Die Ideen-Kolumne

Ungelegte Eier (20)

Der Himmel über Berlin, darunter all die ungelegten Eier: Das Essen mit Ferda Ataman, Christoph Felger und Moshtari Hilal hat unseren Kolumnisten so aufgewühlt, dass er das Fotografieren vergessen hat
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Der Himmel über Berlin, darunter all die ungelegten Eier: Das Essen mit Ferda Ataman, Christoph Felger und Moshtari Hilal hat unseren Kolumnisten so aufgewühlt, dass er diesmal keine eigene Fotos gemacht hat

Unser Kolumnist spricht mit Ferda Ataman, Christoph Felger und Moshtari Hilal über Herkunftsmilieus und Habitus im Kulturbetrieb – wobei die Idee zu einem gemeinsamen Projekt entsteht

Diese Ausgabe der "Ungelegten Eier"-Kolumne ist ein wenig geschummelt. Denn das Essen hat schon im November stattgefunden, ich habe, den Corona-Winter im Blick, ein Essen im Voraus gemacht. Zu dieser Offenlegung eines Zeitsprungs passt, dass Daniel Völzke als zuständiger Redakteur mich drauf hingewiesen hat, dass ich in meinen Texten mit den Tempi etwas sprunghaft umgehe – womit er aber nicht (nur) das unregelmäßige Erscheinen der Kolumne, sondern den Wechsel zwischen Historischem Präsenz und Präteritum meinte. Ich gelobe ab dieser Zeile Besserung.

Dass der Text erst jetzt erscheint, hat aber auch noch einen anderen Grund: Das Gespräch hat mich aufgewühlt, weshalb ich das Schreiben auf die lange Bank geschoben habe. Aber der Reihe nach.

Ich hatte drei Personen zu Gast: die Journalistin und Medienaktivistin Ferda Ataman, den Architekten Christoph Felger sowie die Kuratorin und Künstlerin Moshtari Hilal. Alle drei hatten ein ungelegtes Ei dabei, aber das Gespräch nahm ganz andere Bahnen, als erwartet.

Wie die Herkunftsmilieus unser aktuelles Verhalten prägen 

Alles fing damit an, das Ferda Ataman nach einer ersten Vorstellungsrunde wissen wollte, aus welchen Milieus wir stammen, weil sie uns sonst nicht einordnen könne. Also stellten wir uns nochmal einander vor – nun aber mit dem spezifischen Fokus, über unsere Herkunft zu berichten.

Wir erzählten uns vom Aufwachsen in einer christlichen Hippie-Kommune, dem lähmenden Gefühl fortlaufenden sozialen Abstiegs und von den Mühen des gegen Vorurteile und Ausgrenzung erkämpften Aufstiegs, wir lernten die Großmutter kennen, die Analphabetin war, sprachen über den "Deutsch für Ausländer"-Kurs, die "Ausländerklassen" in der Schule und den Begriff FOB (die Abkürzung steht für "Fresh of the Boat" und ist ein abfälliger Begriff für Geflüchtete, die erst vor kurzem in Deutschland angekommen sind), reflektierten die Bedeutung von Küchentischen, Familienstiftungen, Anti-Diskriminierungscoaching und Selbstfindungs-Wanderungen an der Atlantikküste.

Es ging um Klischees, um das Verständnis von Erfolg, um Demütigungen und ungleiche Lebenschancen – immer unterlegt von der Frage, inwieweit unsere Herkunftsmilieus (also die sozialen, kulturellen und ökonomischen Bedingungen, mit denen wir aufgewachsen sind) unser Selbstverständnis und unser Verhalten im Hier und Heute prägen.

Ferda Atamans ungelegtes Ei

Natürlich sprachen wir auch über unsere ungelegten Eier. Ferda Atamans Ei war ganz konkret. Nachdem sie einige Jahre in Behörden (zum Beispiel als Referatsleiterin in der Antidiskriminierungsstelle des Bundes) gearbeitet und als Aktivistin (etwa als Vorsitzende des Netzwerks "Neue deutsche Medienmacher*innen") sowie als Journalistin und Autorin (beispielsweise des tollen Buches "Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!") für mehr Diversität gekämpft hat, stellte sie uns nun ihren nächsten Schritt vor: Die Gründung der Diversity Kartell GmbH, die Unternehmen in intersektionalen Diversity-Fragen berät.

