Waldmüller-Gemälde wird versteigert

Biedermeier mit NS-Hintergrund

Ferdinand Georg Waldmüller war einer der Lieblingsmaler von Adolf Hitler. Sein Gemälde "Hansl's erste Ausfahrt" sollte im "Führermuseum" in Linz hängen und wurde erst im Sommer restituiert. Nun wird es in Wien versteigert. Ist das problematisch?

Der gescheiterte österreichische Landschaftsmaler und deutsche "Führer" Adolf Hitler hatte an dem Biedermeier-Maler Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865) einen Narren gefressen. Für ein geplantes, aber – Gott und Alliierten sei's gedankt – nie fertig gestelltes "Führermuseum" in Linz ließ er neben vielen tausend Hauptwerken der europäischen Kunstgeschichte auch bis zu 60 Gemälde des österreichischen Genremalers Waldmüller von Kunsthändlern und Beauftragten "einsammeln". 

Das nun am 22. Oktober im Auktionshaus Dorotheum in Wien zur Versteigerung kommende Gemälde "Hansl's erste Ausfahrt" von 1858, inklusive des volkstümlichen "Deppenapostroph" im Titel, wurde erst im Juli 2025 an die Erben der letzten rechtmäßigen Besitzerin restituiert. Der Fall ist auf der Seite der Bundeskunstverwaltung in seiner zeittypischen Gewundenheit gut dokumentiert. Aber auch auf der Rückseite des historischen Rahmens hinterließ die Geschichte in Form diverser Kreideinschriften, Etiketten und Inventarnummern seine Spuren.

Die letzte rechtmäßige Besitzerin des Gemäldes war die österreichische Unternehmerin Grete Klein, die das Bild vermutlich 1918 von ihrem Vater erbte. 1937 lieh sie es für eine Waldmüller-Ausstellung in Salzburg aus. Damit war das Ziel des Verkaufs verbunden, doch es gab kein zufriedenstellendes Angebot.

Verkauf unter handfesten Drohungen

Nach dem "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich 1938 trat die Münchner Galeristin Maria Almas-Dietrich auf den Plan und presste der Schuh-Fabrikantin Grete Klein – die kurz darauf mit ihrem Mann nach Palästina auswanderte – das Bild ab. Almas-Dietrich hielt für Hitler gezielt Ausschau nach Waldmüller-Gemälden und war bekannt dafür, Jüdinnen und Juden unter handfesten Drohungen zum Verkauf zu drängen.

Die "Ausfahrt" befand sich ab 1938 in der Vorgängersammlung zum "Sonderauftrag Linz", kam dann ins "Verzeichnis der für Linz in Aussicht genommenen Gemälde" und wurde im Führerbau in München eingelagert. Als die Front näher rückte, gelangte es zur Sicherung ins Salzbergwerk Altaussee. Die US-amerikanische Militärregierung übergab das Werk 1949 an die Treuhänderschaft des bayerischen Ministerpräsidenten, der es wiederum bald an die bundesdeutsche Treuhandverwaltung weitergab. 

1960 ging der Waldmüller als "ehemaliges Reichsvermögen" in den Besitz des Bundes über - damals lebte Grete Klein noch in Israel. Sie starb 1962, ohne von diesen Vorgängen zu erfahren. Ihr Bild hing zuletzt mehr als 40 Jahre lang im Museum Wiesbaden. Kleins Rechtsnachfolger erhielten es erst in diesem Sommer im Zuge der Restituierung zurück und haben es nun zur Versteigerung in Wien eingeliefert.

"Es gibt keine anonymen Bieter"

Das Auktionshaus Dorotheum nennt für "Hansl's erste Ausfahrt" einen Schätzpreis von 400.000 bis 600.000 Euro. In der Mitte des Bildes sehen wir ein gut gediehenes Kleinkind fröhlich auf einem Handkarren sitzen, begleitet von Geschwistern und umrankt von der bäuerlichen Familie, die durchweg barfuß in Erscheinung tritt. 

Der Karren wird von einem Burschen gezogen, dessen Hemd auf Brusthöhe einen guten Spalt offen steht und neckisch Haut freilegt. Die Großmutter erscheint schattenhaft im Dunkel. Das Licht ist in verblüffender Weise um den quadratischen hinteren Scheunenausschnitt inszeniert. Wer die Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis und ihren Kult um eine "Naturwüchsigkeit" der imaginierten "Herrenrasse" nur ein wenig kennt, ahnt, was Hitler an dem Werk fasziniert haben mag.

Zu der Frage, ob die bevorstehende Versteigerung eine bestimmte Klientel anlocken könnte, die auf der Suche nach einer durch Gegenstände vermittelten Nähe zum "Führer" wäre – vulgo Nazi-Souvenirs – antwortet die Pressesprecherin des Auktionshauses Dorotheum, Doris Krumpl: "Es handelt sich bei dem Waldmüller Gemälde um ein museales Werk, das den Erben der jüdischen Industriellenfamilie Fischer (verh. Klein) restituiert wurde, in deren Auftrag das Dorotheum das Bild versteigert. Aus Sorge um etwaige Devotionalien-Sammler ein solches hochkarätiges Werk nicht in einer öffentlichen Versteigerung anzubieten, halten wir im Sinne der Erbengemeinschaft für nicht gerechtfertigt. Da es sich zudem bei der Versteigerung um eine große Live-Auktion handelt, werden alle potenziellen Käufer im Vorfeld überprüft, es gibt keine anonymen Bieter."

Zur selben Frage erklärt Nadine Bauer, Expertin für Provenienz-Recherche im Auktionshaus Grisebach, die 2020 zur Kunsthändlerin Maria Almas-Dietrich promovierte: "Das habe ich persönlich noch nicht beobachtet, dass das eine Rolle spielt bei Käufern. Mein Eindruck ist eher, dass eine geklärte Provenienz die Entscheidung zu einem Ankauf erleichtert." Bauer spielt darauf an, dass dieser Fall, der nun am 22. Oktober mit der Auktion einen Abschluss findet, den vielen weiterhin verschollene Werken aus dem "Sonderauftrag Linz" gegenüber steht. Dabei geht es um rund 450 Bilder.