US-Maler Trey Abdella

"Der amerikanische Traum ist eine brüchige Fantasie"

Was passiert, wenn die Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit zur Obsession wird? Der US-Künstler Trey Abdella zeigt, wie nostalgische Ideale ins Groteske und Bedrohliche kippen

Trey Abdellas Arbeiten bewegen sich zwischen Nostalgie, Gewalt und grotesker Häuslichkeit. Der makellos gepflegte Vorstadtgarten steht bei ihm nicht für das Versprechen des amerikanischen Traums, sondern für latente Unheimlichkeit und psychische Spannung. In Malerei, Skulptur und Assemblage verwebt der 31-Jährige popkulturelle Motive, Nachkriegs-Familienbilder und surreal überzeichnete Szenen zu einem präzisen Spiegel gesellschaftlicher Widersprüche. Anlässlich seiner Ausstellung "Cold Front" bei Kraupa-Tuskany Zeidler in Berlin haben wir mit ihm gesprochen.

Trey Abdella, Ihre Arbeiten wirken wie ein verzerrter Spiegel des amerikanischen Traums – eine Mischung aus Fantasie, Angst und Ernüchterung. Welche Rolle spielt der amerikanische Traum für Sie, wenn Sie an neuen Werken arbeiten? 

Ich denke, der amerikanische Traum ist eine brüchige Fantasie. Ein Ideal, das es so nicht gibt, und das daraus entstehende Elend, wenn man versucht, diesen "perfekten" Lebensstil zu erreichen. Ein großer Teil meiner Arbeit ist in dem Konzept von Familie verwurzelt, aber auch in Bildwelten aus den 1950er- und frühen 1960er-Jahren, die ein "ideales Amerika" propagieren sollten. Diese Bilder finde ich grotesk und unheimlich. Werbungen, die Perfektion versprechen, aber die unterschwellig gewalttätig und repressiv sind.

Glauben Sie, dass der amerikanische Traum schon immer so brüchig war?

Ja, ich glaube, er war schon immer kaputt. Eine Art Illustration, ein erfundenes Paradies. Wie bei einem Norman-Rockwell-Gemälde liegt unter der wunderschön ausgearbeiteten Oberfläche eine Schicht aus Unbehagen und Boshaftigkeit. Es ist voller Künstlichkeit.

Ihre Figuren wirken gefangen zwischen Nostalgie und Albtraum. Wofür stehen sie? Spiegeln sie den Zustand der USA wider?

Auf jeden Fall. Die Figuren stammen aus ganz unterschiedlichen Quellen, aus Filmen, Werbung, Fotoalben, die ich in Trödelläden finde. Selbst die Familienfotos fremder Menschen können stark emotional aufgeladen sein. Wenn ich nach Referenzen suche, fühle ich mich ein bisschen wie Harry Potter auf der Suche nach einem Horkrux. Vieles in meiner Arbeit beschäftigt sich mit dem Gleichgewicht zwischen Dingen, die gleichzeitig süß und abstoßend sind – und ich glaube, das passt sehr gut zu dem Zustand der US-amerikanischen Psyche.

Gibt es bestimmte Filme oder Bücher, auf die Sie sich beziehen?


Ich schaue absurd viel Fernsehen, wahrscheinlich zu viel. Ich bewundere Regisseure wie David Lynch und John Waters, die dieses Spannungsfeld zwischen Perfektion und Unbehagen einfangen. Man hat eine Vorstadt-Idylle, und darin verbirgt sich etwas zutiefst Unheimliches. Ich liebe auch Robert Zemeckis. Filme wie "Matinee", "Who Framed Roger Rabbit", "Serial Mom" und "Blue Velvet" sind Werke, die mich bis heute inspirieren.

Sie haben erwähnt, dass Sie Familienfotos verwenden. Spricht Ihre Arbeit auch einen Generationenwechsel an? Die Generation Ihrer Eltern hat den American Dream ganz anders erlebt als junge Menschen heute.

Ich denke viel über Familie nach, und über meine eigenen Erfahrungen damit. Ich bin in West Virginia aufgewachsen, einem berüchtigten republikanischen Bundesstaat mit einer langen Geschichte des Kohlebergbaus. Die Generation meiner Eltern glaubt noch an Teile des amerikanischen Traums: dass harte Arbeit einem ein Haus, eine große Familie und so weiter ermöglicht. Heute fühlt sich das fast unmöglich an. Jüngere Generationen leben nicht mehr unter der Illusion, dass harte Arbeit allein ein komfortables Leben garantiert. Alle versuchen einfach nur, irgendwie über die Runden zu kommen.

In Ihrer Arbeit gibt es auch häufig das Motiv der Häuslichkeit, was aber auf eine verstörende, fast schon horrorartige Weise dargestellt ist.