Ich finde diesen Schritt folgerichtig, denn um Gesellschaft zu verändern, muss man auch bei denen ansetzen, die die Macht haben.

Christoph Felgers ungelegtes Ei

Christoph Felgers Ei war eher eine Vision. Als Architekt beschäftigt er sich mit dem Problem, dass der Bausektor erheblich zum globalen CO2-Ausstoß beiträgt und außerdem unheimlich viel Material verbraucht – und trotzdem immer noch recht unbekümmert weiter gebaut wird. Er benutzt den Begriff "Müll" als Metapher für eine Form des "linearen Weltzugangs", von dem wir uns verabschieden müssen, weil "Müll" impliziert, dass wir unbrauchbares, unverwertbares, eben "Müll" produzieren. Dazu müssten wir aber auch unser Verhältnis zu Eigentum und Besitz verändern.

Zur Veranschaulichung schlägt er vor, dass wir zum Beispiel die Leuchte samt Glühbirne in unserer Wohnung nicht besitzen, sondern vom Hersteller inklusive Wartung und Stromkosten mieten sollten. Nur dann hätte der Hersteller ein Interesse daran, dass die Lampe wenig Energie verbraucht und lange hält. Er jedenfalls möchte in fünf Jahren ein Haus bauen, das keinen "Müll" mehr produziert und nebenbei als wertvolle Ressourcendeponie fungiert.

Moshtari Hilals ungelegtes Ei

Moshtari Hilal ist Mitglied des Kollektivs AVAH (Afghan Visual Arts and History). Ein Ei, dass sie mit diesem Kollektiv mit sich rumträgt, ist ein Buch, das zeitgenössische afghanische Kunst präsentieren will. Derzeit sammelt das Kollektiv Beiträge und sucht noch nach einer Finanzierung. Außerdem bereitet Moshtari Hilal im Rahmen der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) das Forschungsprojekt CCC (Curating Through Conflict with Care) vor. Mit Kolleg:innen will sie die Machtstrukturen in der Berliner Kunst- und Kulturszene untersuchen.

In unserer Tischrunde kamen wir gleich auf die damit verbundenen Rollen- und Identitätskonflikte zu sprechen, aus disziplinärer und aus politischer Perspektive. Ist sie Künstlerin, Kuratorin oder Influencerin? Deutsche oder Afghanin? Manchmal, so berichtete sie, wird sie als "afghanische Künstlerin" wahrgenommen, obwohl sie mit zwei Jahren nach Deutschland gekommen ist und ihre künstlerische Sozialisierung hier erfahren hat.

Idee zu einem kollektivem Ei

So landeten wir wieder bei unseren Rollen im Kulturbetrieb, den Habitus, den wir erlernt oder antrainiert haben. Wir sprachen über Museen als – vermeintlich – offene Kulturräume, dem Gefühl, dort vom Sicherheitspersonal wegen der Haut- oder Haarfarbe schräg angeguckt zu werden. Und wir tauschten unsere Erfahrungen über angemessene Honorarforderungen für Vorträge und Moderationen aus.

Das Gespräch war so spannend, dass ich vergaß, Fotos zu machen. Normalerweise rede ich nämlich nicht über die verschiedenen familiären Hintergründe, denen ich entstamme, und am Esstisch auch nicht über meine Tagessätze. Warum ich darüber eigentlich nie spreche, kann ich nicht erklären. Das hat mich aufgewühlt, und genau deshalb war es ein schönes gemeinsames Essen.

Was ich für meine Gäste gekocht hatte, weiß ich allerdings nicht mehr. Aber das ist auch nicht wichtig. Denn zum ersten Mal ist in den Gesprächen ein kollektives Ei entstanden; die Idee für eine Studie über soziale Milieus. Ich bin gespannt, wann und wie wir dieses Ei weiter ausbrüten werden.