eingeteilt, die zu sprengen sie eigentlich angetreten ist. 

Das schmälert den geistigen Impuls der Schau jedoch nicht: nämlich den, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie aus dem geschundenen Lebensraum Orte für das gemeinsame Über- und Zusammenleben menschlicher und nichtmenschlicher Akteurinnen und Akteure werden könnte.

So politisch zielsicher, künstlerisch anspruchsvoll und absolut zeitgenössisch war die 1980 auf Initiative des damaligen FDP-Oberbürgermeisters Friedrich-Wilhelm Kiel gegründete Triennale schon lange nicht mehr. Sein Credo, von "festgefahrenen Antworten" in der Kunst wegzukommen und zu einem "freien, künstlerischen Austausch" zu gelangen, klingt heute so dringlich, wie es damals revolutionär war.

Habitat-Dilemma

Dem klassischen Begriff der Kleinplastik, mit der alles seinen Anfang nahm, kommt OA Krimmel entgegen. Der Konzeptkünstler zeigt das Damoklesschwert der atomaren Selbstauslöschung über der Zivilisation in Gestalt des "Nuclear Football". Die Porzellanskulptur des Aktenkoffers, mit dem der US-Präsident einen Atomschlag autorisieren kann, trägt auf ihrer Vorderseite einen Fußball, der auf der Rückseite zum Totenschädel wird. Verständlich, dass sich angesichts der aktuellen Krisenkumulation vom Klimawandel bis Rechtsruck auch die Kunst schwertut, einen Königsweg aus dem Habitat-Dilemma zu weisen. 

Andere Werke zielen jedoch eher auf die Reparatur der desaströsen Situation: Pinar Yoldaş' "Plastoceptor" in der Rubrik "Zukünftige Habitate" zum Beispiel, ein posthumanes Ökosystem aus spekulativen Wesen, die Kunststoffe verstoffwechseln können. Das "Penthouse" von Superflex, rosafarbene Ziegelsteine, die das Wachstum von Korallenpolypen begünstigen. Oder Alexandra Daisy Ginsbergs "Pollinator.Art", ein Online-Tool, bei dem via Algorithmus Gärten generiert werden können, die auf die Bedürfnisse der Insekten ausgerichtet sind.

Erst bei dem Projekt "Beeholder - Beecoin" des Kollektivs KunstRepublik scheint so etwas wie eine zivilisatorische Alternative auf. Als "Dezentralisierte Autonome Organisation" (DAO) vereint die Web3-Initiative Bienen und Menschen in einem gemeinsamen Entscheidungsgremium. 

Mehr bewirken als mit megalomanen Parcours

Die Fellbacher Schau - ein bemerkenswertes kulturelles Alleinstellungsmerkmal der Stadt - ist ein neuerliches Beispiel für die Chance der kleinen Form im Kunstbetrieb. Mit der Kombination ungewöhnlicher, intensiver Werke auf engem Raum, im Herzen der Provinz, lässt sich mitunter mehr bewirken als durch die megalomanen Parcours, mit denen Biennalen à la Venedig oder die Documenta in Kassel ihr Publikum oft mehr erschlagen als in ihren Bann ziehen.

Claudia Emmert demonstriert in ihrer Heimatstadt, in deren Kulturamt ihre Karriere einst begann, erneut den Ansatz, mit dem sie aus dem kleinen Zeppelin-Museum ein Labor für das Museum der Zukunft gemacht hat: Die Kunst von Gesellschaft und Politik her zu befragen, anstatt nur aus sich selbst heraus. 

Emmert hat sich nie als passive Treuhänderin des kulturellen Erbes verstanden. "Kultur erzeugt durch Ausstellungen, Theaterstücke oder Musik wirksame Narrative. Sie ist damit Gestalterin des politischen Diskurses und des gesellschaftlichen Diskurses." So beschreibt sie ihre Haltung.

Die Gralshüter können sich warm anziehen

Mit der aktuellen Friedrichshafener Schau "Bild und Macht" fragt die museale Unruhestifterin am Beispiel des Zeppelins danach, wie Bilder Macht transportieren und wie sie zur Propaganda werden können. Anfang Dezember löst die Kunsthistorikerin Stephan Berg als Spitze des Kunstmuseums Bonn ab

Für das spektakuläre Haus der Schultes Frank Architekten, direkt neben Gustav Peichls postmoderner Bundeskunsthalle im ehemaligen Bonner Regierungsviertel, besteht mit der Frau, die sich ein "politisches Museum" und ein "Widerspruchshaus" wünscht, eine neue Hoffnung: dass sich dessen intellektueller Output seinem exorbitanten Volumen annähert. Die Gralshüter des Rheinischen Expressionismus können sich schon mal warm anziehen.