Marcel Odenbach im Interview

"Video hat seine Unschuld verloren"

Herr Odenbach, Sie haben einmal gesagt, Ihre Motivation, mit Video zu arbeiten, läge darin, dass das Endprodukt nicht als dekorativer Wandschmuck verwendet werden kann. Jetzt zeigen Sie eine Ausstellung ausschließlich mit Papierarbeiten, die durchaus den Charakter einer Ware haben. Haben Sie Ihre Meinung geändert?
Vielleicht bin ich weniger radikal geworden. Erstmal habe ich mit Papierarbeiten angefangen. Über die Papierarbeiten und mein Studium habe ich um 1974 das Medium Video für mich entdeckt. Es war unabhängig von kommerziellen Märkten, das hat mich damals gereizt. Die Papierarbeiten haben dann als Entwürfe für die Videos gedient, bevor sie sich parallel zu den Videoarbeiten vollkommen auseinander entwickelt haben. Wenn man sich aber beide Stränge, Video und Papier anschaut, gibt es auffällige Parallelen, die Benutzung von Schrift und Sprache etwa, das Arbeiten mit Fremdmaterial und mit verschiedenen Bildebenen, allen voran die Idee des Collagierens. Mit dem veränderten Markt ist auch Video irgendwann sehr kommerziell geworden, was mich teilweise desillusioniert hat. Jeder Videokünstler will heute auch Filmemacher sein. Viele haben als Experimentalfilmer angefangen und fassen jetzt keine Produktion unter einer Million Euro mehr an. Das finde ich fragwürdig. Deswegen habe ich auch nie einen großen Film machen wollen. Ich wollte unabhängig sein, mein eigener Produzent, Schauspieler, Kameramann in einem. Ich hoffe, dass es in zehn Jahren wieder eine Generation gibt, die diese Form von Unterhaltungsvideo hinterfragt und auch bewusst  ablehnt.

Sie haben auch auf der Straße gearbeitet. Wäre das heute ein Problem?
Ich habe viel Fremdmaterial benutzt, also quasi „geklaut“, das ginge heute aus rechtlichen Gründen gar nicht mehr, jeden aufnehmen, der mir vor das Objektiv läuft, ich könnte wegen des Persönlichkeitsrechts verklagt werden. Früher habe ich Materialien gesammelt und dann hinterher gefragt, was kann ich mit dem Material eigentlich machen. Das Bewusstsein gefilmt zu werden, ist ein ganz anderes als früher. Das Medium hat die Unschuld verloren, obwohl es eigentlich ja als Kontrollmedium erfunden und auch von Terroristen politisch genutzt wurde. Je älter ich werde, desto weniger möchte ich ohnehin produzieren. Ich halte es auch für eine gewisse Art von Umweltverschmutzung, so viel Kunst in die Welt zu setzen.

Heute gibt es im Internet Plattformen wie Youtube und Vine. Ist Ihr Traum von einem selbst gemachten Fernsehen damit in Erfüllung gegangen, oder wird dort auch zu viel Überflüssiges produziert?
Ich sehe es zweischneidig. Auf der einen Seite hat sich der ganze Umgang mit dem Medium Video verändert. Es ist einfacher zu handhaben. Was früher sehr aufwendig war, kann heute alles zu Hause selbst produziert werden. Das ist schon eine Traumvorstellung von mir und vielen anderen gewesen. Der Unterschied ist, dass die Fernsehstrukturen früher ganz anders waren, es gab nur drei staatliche Programme. Viele Videokünstler hatten die Vorstellung, selbst Fernsehen zu machen und einen alternativen Kanal zu schaffen. Heutzutage kann man ja keine Frequenz mehr für sich illegal benutzen. Man wird sofort kriminalisiert.

Es gab also damals schon konkrete Umsetzungen dieser Idee?
Unser Projekt, von Ulrike Rosenbach, Klaus vom Bruch und mir hieß erst „Alternative Television“, und dann wurden wir die „Videorebellen“. Das Spannende war, damals musste man die Fernsehkanäle selbst suchen. Es gab einen sogenannten Suchlauf. Wir hatten die Vorstellung, dass sich während die offiziellen Programme aufbauen, wir quasi als Piratensender plötzlich auftauchen. Bei den heutigen hunderttausenden Videos, die im Netz sind, wäre der Aha-Effekt nicht mehr der gleiche gewesen. Dann hat sich durch die Privatfernsehenstationen das öffentlich-rechtliche Fernsehen stark verändert, von der Information hin zur Unterhaltung. In den 60er- und 70er-Jahren ging es noch um politische Bildung. Die Amerikaner zum Beispiel haben Fernsehen auch zur Entnazifizierung benutzt. Meine Wunschvorstellung von Privatfernsehen war damals, dass die Leute ein viel politischeres Fernsehen machen und die Dinge selbst gestalten. Mein Vorbild war ein frühes Bürgerfernsehen in Bologna, das den Kanal zur Sanierung eines Stadtviertels nutzte. Die Idee der Finanzierung haben wir gar nicht bedacht. Das heutige Fernsehen ist ja stark geprägt von der Kommerzialisierung. Das haben wir so nicht gewollt. Auch dass das Internet von vielen zur Selbstbespiegelung benutzt wird, ohne jeglichen experimentellen Anspruch, war nicht unser Ziel. Der Input an Vorbildern hat sich verändert. Meine Videogeneration war sehr stark von Film geprägt gewesen. Die Filme, die damals zur Hauptsendezeit im Fernsehen liefen, hatten eine ganz andere Qualität als heute. Was Beuys sehr politisch gesagt hat, jeder Mensch ist ein Künstler, das ist in eine völlig falsche Richtung gelaufen. Heute ist der Beruf des bildenden Künstlers zu einem Inbegriff der Selbstverwirklichung geworden. Das Fehlen eines visuellen und kunstgeschichtlichen Vorwissens ist kein Hindernis mehr. Nur wenige der Kunststudenten haben überhaupt ein Thema oder sind kreativ besessen.

Wenn man sich heute Ihre frühen Videos anschaut, sehen manche Effekte veraltet aus. Wie gehen Sie damit um?
Ich hoffe, dass die Arbeiten nicht nur durch ihre Technik sprechen. Ich kann ja nicht nachträglich ein altes Videoband farbig machen, nur weil es in den 70er-Jahren keine Farbkameras gab. Jede Art von Kreativität ist ein Spiegel der Zeit. Wenn ich eine Gesamtausgabe von Goethe herausnehme aus dem Regal von meinem Großvater, können meine Neffen die Schrift nicht mehr lesen. Es geht ja um Arbeiten, die sehr stark in ihrem jeweiligen Zeitkontext verankert sind. Warum sollen sie nicht die Sprache der Zeit sprechen? Da unterscheidet sich ein technisches Medium wenig von der Malerei.

„Marcel Odenbach. Papierarbeiten 1975-2013“, Kunstmuseum Bonn, bis 5. Januar 2014.