Das Unheimliche – für Britta Peters ist es "ein Zustand, der die Grundstimmung der Gegenwart treffend charakterisiert“. Peters ist künstlerische Leiterin von Urbane Künste Ruhr (UKR) und hat gemeinsam mit der Kuratorin Alisha Raissa Danscher "Unheimliche Verschiebungen – eine Ausstellung rund um den Dortmunder Hauptbahnhof" konzipiert.
15 internationale Positionen sind noch bis zum 4. Oktober zu sehen – Skulpturen, Installationen und performative Arbeiten sind größtenteils neu entstanden. Bei einem Rundgang kann man sich von einem Guide-Book oder per App begleiten lassen.
Es geht um ökologische, politische und soziale Fragestellungen, aber auch darum, einen anderen Blick auf die Stadt und das Ruhrgebiet zu vermitteln. In Dortmund ist damit die dritte Ausstellung zu sehen, die Peters begleitend zur Ruhrtriennale realisiert hat. Anfang Oktober wird ein Essayband mit dem Titel "Nicht im luftleeren Raum" erscheinen, der diese Arbeit an der Schnittstelle von Kunst und Urbanistik reflektiert.
Der Hauptbahnhof als Wunde der Stadt
"Dortmund ist die größte Stadt des Ruhrgebiets und eine der ältesten", sagt Peters. "Im Gegensatz zu den beiden vorherigen Standorten Essen und Duisburg ist es auch eine gewachsene Stadt. Das hat uns interessiert und herausgefordert." Den Hauptbahnhof in den Mittelpunkt zu stellen, hieß, den Finger in die Wunde zu legen. Soziale Problemlagen werden hier besonders spür- und sichtbar: Drogenhandel, Wohnungslose suchen Zuflucht, Sicherheitskräfte patrouillieren.
"Es ist ein gewaltvoller, aber auch eindrucksvoller Ort", so Peters. Der schlichte Neubau von 1952 mit bis zu 130.000 Passagieren pro Tag sei fast eine eigene Stadt. "Die Haltung, die wir mit der Ortswahl eingenommen haben, ist: Nicht wegschauen, nichts schönreden." Im Vorfeld gab es einen Austausch mit der Obdachloseninitiative Bodo; deren alternative Stadtführungen wurden in das Rahmenprogramm der Schau aufgenommen.
Auch andere Orte und Partner sind mit Blick auf ihre Bedeutung für die Stadt gut gewählt. Die evangelische Stadtkirche St. Petri hat ihren Ursprung im Mittelalter, die Bibliothek von Mario Botta war 1999 ein neues architektonisches Highlight, das Dortmunder U – eine ehemalige Brauerei – wurde mit Mitteln der Kulturhauptstadt 2010 zum Museums- und Kreativstandort transformiert. Außerdem Teil des Parcours: das seit Mitte der 1980er Jahre selbstverwaltete Künstler*innenhaus, das soziokulturelle Zentrum Dietrich-Keuning-Haus und leerstehende Ladenlokale im Brückviertel.
Gleis 42,5 Richtung Dubai
Die Teilnehmenden der Ausstellung reagieren frei auf die Orte und Themen. Ihre Ideen, Fragen und poetischen Lösungen sind eher Puzzleteile, eine einheitliche Antwort ergibt sich nicht.
Mitten im Hauptbahnhof hat Aleksandra Domanovic das Werk "Departures (hottest to coldest)" installiert. Eine Monitorwand zeigt ständig wechselnd ein globales Ranking von 200 Hauptstädten auf Basis der dort herrschenden Lufttemperaturen. Das Design der Arbeit ähnelt den Anzeigetafeln auf Flughäfen, und so sorgen die Klimadaten bei Reisenden für Irritation. Fragen nach Gleis 42,5 Richtung Dubai nehmen DB-Mitarbeitende mit Humor.
Über die Katharinentreppe in Richtung Fußgängerzone kommt man zur Kirche St. Petri. Die Orgel spielt wie von selbst eine Komposition von Anushka Chkheidze, Joanna Piotrowska zeigt Foto-Collagen auf Leinenstoffen und weckt Assoziationen zu Grabtüchern. Ziran Sha Peis thematisiert die Geschichte von Personen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen und wählt dafür Tragen als Malgrund.
Das ist doch eine Kirche
In der Mitte haben Transsolar eine Skulptur aus alten Klimaanlagen gebaut und nehmen damit auch die Kirche selbst als cool spot in den Blick. Pfarrerin Christel Schürmann findet diese Vielfalt inspirierend und hier genau richtig: "This is a church", sagt sie. Eine Anspielung auf die Manifesta 16, die unter dem Motto "This is not a church" aktuell Kirchenorte im Ruhrgebiet auf ihre Zukunft befragt.
