"Das wahre Leben einer Frau beginnt", verrät die Malerin Isabella Ducrot der Schriftstellerin Verena Lueken, "wenn sie sechzig und für die Natur unbrauchbar geworden ist." In dieser brutalen Bilanz steckt die Lizenz zum Freisein.
Luekens Begegnungen mit produktiven Frauen wie der Filmemacherin Ulrike Ottinger, den Malerinnen Carmen Herrera und Isabella Ducrot oder der Schriftstellerin Ulrike Edschmid sind wunderschöne Porträts und Studiobesuche bei jenen Schöpferinnen, die oft als "lange übersehen" und "wiederentdeckt" anmoderiert werden (dieser Zuschreibung aber selbst gar nicht folgen, sondern einfach weitermachen). Mit keiner von ihnen sprach Lueken über das Alter selbst. "Einige haben 'noch' und 'nicht mehr' aus ihrem Vokabular gestrichen." Keine von ihnen wolle "ein Vermächtnis hinterlassen, um auch der Nachwelt die Möglichkeit zu geben, sie zu bewundern".
Genauso gern wie in die Ateliers und Wohnzimmer der unbeirrten Damen folgt man Luekens eigenen feinen, manchmal leicht ironischen Überlegungen. Zum Beispiel dazu, ob man lieber als Frau oder als Dame betrachtet werden möchte – für beides gibt es plausible Gründe. Wie geht man mit der Ignoranz der anderen um? Nicht alle alten Frauen wollen zur 100-jährigen Stilikone werden und als "verrückte Nudel" performen. Sie wollen einfach tun, was zu tun ist, und sie wissen verdammt gut, wie das geht.
"Für die Natur unbrauchbar", wie Isabella Ducrot es nannte, sind sie vielleicht auf Reproduktionsebene – eine verächtliche Kategorie. Doch ihr Wissen, ihre Erfahrungen sind evolutionär unverzichtbar. Wie sonst ließe sich erklären, dass Frauen darüber hinaus noch ein langes Leben haben, deutlich länger als Männer?