Offiziell geht es um "Wahrheit" und sanity, also um eine angeblich objektive und "vernünftige" Darstellung der Geschichte. Doch wer bestimmt, was die Wahrheit ist? In diesem Fall: das Weiße Haus. Und das ist ein riesiges Problem.
Die Trump-Regierung fordert von mehreren Smithsonian-Museen in Washington die Vorlage ihrer Ausstellungskonzepte, Texte und Programme. Ziel ist eine Prüfung auf Übereinstimmung mit "amerikanischen Idealen" und die Entfernung angeblich "spaltender" Inhalte. Für Einreichung und Anpassung bleiben den Museen 30 bis 120 Tage.
Das Smithsonian ist aber keine gewöhnliche Regierungsbehörde. Es ist ein Konglomerat aus Museen und Forschungseinrichtungen, das seit seiner Gründung im 19. Jahrhundert einen klaren Anspruch verfolgt: wissenschaftlich fundierte, unabhängige Geschichtsvermittlung. Wenn nun politische Funktionäre Ausstellungstexte, Sammlungsinhalte und sogar Personalentscheidungen überprüfen, verschiebt sich das Machtgefüge: Museen werden zu Schaufenstern der Regierungspolitik. Sie sind keine offenen Foren mehr, in denen Geschichte auch widersprüchlich und vielschichtig dargestellt werden darf – unabhängig von nationalen Gründungsmythen.
Es verschwinden Gegennarrative zum Supernarrativ
Es ist kein Zufall, dass acht besonders prominente Museen ins Visier genommen werden: Vom National Museum of American History über das National Museum of African American History and Culture bis zum Air and Space Museum decken sie zentrale Narrative der US-Geschichte ab. Hier entscheidet sich, wie Millionen Besucherinnen und Besucher – aus den USA und der ganzen Welt – die Vergangenheit des Landes sehen. Wenn dort "ideologisch getriebene" Formulierungen durch "historisch akkurate" ersetzt werden sollen, dann bedeutet das in der Praxis: Geschichtsbilder, die nicht in das patriotische Selbstverständnis der aktuellen Regierung passen, werden angepasst oder gestrichen.
Das Argument der Objektivität wirkt trügerisch, erst recht von einer Regierung im Dauerstreit mit Wissenschaft und Hochschulen. Objektivität ist in der Geschichtsschreibung kein fester Zustand, sondern ein Prozess, in dem Perspektiven abgewogen, Quellen geprüft und Kontroversen offengelegt werden. Wenn dieser Prozess von politischer Seite kontrolliert wird, verschwinden nicht nur "falsche" Narrative – es verschwinden vor allem jene, die nicht der Regierungslinie entsprechen. Es verschwinden marginalisiertes Wissen, Versionen, Gegennarrative zum Supernarrativ.
Die Beispiele der vergangenen Monate zeigen, wie schnell solche Eingriffe wirken. Im Juni trat die Direktorin der National Portrait Gallery nach einer beispiellosen öffentlichen Auseinandersetzung mit Trump zurück. Der Präsident hatte auf seiner Plattform Truth Social angekündigt, Kim Sajet entlassen zu wollen – mit der Begründung, sie sei eine "hochgradig parteiische Person" und "überzeugte Unterstützerin von DEI-Programmen", womit er Bemühungen zur Gleichstellung (Diversity, Equity, Inclusion) meinte. Personalentscheidungen liegen jedoch im Verantwortungsbereich des von einem Gremium (Board of Regents) eingesetzten secretary des Smithsonian, nicht beim Präsidenten. Dennoch beugte sich Sajet offenbar dem Druck, auch wenn sie ihren Rücktritt als persönliche Entscheidung bezeichnete.
