Eine nackte Frau steht gelassen in einem Garten mit labyrinthartigen, streng gegliederten Heckenreihen. An die Lippen hält sie ein filigranes Objekt, vielleicht eine Art Querflöte. Ihre Pose wirkt klassisch, der Körper beinahe lehrbuchhaft proportioniert. Doch zu ihren Füßen liegen abgetrennte Köpfe, aus dem Boden ragen vereinzelte Gliedmaßen. Sie nimmt keine Notiz von ihnen. In der Zeichnung "Nude Woman in a Fantasy Landscape" von 1941 zitiert die belgische Malerin Suzanne van Damme den klassischen weiblichen Akt in der Gartenidylle – und dreht ihn ins Unheimliche. Fragmentiert ist hier nicht die Frau, sondern die Körperteile zu ihren Füßen. Und mit ihnen der zerlegende Blick der Betrachtenden, den die Akttradition so lange eingeübt hat.
Mit der Gruppenausstellung "Unveiled Desires: Fetish & The Erotic in Surrealism, 1880–Today" versammelt die Richard Saltoun Galerie in London kaum bekannte, meist figurative Arbeiten, die in den großen Schauen der vergangenen Jahre rund um das Jubiläum des Ersten Surrealistischen Manifests gefehlt haben. Kurator:in ist Maudji Mendel – Mitglied des britischen Kollektivs RAW (Rediscovering Art By Women), das marginalisierte Positionen aus FLINTA*- und LGBTQIA+-Kontexten sichtbar macht.
"Unveiled Desires II. Fetish & The Erotic in Surrealism, 1880 – Today", 2026, Installationsansicht, Richard Saltoun Galerie, London
Beim Betreten der Galerie wird Mendels kuratorisches Programm schnell deutlich: Hier geht es nicht mehr um den Fetisch als historisches Kuriosum, sondern darum, wem Begehren gehört. Nicht das Objekt der Begierde steht im Zentrum, sondern der Körper als politisches Terrain – als Ort von Zuschreibung, Aneignung und Widerstand. Surreal, eigenmächtig und sinnlich verdichten sich Natur-Körper-Verschmelzungen und taktile, ambivalente Gestalten zu einer Ausstellung, die weniger nostalgisch zitiert als konsequent umcodiert.
Fliegende Blaubeerbrüste
Der Dialog zwischen den Ölmalereien von Marion Adnams und Jane Graverol macht diese queerfeministische Verschiebung, die in dieser Zuspitzung neu ist, deutlich: In Adnams’ "Emperor Moths / Thunder On the Left" (1963) schweben körperlose, blaubeerförmige Brüste als eigenständige Formen vor einem blauen Himmel, umschwirrt von zwei Motten. Während im männlich dominierten Surrealismus Fragmentierung oft als Akt der Kontrolle inszeniert wurde, funktioniert sie hier als Befreiung. In Graverols "Le Sacre du Printemps" von 1960 sitzt ein Vogel ruhig auf einer entblößten Brust – kein Angriff, keine Ekstase, sondern eine irritierende Nähe, die den Körper nicht zum Opfer macht, sondern zum Ort einer stillen, selbstbestimmten Verwandlung.
Marion Adnams "Emperor Moths / Thunder On the Left", 1963
Auch im Siebdruck "Bajo la Luna, Entre las Floras" (2023) der jungen argentinischen Künstlerin Constanza Pulit gibt es einen Garten. Dieser aber wuchert frei und überbordend. In der Mitte sitzen zwei pinke Figuren in Ganzkörperanzügen. Sie glänzen, als seien sie aus Plastik. Die Gesichter bleiben anonym, Individualität verschwindet hinter Farbe. Eine der Figuren legt den Arm auf die Schulter der anderen. Eine stille Szene – intim und unwirklich. Die Körper wirken modelliert, weniger als anatomische Gegebenheit denn als bewusste Setzung von Präsenz. Natur erscheint hier nicht als Ursprung, sondern als Bühne performativer Identität. Das Bild zitiert die impressionistische Idylle eines Liebespaares im Grünen – doch die Figuren wirken geschlechtslos. Erotik wird nicht als natürliche Folge von Geschlechterrollen erzählt, sondern als selbstbestimmtes, sinnliches Spiel mit Kink-Ästhetik hergestellt.
Umcodierung von Fetisch
Die Künstlerin Cossette Zeno treibt diese Entgrenzung weiter. In ihrem kleinformatigen Ölgemälde "Aquatic Suspension" (1954) lösen sich die Grenzen zwischen Körper und Landschaft, Innen und Außen auf. Es gibt weder Anatomie noch Geschlecht. Erotik erscheint als Übergang, als Strömung. Gerade in dieser Unbestimmtheit liegt ihre queere Qualität.
Was "Unveiled Desires" konsequent vorführt, ist eine Revision surrealistischen Begehrens. Wo der historische Surrealismus männliche Fantasien monumental überhöhte und den weiblichen Körper zum Projektionsfeld erklärte, verschiebt diese Ausstellung den Fokus auf Selbstdefinition, Blickumkehr und Ambivalenz. Der Fetisch verschwindet nicht – er wird umcodiert.
Man tritt auf die Straße mit dem Gefühl, dass es hier weniger um Verführung als um Verhandlung geht: Begehren gehört nicht dem Blick, der Körper vereinnahmt. Es lässt sich nicht besitzen, denn es entsteht in den Körpern selbst und zirkuliert zwischen ihnen. Deshalb wird es hier nicht bloß ausgestellt, sondern als Haltung eingesetzt – als Intervention. Und darin liegt die radikale Geste dieser Schau: Sie erlaubt dem Begehren, politisch zu sein, ohne es seiner Ambivalenz zu berauben.
Constanza Pulit "Bajo la luna Entre las Flores", 2023