Dienstagfrüh, Vorbesichtigungstage der Venedig-Biennale, man ist gerade angekommen in den Giardini und möchte jetzt so gerne Kunst sehen, kommt einem die Pariser Galeristin mit aufgerissenen Augen und konspirativer Stimme entgegen: Gleich beginne eine Solidaritätsaktion, ein Drohnen-Chor, der auf die Situation der Menschen in Gaza hinweisen solle, jeden Tag um 12 Uhr an immer anderen Orten werde die Aktion stattfinden, man solle unbedingt kommen, sie mache es insbesondere für die Deutschen, weil die noch immer nicht verstünden…
Am Mittwoch kurz vor 13 Uhr klingelt die WhatsApp-Nachricht eines befreundeten Redakteurs: Pussy Riot demonstriere vor dem russischen Pavillon, ob man zufällig da sei, zufällig Fotos machen könne. Doch die Hektik ist ganz unnötig: Um 13:35 Uhr versendet die PR-Agentur von Pussy Riot ein Statement "Pussy Riot and FEMEN storm the Russian Venice Biennale Pavilion" samt hochauflösendem Fotomaterial; wenig später berichten die internationalen Agenturen und Magazine (auch Monopol).
Um kurz nach 20 Uhr kommt von derselben Agentur dann die Nachricht über den Release der neue Pussy-Riot-Single "Disobey" samt dazugehörigem Musikvideo, gefilmt auf der Venedig-Biennale – was rein zeitlich eine ziemlich beeindruckende Marketingaktion darstellt.
"Rezensionen klicken nicht"
Ein bisschen später freut man sich, im Arsenale einer Kuratorin zu begegnen, die man lange nicht gesehen hat, doch sie eilt schnell weiter: Gleich gebe es hier eine Demo vor dem israelischen Pavillon, außerdem vielleicht noch eine Gegendemo, sie wolle auf gar keinen Fall zufällig auf ein Foto geraten, egal auf welcher Seite. Wenn das jemand auf Insta sehe, käme sie in Teufels Küche! Tschüss, bis bald, nice to see you.
Am Donnerstagmorgen trifft man auf einen alten, sehr geschätzten Autorenkollegen eines renommierten englischsprachigen Mediums, der sehr traurig und erschöpft aussieht. Seine Redaktion sitze ihm im Nacken, erzählt er, ob man irgendwas Aufregendes gesehen habe, ob man eine Story für ihn habe. Diese junge vietnamesische Malerin im zentralen Pavillon sei sehr spannend, sagt man, doch er winkt gleich ab: Seine Redakteure wollten immer nur noch was Politisches von ihm, Rezensionen klicke niemand mehr, er solle irgendwas zum "Antisemitismus in der Kunstwelt" machen oder zu irgendeinem anderen Skandal, ganz egal was. Vielleicht schaue er jetzt noch mal beim holländischen Pavillon vorbei, da gebe es doch diese Performance, bei der man eingesperrt werde, irgendwas zum Thema Migration, vielleicht können sie dazu online was bringen.
Wie ihm die Biennale sonst so gefallen habe, kann er leider nicht sagen: Er habe bislang kaum Kunst sehen können.