Das Barockzeitalter bot Malerinnen wenig Spielraum. In den Niederlanden und dem heutigen Belgien widmeten sie sich vorwiegend Stillleben und Porträts. Im Fall von Michaelina Wautier war das anders. Ihr Werk trotzte allen Vorurteilen und umfasst eine verblüffende Mischung aus Historienbildern, Altarbildern, mythologischen Motiven, aber auch Szenen aus dem Alltag. Wautier teilte sich mit ihrem ebenfalls malenden jüngeren Bruder Charles ein Atelier in Brüssel. Außerdem sicherten Einnahmen aus Immobilienbesitz den Geschwistern finanzielle Unabhängigkeit.
Als Frau konnte Michaelina zwar nicht Mitglied der Brüsseler Lukasgilde werden. Trotzdem malte sie männliche Aktmodelle und arbeitete auf großen Leinwänden. Obwohl ihre Kühnheit bei damaligen Sammlern, etwa Erzherzog Leopold Wilhelm, dessen Sammlung heute im Wiener Kunsthistorischen Museum aufbewahrt wird, großen Anklang fand, blieb ihr Beitrag jahrhundertelang im Verborgenen, ihre Werke wurden oft ihrem Bruder zugeschrieben. Erst 2018 traten die Werke dieser "Grande Dame des Barock" in einer Soloausstellung in Antwerpen allmählich ans Licht. Zuletzt folgten weitere Retrospektiven in Wien und London.
Wautier malte prachtvoll gekleidete Adlige, spielende Kinder, die Seifenblasen pusten, biblische Gestalten, immer mit einem tiefen Sinn fürs Psychologische. So wirkt beispielsweise "Zwei Mädchen in der Rolle der Heiligen Agnes und Dorothea" von 1650, gerade in der Ausstellung "Unvergesslich. Künstlerinnen von Amsterdam bis Antwerpen, 1600–1750" in Gent zu sehen, mit den leuchtenden Farben, den vieldeutigen Blicken und den schwebenden Gesten so irritierend wie mitreißend. Das gilt auch für weitere Zeitgenossinnen der sogenannten Alten Meister, von denen es erheblich mehr gab, als man bisher gedacht hat.
Keine Randfiguren dieser florierenden Epoche
"Viele gehen immer noch davon aus, dass Künstlerinnen im 17. Jahrhundert eine Ausnahmeerscheinung waren, doch wir präsentieren über 40 Frauen, die wunderschöne und qualitativ hochwertige Kunstwerke schufen", sagt Frederica Van Dam, Kuratorin der Ausstellung. "Ich hoffe, dieses Narrativ hat nun ein Ende." Sie wurden bewundert, von Königen gefördert, in Gedichten besungen und in frühen Künstlerbiografien erwähnt – vor dem Vergessen schützte es sie trotzdem nicht.
Im Zentrum der vorbildlich recherchierten Schau stehen Künstlerinnen, die in Antwerpen, Haarlem oder Amsterdam arbeiteten. Ob ledig oder verheiratet, reich oder arm – viele schafften es erstaunlich weit nach oben. Ihr Wirken reicht von Gemälden und Drucken über Spitze und botanische Illustrationen bis hin zu Scherenschnitten. Sie waren keine Randfiguren dieser florierenden Epoche, das beweist der Parcours eindrücklich, sondern an nahezu allen Bereichen der Kunstproduktion beteiligt – von der Herstellung von Gemälden und Luxusgütern über die Leitung von Werkstätten bis hin zum Verkauf von Kunstwerken auf Märkten.
Zu den Stars der Zeit gehörte etwa Rachel Ruysch. Sie malte Blumen- und Pflanzenkompositionen und verkaufte sie in Amsterdam zu Preisen, die mit denen Rembrandts vergleichbar waren. Judith Leyster wurde sogar als Meisterin in die Lukasgilde in Haarlem aufgenommen. Die Stillleben-Malerin Maria van Oosterwijck konnte sich illustrer Gönner erfreuen, darunter Ludwig XIV. von Frankreich, Kaiser Leopold I. und Wilhelm III. von England.
Keine Hierarchie zwischen "hoher" und "angewandter" Kunst
Rachel Ruysch, Alida Withoos und Maria Moninckx spezialisierten sich auf Werke für Sammler, die die neuesten Entwicklungen in der Naturgeschichte verfolgten. Damit verweigerten sich alle diese Frauen der Rolle passiver Musen oder Modelle für Künstler und zogen es vor, aktive Teilnehmerinnen am Kunstbetrieb zu sein. Insbesondere die Spitzenherstellung war ein lukrativer Wirtschaftszweig, der von Frauen dominiert wurde.
Indem die Ausstellung solche Werke neben Gemälden und Drucken zeigt, stellt sie bewusst die Hierarchie zwischen "hoher" und "angewandter" Kunst infrage, die spätere Kunsthistoriker etabliert haben. Über Generationen hinweg konzentrierten sich diese überwiegend auf männliche Maler und Bildhauer, während andere Medien an den Rand gedrängt wurden. So verschwanden viele Künstlerinnen aus dem kanonischen Geschichtsbild. Mit dieser Marginalisierung räumt "Unvergesslich" gründlich auf, sowohl mit einer wissenschaftlichen Neubewertung als auch einer musealen Wiederentdeckung.