"Kultur der Zensur"
Im Smithsonian National Museum of American History wurden im Juli Hinweise auf die beiden Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump aus der Dauerausstellung "The American Presidency: A Glorious Burden" entfernt. Die Einrichtung erklärte mehrfach, es habe keine Anweisung von Regierungsseite erhalten – allerdings berichten mehrere Medien übereinstimmend, dass die Überprüfung der Inhalte auf Zwang aus dem Weißen Haus geschah.
Zeitgleich diskutierte die US-Kunstwelt über ein Porträt von Amy Sherald, das eine trans Frau als Freiheitsstatue darstellt und das in einer Einzelausstellung der Künstlerin in der National Portrait Gallery präsentiert werden sollte. Intern seien Bedenken über eine mögliche Reaktion des Weißen Hauses und drohende Mittelentzüge vorgebracht worden – zumal ein hochrangiger Vertreter der Regierung diese Darstellung von Lady Liberty als "woke" und "spaltend" kritisierte. Das Museum schlug daraufhin vor, das Werk zu kontextualisieren, etwa durch ein Video mit verschiedenen Sichtweisen. Sherald sah sich mit einer "Kultur der Zensur" konfrontiert und zog die gesamte Ausstellung zurück.
Und so entfaltet sich der Kulturkampf von oben, beständig, hartnäckig, wirkungsvoll: Die Institutionen werden mürbe geschossen, so wie die gesamte Republik seit einem halben Jahr mit einer Vielzahl von Aktionen, Ankündigungen, Provokationen, Dekreten und widersprüchlichen Botschaften überzogen wird. "Flood the zone with shit", eine bekannte Taktik aus dem politischen Kommunikationshandbuch des Trump-Lagers, scheint zu funktionieren.
Wer die Museen kontrolliert, formt das kollektive Gedächtnis
Dabei hatte die Smithsonian-Führung selbst bereits eine interne Überprüfung beschlossen, um politischen Druck zu entschärfen. Doch nun schiebt sich das Weiße Haus mit eigenen Kriterien und Fristen davor. 120 Tage sind keine Zeitspanne für sorgfältige, wissenschaftlich begleitete Revisionen. Und genau darauf zielt dieser neuerliche Generalangriff auf die Nationalmuseen.
Historisch betrachtet sind staatliche Eingriffe in die Erinnerungskultur natürlich selten neutral. Ob in autoritären Regimen oder in Demokratien mit schwindender Toleranz für Pluralität: Wer die Museen kontrolliert, formt das kollektive Gedächtnis. Und dieses Gedächtnis prägt wiederum, wie eine Gesellschaft über sich selbst denkt und welche politischen Entscheidungen sie für legitim hält.
Das gilt umso mehr für die Freiheit der Kunstmuseen, in denen doch gerade Gegenmodelle entworfen werden können. Was wäre denn eine akkurate, objektive, normale, verständliche Kunst? Wer darüber nachdenkt, wird unweigerlich an die Verfemung von Kunstströmungen als "entartet" erinnert.
Geschichte verliert ihren Wert, wenn sie zur reinen Legitimationsfolie wird
Der 250. Geburtstag der USA im kommenden Jahr (wie jung die neue Welt doch noch ist!) wäre eigentlich die Chance, die eigene Geschichte in ihrer ganzen Komplexität zu feiern – mit ihren Errungenschaften, aber auch mit ihren dunklen Kapiteln. Die geplante "Sanierung" der Smithsonian-Ausstellungen läuft Gefahr, genau diese Komplexität zu opfern. Statt Vielfalt und kritischer Reflexion droht eine glattpolierte Erzählung, die in erster Linie die aktuelle Regierung feiert.
Geschichte verliert ihren Wert, wenn sie zur reinen Legitimationsfolie wird. Museen sollten nicht den Machthabern gefallen, sie sollten der Wahrheit verpflichtet bleiben, auch wenn diese manchmal schwer zu ertragen ist. Gerade in einer Demokratie. Denn wer die Vergangenheit auf Regierungslinie bringt, schreibt nicht nur Geschichte um. Er verändert auch die Zukunft.