Gruppenschau in Rüsselsheim

Sind Tattoos Kunst?

Ausgehend vom Werk des Tätowierers und Fotografen Herbert Hoffmann beleuchtet eine Ausstellung in den Opelvillen Rüsselsheim Tattoos als Kunstform. Was macht Haut als Medium so spannend? Und wie lassen sich Tätowierungen in andere Medien übertragen?

Sie entstammen einer anderen Welt. Es sind vor allem (männliche) Arbeiter, die in der frühen Nachkriegszeit bereit sind, ihre tätowierten Körper vor Herbert Hoffmann zu entblößen. Manche wirken von den Härten des Lebens gezeichnet – als wären sie schlecht gealtertes Personal der neusachlichen Malerei der 1920er-Jahre. Schlaff sind einige Körperpartien, aufgequollen die Gesichter. Trotz alledem strahlen einige tätowierte Menschen, die Hoffmann in der Adenauer-Zeit ablichtet, einen bemerkenswerten Stolz aus. Sie zeigen sich sichtlich gern.

Welchen Wandel das Tätowieren und Tätowiertwerden seitdem durchlaufen hat, demonstrieren spätere Fotografien Hoffmanns, die jetzt neben Werken zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler in den Rüsselsheimer Opelvillen zu sehen sind. "Unter die Haut. Tattoos im Blick" heißt die Ausstellung, die als Partnerprojekt von "Mishpocha" im Jüdischen Museum Frankfurt fungiert und mit den Fotografien von Sandra Mann und Jan Zappner zwei gemeinsame Positionen aufweist.

Der prominenteste Auftritt gehört aber Herbert Hoffmann. Fotografien des Tätowierers, der mit seinem Studio in Hamburg-St. Pauli bekannt wurde, verteilen sich über fast alle Räume des Ausstellungsbaus. Einen visuellen Vibe-Shift kündigen die in den 1960er-Jahren vor und in Hoffmanns Tattoo-Studio aufgenommenen Bilder amerikanischer und kanadischer Matrosen an: Weltläufigkeit, Jugendlichkeit und Popkultur statt Halbwelt und Malocherromantik.
 

"Unter die Haut. Tattoos im Blick", Ausstellungsansicht, Opelvillen Rüsselsheim, 2026
© Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim, Foto: Frank Möllenberg

"Unter die Haut. Tattoos im Blick", Ausstellungsansicht, Opelvillen Rüsselsheim, 2026


Und während der Architekt Adolf Loos 1908 schrieb, "der moderne Mensch, der sich tätowiert", sei "ein Verbrecher oder ein Degenerierter", sind in Deutschland laut einer 2021 durchgeführten YouGov-Umfrage rund 17 Prozent der Bevölkerung tätowiert. Neben der eingefleischten Szene, die sich in zahllosen Studios und auf größeren Events wie etwa der Frankfurter "Gods of Ink"-Convention trifft, agieren auch junge Künstlerinnen und Künstler an der Schnittstelle zwischen genuin künstlerischen Medien und eigener Tätowierpraxis.

In seinen Zeichnungen entwirft David Schiesser ein erzählerisches Universum voller Schiffe, Hafenstädte, Menschen, Fische und Mischwesen. In den Opelvillen zeigt er unter anderem eine zehn Meter lange Papierrolle, auf der Schiesser in seinem linienbetonten Duktus eine maritim grundierte Bildwelt entfaltet. Der 1989 geborene Künstler ist aber auch als Tätowierer aktiv: Die Motive ergeben sich aus seinen Zeichnungen, so Schiesser. "Für mich ist das Tätowieren reines Handwerk", sagt er. Seine Kunst sei die Zeichnung: "Da erfinde ich, da scheitere ich auch."

Bilder, die mit der Haut altern

In der Fotografie sieht Schiesser das einzige Medium, das Tätowierungen zu konservieren vermag. Denn auf der Haut altern Tattoos unvermeidlich. Auch für Michele Servadio ist Tätowieren "eine sehr ephemere Praxis", was die Fotografie zu einem unverzichtbaren Teil mache. Auch der 1986 geborene Künstler möchte Brücken zwischen dem Tätowieren und anderen Kunstformen bauen. Neben Fotos seiner Tätowierungen zeigt er auch Gemälde, Druckgrafiken und Monotypien, die jedoch meist im Illustrativen verharren.

Ist das verwunderlich? Schließlich sind Tattoos oft gegenständlich, ornamental oder auch plakativ. Ein Rothko-Gemälde lässt sich schlecht tätowieren. Wie eine produktive Verbindung beider Welten dennoch gelingen kann, führt Sarah Dubná vor Augen: Die großformatigen Leinwände der 1993 geborenen Künstlerin lassen mit ihrer gestisch-nervösen Dynamik an Cy Twombly oder Julie Mehretu denken. Die hin und wieder in Punkte und Flächen übergehenden Linienstrukturen trägt Dubná mit Tattoo-Nadeln auf.

Setzten die neusachlichen Maler den tätowierten Mann noch als Antlitz ihrer verwegenen Zeit ins Bild, so tätowiert Dubná ihre Leinwände direkt. Der "Drang, sein Gesicht und alles, was einem erreichbar ist, zu ornamentieren", sei "der Uranfang der Bildenden Kunst", schrieb Adolf Loos einst. Es sei "das Lallen der Malerei". Diese Ausstellung hätte ihn sicher nicht erfreut.