Dresden zeigt große Ausstellung

Ein neuer Blick auf Vermeer

Es ist ein Highlight des Ausstellungsjahres und brachte sogar die Bundeskanzlerin nach Dresden: Die Staatlichen Kunstsammlungen erwecken Vermeer zu neuem Leben. Im Zentrum steht ein Bild, auf das wir nach seiner Restaurierung mit völlig neuen Augen blicken

Stoffe werfen Falten, der Brokat ist zum Greifen nahe – nicht ganz natürlich, denn es ist ja nur ein Bild. Aber was heißt hier "nur"? Immerhin handelt es sich um Johannes Vermeers "Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster", das nun, nach einer aufwendigen Restauration, Zentrum der Ausstellung "Vom Innehalten" im Dresdner Zwinger über den großen niederländischen Maler mit dem so kleinen Œuvre ist.

Der Betrachter erblickt das brieflesende Mädchen durch einen zurückgezogenen gelben Vorhang. Anders als im Falle der illusionistischen Malerei, für die rahmende Vorhänge so bedeutsam sind, lässt sich dieser Vorhang weder eindeutig dem Raum des Mädchens noch des Betrachters zuordnen. Der Maler erzeugt ein eigentümliches Verhältnis von Nähe und Distanz, indem er den Blick auf seine Briefleserin zwar freigibt, aber Vorhang und einen Tisch zwischen ihr und dem Betrachter platziert, als wolle er verhindern, dass ein allzu aufdringlicher Betrachter der jungen Frau zu naherückt und die intime Szene stört. Denn intim wirkt sie, die Szene, in der das Mädchen leicht über den lesenden Brief zu erröten scheint.

Sie ist nicht die einzige Figur in einem Vermeer-Gemälde, die am Fenster steht. Erst in der Wiederholung des Motivs der Frau oder, etwas seltener, des Mannes vor dem Fenster wird sichtbar, dass es um das Verhältnis von Schatten und Licht, Innen- und Außenwelt, Raum und zweidimensionaler Leinwandoberfläche geht. Anders als in der Trompe-l’œil-Malerei, in der das Fenster den Blick in das Bild rahmt, und der Fensterrahmen üblicherweise die Schwelle zwischen Bildinnerem und hineinschauendem Betrachter bildet, rückt das Fenster bei Vermeer an den Bildrand, bildet den Blickpunkt für die Figur im Bild, die in eine Welt schaut, die der Betrachter nicht oder allenfalls in gröbsten Andeutungen sehen kann. In Fragen der Blickbeziehung ist das Dreieck zwischen Betrachter, Figur und der betrachteten Welt also nicht geschlossen – und scheint auf Ebene der Bildbedeutung mit der Offenheit der Deutung des vermeerschen Werkes zu korrespondieren. Geht es Vermeer nun um das Innenleben der Figuren? Oder gilt sein eigentliches Interesse der Materialität der Welt, die er mithilfe von Licht, Schatten und Pigment zum Leben erweckt?

Restaurierung in Vermeers Sinne?

Dass es nicht nur um allegorische Bildgegenstände geht, zeigt der Vergleich mit Zeitgenossen wie dem Utrechter Caravaggisten Dirck van Baburens (zu sehen ist seine "Fröhliche Gesellschaft"), der eine Szene mit Kupplerin, junger Frau und zwei Freiern zeigt. Aber hier steht die Deftigkeit, das Fleischliche im Vordergrund. Schon fällt der jungen Dame die ohnehin nur notdürftig bedeckte Brust aus der Bluse, und ob das Bild tatsächlich mahnt oder eher animiert, darf der Betrachter entscheiden. Bei Vermeers Variante "Bei der Kupplerin" tritt das Lüsterne deutlich zugunsten des Spiels mit den malerischen Mitteln selbst zurück. Obwohl man auch bei ihm Andeutungen des Erotischen erkennen mag. Etwa wenn die zart gerötete Pfirsichhaut des brieflesenden Mädchens in den Pfirsichen (immerhin nicht irgendein Steinobst!) in der Schale vor ihr aufgenommen wird. Tisch und gelben Vorhang zur Rechten des Bildes könnte man glatt mit einem Bett verwechseln, dessen Vorhang der Cupido im Hintergrund sogleich zuziehen wird.

Kurator Stephan Koja unterstreicht aber eine andere Bedeutung. Der aufgezogene Vorgang stehe für den Akt der Enthüllung einer Wahrheit. Die Welt ist ein Geheimnis. Und wenn immer wieder Briefe, Botschaften aus der Welt, am Fenster gelesen werden, oder das Personal im Bild im entscheidenden Moment einer Unterhaltung wie eingefroren wirkt, dann ist es die Übermittlung der Botschaft selbst, die in den Blickpunkt des Betrachters gerückt wird. Genannter Cupido, der bei der restauratorischen Untersuchung des Gemäldes unter Farbschichten sichtbar wurde, bereitete während der Restauration einiges Kopfzerbrechen. So musste entschieden werden, ob die Übermalung von Vermeer selbst stammte – also in seinem Sinne war. Und es stellte sich die Frage, wie das dem Betrachter so vertraute Gemälde in seinem wiederhergestellten Zustand wirken würde. Nun, da der Cupido wieder sichtbar ist, zeigen sich Bezüge zu anderen Werken Vermeers umso deutlicher.

Die Ausstellung zeigt insgesamt elf der 37 Gemälde Vermeers. "Jede Ausstellung zu Johannes Vermeer ist eine Sensation", unterstreicht Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Diese ist die größte Ausstellung zu Vermeer, die es bisher in Deutschland gegeben hat. Zu den Eröffnungsgästen gehörten vergangenen Donnerstag auch Angela Merkel und der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte. Ein Bild zeigt Angela Merkel, die der Briefleserin – immerhin handelt es sich um ein kleines Gemälde – sehr nahe rückt, um ihre Details erkennen zu können. Nicht zufällig wirkt sie dabei wie jemand, der heimlich eine intime Szene beobachtet. Um ein halbes Jahr musste die Eröffnung der Ausstellung pandemiebedingt verschoben werden. Nun dürfen Besucher, wohl geordnet mittels vergebener Zeitkontingente, Vermeer und andere niederländische Maler des 17. Jahrhunderts bestaunen. Die Staatlichen Kunstsammlungen dürften einem neuen Besucherrekord entgegensehen.