Nachruf

Die vielen Häutungen der Valie Export

Porträtfoto einer Person mit optischem Sucher am Auge, lächelnd, im Freien; Nahaufnahme
Foto: Actionpress

Valie Export im Jahr 1995. Damals war sie Professorin und Leiterin der Kunsthochschule für Medien Köln

Mit Performances, Filmen und Fotografien machte Valie Export den Körper zum Schauplatz gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Nun ist die österreichische Medien- und Performancekünstlerin im Alter von 85 Jahren in Wien gestorben

Eine ihrer letzten Arbeiten zeigt einen Unterarm. Es ist eine Schwarz-Weiß-Fotoserie. Valie Export legt ihren Arm auf eine steinerne Schlangenskulptur am Sockel einer Statue im Innenhof der Universität Wien. Spürbar ist die Zärtlichkeit dieser Berührung, die Suche nach einer Wesensverwandtschaft, vermittelt durch das tastende Angleichen der Oberflächen. Die Struktur der Schlangenhaut und die Haut einer älteren Frau treten in eine beinahe mimetische Beziehung. Beide vermitteln Eleganz, ebenso Vorsicht wie Sicherheit in der Bewegung, ja auch Schönheit. Gerade in dieser Annäherung wird ein künstlerisches Motiv von Export verständlich. Der Körper wird nicht als abgeschlossene Einheit, sondern als durchlässige Oberfläche, als Ort der Einschreibung von Geschichte, Zeit und gesellschaftlichen Bedingungen verstanden.

Während der Pandemie, als Export mehrere Monate aus gesundheitlichen Gründen isoliert ist, erzählt sie von ihrer Kindheit im österreichischen Salzkammergut. Dort habe sie Schlangen gesammelt und heimlich im Nachtkästchen vor der Mutter versteckt. Diese Erinnerung erscheint fast archetypisch. Die Schlange wird bei Export nicht bloß Motiv, sondern Denkfigur, ein Wesen der Häutung, der Transformation, der Grenzüberschreitung, der weiblichen Figuration.

Ab den 1970er-Jahren legt sie sich in den berühmten "Körperkonfigurationen" selbst auf Straßen und vor die Gebäude der Wiener Ringstraße. Ihr Körper passt sich Rundungen an, zeichnet Ecken und Linien architektonischer Formen nach, unterwirft sich und zeigt sich widerstrebend. Mitunter trägt sie geometrische Linien direkt in die Fotografien ein, die heute als Schlüsselwerke der Nachkriegsmoderne gelten. Die Geometrie erscheint dabei nicht neutral, sondern als Sichtbarmachung gesellschaftlicher Ordnung. Architektur wird zum Ausdruck institutioneller Macht, der Körper zum Medium ihrer Erfahrung.

Besonders deutlich wird dies in jener Fotografie, die Valie Export rücklings auf den Stufen des Parlaments zeigt. Dort, auf den grauen Stufen des Hohen Hauses, wölbt sie ihren Körper zu einer unbequemen und zugleich eleganten Brücke, als Angleichung und Widerstand zugleich. Über ihr erscheint, angeschnitten, die Statue der Athene, die seit dem 19. Jahrhundert über den Staat wacht, Sinnbild legislativer Vernunft, Ordnung und patriarchaler Autorität. Auf ihrem Schild wiederum das Haupt der Medusa, jenes Schlangenwesen, dessen Blick die Kontrahenten versteinert.

In dieser Bildkonstellation verdichten sich Bedeutungen. Der weibliche Körper wird zugleich Objekt politischer Ordnung und Ort ihrer Unterbrechung, er ist Medium, aber auch Wirkung und Widerstand, Bild und Gegenbild der rationalisierten Herrschaftsordnung.

Dabei ist der Körper bei Export nicht fest gefügt oder erstarrt, sondern stets Handlungsträger. Schon im "Fingergedicht" untersucht sie die Hände als Werkzeuge von Kommunikation und Wahrnehmung. In Zeichnungen und Arbeiten auf Papier schreibt sie mit beiden Händen gleichzeitig oder blindlings. Es sind Etüden des Andersseins, wie heute bei Florentina Holzinger. Die Spur der Linie dokumentiert Kontrollverlust und Entzug bewusster Steuerung. Schrift bewegt sich an der Grenze der Lesbarkeit. Sie wird zu Riss, Kratzspur und Kritzel, zu einem Diagramm psychischer und gesellschaftlicher Einschreibungen.

Körper ist immer schon kulturell codiert

Entscheidend ist dabei, dass diese Spuren niemals bloß individuell verstanden werden. Export widerspricht ausdrücklich der Vorstellung eines authentischen, unmittelbaren Ausdrucks des Körpers, wie ihn männlich dominierte Strömungen des Tachismus oder Informel propagierten. Dort galt die Geste als Ausdruck innerer Wahrheit, spontaner Energie oder subjektiver Freiheit. Export dagegen zeigt: Der Körper ist immer schon kulturell codiert. Gerade der weibliche Körper erscheint nicht natürlich, sondern gesellschaftlich produziert, reguliert durch Sprache, Blicke, Normen und Machtstrukturen.

Hier berührt ihre Kunst theoretische Ansätze des Poststrukturalismus und feministischer Körpertheorien. Der Körper ist kein ursprüngliches Wesen hinter der Gesellschaft, sondern entsteht erst durch gesellschaftliche Praktiken und Diskurse. Was als "weiblich", "natürlich" oder "authentisch" erscheint, ist Ergebnis historischer Machtverhältnisse.

Genau deshalb versucht Export nicht, zu einem vermeintlich ursprünglichen Körper zurückzukehren. Vielmehr legt sie jene Strukturen offen, die Körper formen und kontrollieren. Ihre Kunst arbeitet analytisch. Sie zerlegt Wahrnehmungsordnungen und macht sichtbar, wie tief Macht in Gesten, Bilder und Bewegungen eingeschrieben ist.