Draußen zeigt sich Dortmund am Eröffnungstag noch vielfältiger: Es ist BVB-Heimspiel, alles ist voller Fußballfans – dazwischen ein Info-Stand mit der Überschrift "Warum Islam?" Gegenüber steht die Skulptur "PO-2022" von Hans Ostapenko und dem ukrainischen Kollektiv MNPL, die formal an die Berliner Mauer und das Design sowjetischer Zäune erinnert. Sie beschäftigt sich passend dazu mit der Bedeutung von Grenzen. Ein Stück weiter scheint sich Geröll durch Neda Saeedis unendliche Schleife aus Schuttrohren, dem "Monument of Oblivion II", zu bewegen.
Links herum geht es von hier zum Dortmunder U, wo man auf der vierten Etage den Underground-Sounds von Uh Huh Her lauschen kann. Rechts herum kommt die Hansastraße, in der weitere Künstlerinnen und Künstler aus dem Residenzprogramm der Urbanen Künste die Ergebnisse ihrer Ruhrgebietsrecherchen präsentieren. Katrin Mayer reflektiert in "Garngestalten" die Codes der Textilindustrie, das Duo Sakasaka kreist um die Rituale des Feierabends.
"Negative Gemeinschaft" in der Nordstadt
Doch es gibt auch eine andere Seite des Kunstschauplatzes: die Dortmunder Nordstadt. Getrennt durch den Bahnhof und die Gleise gilt dieser Teil der City als "Problemviertel". Über 60.000 Menschen leben hier, etwa 80 Prozent haben einen Migrationshintergrund.
Michael Annoff und Nuray Demir (Kein schöner Archiv) haben hier auf dem Vorplatz des Dietrich-Keuning-Hauses fünf Hörstationen installiert. Unter dem Titel "Negative Gemeinschaft" geht es um Zugehörigkeit und Selbstbestimmung. Ein Dortmunder Imam kommt zu Wort, ein Saz-Musiker spielt, zwei Frauen erzählen, wie sie 2015 hier geholfen haben, als am Hauptbahnhof die Menschen aus Syrien ankamen. Am Eingang zur U-Bahn erklärt sich die Künstlerin Anna Ehrenstein selbstironisch zur "Ghettoexpertin" und fordert Räume, in denen man sich nicht länger beweisen muss. Es lohnt sich, hier stehen zu bleiben und zuzuhören.
Bleibt noch "Tingling Earth – Schauer unter der Haut der Erde" – eine Ausstellung in der Ausstellung, die vom Dortmunder Künstler*innenhaus kuratiert wurde und den Boden als unsere Lebensgrundlage in den Fokus nimmt. "Wir teilen mit Urbane Künste Ruhr das Interesse an den Klimathemen", sagt Jana Kerima Stolzer vom kuratorischen Team.
Die Schönheit der Brüche
Hier wartet das Ende des Parcours. "Zoom in. Zoom out. Die ächzende Kugel Erde" haben Peters und Danscher ihr gemeinsames Vorwort im Guide überschrieben. Es knirscht im System. Was nun? Vielleicht noch mal zurück in den ehemaligen Optikerladen in der Hansastraße und Silke Schönfelds Film "Brückstraße" schauen. Schönfeld ist Dortmunderin, ihr Film eine kleine Hommage an diesen Teil der Fußgängerzone. Und "die Gefahr der Verklärung besteht", wie sie zugibt. Sie interviewt Clubbesitzer, Partygängerinnen und auch den Kulturdezernenten, hört ihren Gesprächspartnern zu und schaut genau hin.
Ihre Filmbilder zeigen die Schönheit der Brüche: kleine Aufkleber, eine pinke Handtasche, alte Türelemente, billiger Glitzer – aber wer bestimmt eigentlich, was wertvoll ist? Die Brückstraße ist "sehr sinnlich", findet Schönfeld. Essen, Musik, Kleidung – hier kommt alles zusammen. Ihre Nahaufnahmen sind Liebeserklärungen an die Resilienz der Gegend und an die Menschen, die sich bemühen, hier etwas zu gestalten.
Gescheiterte und gelungene Transformationen und alles dazwischen: Sie sind im Ruhrgebiet im Großen und Kleinen präsent. Sicher ein Grund, warum es für Künstlerinnen und Besuchende hier so spannend ist. "Ich verstehe meine Arbeit als Umarmung der Zwischenräume", sagt Silke Schönfeld – wahrscheinlich würden das die meisten der Beteiligten an dieser Ausstellung unterschreiben.