Das häusliche Leben ist eine großartige Kulisse für Narrative und Geschichten. Wir alle haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein Zuhause ist, und unsere eigenen Erfahrungen prägen, wie wir Bilder wahrnehmen. Für mich ist eine perfekt gepflegte Vorstadtsiedlung mit akkurat geschnittenen Rasenflächen im Grunde die Hölle. Ich kann dieser Fantasie nicht glauben, da ich skeptisch bin.

Gerade ist dieses Thema besonders interessant, da jüngere Menschen wieder konservativer werden und eine "Trad-Wife"-Lebensweise, also klassische Hausfrauentätigkeiten und Werte, bei einer jungen Generation populär sind.


Es ist ein Blick zurück statt nach vorn, ein Festhalten an der falschen Hoffnung, dass früher alles besser war. Ein gewaltsamer Versuch, in die Vergangenheit zurückzukehren. Ich finde das unglaublich lächerlich und deprimierend.

Im Vergleich zu anderen Kulturen scheinen US-Amerikaner eine besondere Beziehung zu Nostalgie und idealisierten Familienbildern zu haben. Würden Sie dem zustimmen?

Ich glaube, jeder Mensch erlebt Nostalgie in irgendeiner Form. Wir neigen dazu, die Vergangenheit verklärt zu betrachten. In den USA ist Nostalgie aber auch stark mit Hollywood und Werbung verknüpft. Selbst im Film sehen wir ständig Neuauflagen, Prequels, Sequels. Es gibt einen allgemeinen Mangel an Kreativität oder Risikobereitschaft – stattdessen bekommen wir die sechste Version von "Jurassic Park".

Viele Menschen wünschen sich einfache Antworten, klare Helden und klare Bösewichte.

Ich glaube, es ist schwierig, vollkommen neutral zu sein, aber ich strebe täglich nach Ausgewogenheit. Die Figuren in meinen Bildern sind weder Helden noch Schurken. Sie sind einfach menschlich.

Neutral zu bleiben, ist heutzutage schwer. Haben Sie als Künstler das Gefühl, dass Ihre Arbeit politisch sein muss?

Meine Arbeit ist sicherlich kritisch gegenüber veralteten Idealen oder Modellen, aber vor allem interessiert mich, neue Dinge in die Welt zu bringen. Ich bin völlig absorbiert vom Machen, Basteln und Erschaffen.

Ihre Arbeiten verbinden Malerei, Skulptur und verschiedenste Materialien wie Objekte und Perücken. Welche Rolle spielen sie für Sie?


Ich habe zwar mit Malerei angefangen, aber ich war schon immer an Animation und Puppenspiel interessiert. Nachdem ich gelernt hatte, realistisch zu malen, habe ich mich gefragt: "Und was jetzt?" Das führte mich zu Texturen und schließlich zur Frage, was Malerei überhaupt ist. Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen Malerei, Skulptur, Assemblage, Video oder Fotografie. Alles kann ineinander übergehen. Mich interessieren Handwerk, Illusion und das Unterlaufen von Erwartungen. So viel wird heute nur noch online als winziges Bild betrachtet. Ich möchte den Menschen einen Grund geben, die Arbeiten im Original zu sehen, sie zu hinterfragen. Ich überrasche mich selbst gern mit neuen Materialien und Techniken.

Nennen Sie die Arbeiten dann am Ende Malerei oder Skulptur?


Das kommt darauf an, auf den Tag, die Jahreszeit, darauf, ob sie an der Wand oder auf dem Boden stehen. Wenn sie auf dem Boden stehen, sind sie für mich Skulpturen. Wenn sie an der Wand hängen, sind es Gemälde. Für mich besteht der einzige Weg nach vorn darin, diese Grenzen weiter zu verwischen.

Einige der Materialien, die Sie verwenden – Spielzeug oder Weihnachtsdekoration – tragen starke kulturelle Bedeutungen. Wählen Sie die Objekte aufgrund ihrer symbolischen Aufladung?

Das hängt immer vom einzelnen Werk ab, und davon, wie Dinge miteinander funktionieren. Ich wähle nichts zufällig aus. Ob materielles Interesse oder symbolische Bedeutung – Objekte wie die "Dreamsicle-Engel" erinnern mich an meine Großmutter und stehen für Unschuld. Dinge wie "Live, Laugh, Love"-Rahmen sind emotional aufgeladen und gleichzeitig unsichtbar präsent. Meine Mutter war besessen von diesem Spruch – er war überall. Für mich fühlte sich das wie eine Fassade an: Symbole von Glück, das eigentlich gar nicht da war. Dieser Widerspruch fasziniert mich sehr.

Leben Sie auch privat mit diesen Objekten?

Ein paar habe ich um mich herum. Meine Partnerin sagt, ich sammle einfach gern Müll – wie der Grinch. Ich finde etwas auf einem Flohmarkt in West Virginia und denke: "Das ist perfekt." Mein Atelier ist voll mit Spielzeug, Büchern, Puppenhäusern, Marionetten, Plastikpflanzen und einer Standuhr. Ich liebe die Idee, die Uhr in einer Arbeit zu verwenden. Aber ich habe noch nicht ganz herausgefunden wie.