Umdeutung der Schlange gegen die Kunstgeschichte

Auch die Schlange deutet Valie Export gegen die Tradition der Kunstgeschichte um. Nicht als Symbol der Sünde oder Verführung, sondern als Figur körperlicher Transformation. Häutung bedeutet hier nicht Täuschung, sondern Veränderbarkeit und Widerstand gegen feste Zuschreibungen.

Dies zeigt sich bereits in "Body Sign Action" (1970), dem Tattoo einer Strumpfband-Schnalle auf ihrem linken Oberschenkel. Das Tattoo dient zugleich als Zeichen, Eingriff und Performance. Der Körper wird nicht länger passive Bildfläche männlicher Projektionen, sondern aktiver Träger gesellschaftlicher Aussagen. 

Noch radikaler geschieht dies in den Performances. Macht, Verfügung über den Körper und männlich dominierte Sichtweisen werden nicht bloß dargestellt, sondern physisch durchgespielt, bis hin zur Möglichkeit von Verletzung. Besonders brüskierend wirken Arbeiten wie "Aktionshose: Genitalpanik" oder das "Tapp- und Tastkino". In "Aktionshose: Genitalpanik" bewegt sich Export mit im Schritt aufgeschnittener Jeans durch die Reihen eines Münchner Kinos und zwingt die Besucher*innen in eine direkte Konfrontation mit weiblicher Körperlichkeit. 

Im "Tapp- und Tastkino" bietet sie Passant*innen ihren Busen zur Berührung an. Entscheidend ist dabei nicht Provokation um ihrer selbst willen. Export verschiebt vielmehr die traditionellen Rollen von Betrachter*in und Betrachteter. Das Publikum wird aus der Position distanzierter Kontrolle herausgelöst und in die eigene Beteiligung verstrickt. Wahrnehmung erscheint nicht mehr neutral, sondern als gesellschaftlich organisierter Akt von Macht und Begehren.

 

Auch ihre Filme folgen dieser Untersuchung von Wahrnehmung, Körper und gesellschaftlicher Konstruktion. In Werken wie "Unsichtbare Gegner" verbindet Export experimentelle Bildsprache mit feministischer Analyse. Der Film dient nicht bloß der Erzählung, sondern wird selbst zum Instrument der Dekonstruktion. Kamera, Montage und Ton destabilisieren kontinuierlich den Blick. Perspektiven verschieben sich, Identitäten zerfallen, Wahrnehmung verliert ihre vermeintliche Sicherheit. Wie in den Performances bleibt der Körper zentral: als Projektionsfläche gesellschaftlicher Zuschreibungen, zugleich aber auch als Ort möglicher Gegenwehr.

Dabei arbeitet Export niemals spontan oder unüberlegt. Auch ihre aktionistischen und performativen Werke sind präzise konzipiert, in Texten vorbereitet und theoretisch durchdacht. Konzeptpapiere und Notate versteht sie als eigenständige Kunstwerke. Sie begreift Kunst als Denkprozess, als Konstruktion, Analyse und Modell gesellschaftlicher Wirklichkeit. Daraus folgt konsequent ihre Auffassung, dass auch soziale Realität selbst konstruiert ist — hervorgebracht durch Gesetze, Institutionen, Bilder und internalisierte Verhaltensmuster.

Kunst erhält dadurch eine erkenntniskritische Funktion. Sie soll jene verborgenen Machtstrukturen sichtbar machen, die Wahrnehmung und Identität formen. Oder, im Bild der Schlange gesprochen: Sie soll die alten Häute gesellschaftlicher Ordnung abstreifen.

Jede Gegenwart ist bereits Spur ihres Verschwindens

Immer wieder versucht Export, Gedankliches in Bilder zu übersetzen und umgekehrt Sehweisen gedanklich durchsichtig werden zu lassen. Deutlich wird dies in der Serie "Ontologischer Sprung". In der Fotografie "Arm" aus der Serie "Aus dem humanoiden Skizzenbuch der Natur. Konzeptuelle Fotografie" (1974) legt sie ihren realen Arm auf die Fotografie ihres Armes. Beide berühren einander, doch auch der reale Arm erscheint letztlich nur noch als Bild, als Ausschnitt aus der Zeit, als etwas zugleich Gegenwärtiges und Vergangenes. Der "ontologische Sprung" verweist damit auf die Struktur des Bildes selbst: auf seine Doppelheit als Nähe und Distanz, Anwesenheit und Verlust. Das Bild bewahrt den Körper und entzieht ihn zugleich. Es macht sichtbar, dass jede Gegenwart bereits Spur ihres Verschwindens ist.

Am 14. Mai ist Valie Export in Wien gestorben, nur drei Tage vor ihrem 86. Geburtstag. Vielleicht lässt sich von hier aus auch der Nachruf selbst verstehen. Denn auch die Todesnachricht vollzieht einen ontologischen Sprung. Eben noch erscheint ein Mensch als Handelnde, Sprechende, Wahrnehmende in der Welt und im nächsten Moment wird aus der lebenden Person ein Bild, eine Erinnerung, ein Name im Text. Der Körper verliert seine Möglichkeit zu handeln und bleibt doch als Spur, als Einschreibung, als Form gesellschaftlicher und ästhetischer Wirkung bestehen.

Gerade darin liegt die eigentümliche Konsequenz von Exports Werk, dass der Mensch niemals nur biologischer Körper ist, sondern immer auch Bild, Zeichen, soziale Figur und kulturelle Einschreibung. Der Tod beendet die Bewegung des Körpers, nicht aber seine Lesbarkeit.