Die USA waren nicht nötig, damit sich in Vietnam Gegenwartskunst entwickeln konnte. Auch wenn die offizielle Erzählung des Westens lautet, dass erst mit dem Ende der Abschottung Mitte der 1990er-Jahre endlich auch die Kunst frei war – Vũ Dân Tân war es schon immer.
In seinem Heimatland Kunst zu machen, bedeutete zwar zu seiner Zeit hauptsächlich, Reisfelder und Rinder, Berglandschaften und fleißige Arbeiter und Bauern zu malen. Doch bereits wenige Jahre nach Ende des Vietnamkriegs entwarf der charismatische Künstler ein Selbstporträt mit typisch vietnamesischer und westlicher Motivik. Ende der 1980er-Jahre gründete er mit seiner russischen Frau Natalia in Hanoi am Hoan-Kiem-See, dem historischen Zentrum der Stadt, den "Salon Natascha". Dort traf man sich, malte, verweilte, trank Tee, rauchte, stellte aus.
Das Vũ-Dân-Tân-Museum zeigt jetzt den Nachlass des Künstlers. Es liegt eine knappe Stunde außerhalb des Zentrums, jenseits des Roten Flusses in einer ruhigen Wohngegend von Long Biên. Die moderne Architektur aus Beton und Glas hat erst im Dezember für Publikum geöffnet und zeigt auf drei nicht zu großen Ebenen das künstlerische Erbe des vietnamesischen Pioniers, der 2009 starb und dessen berühmtestes Werk letztlich doch eng mit den USA verbunden ist.
Bekannt wurde er mit einem Cadillac von 1961, den er während eines Stipendiums in Oakland, Kalifornien, in eine fahrende Ikarus-Skulptur umwandelte – golden angemalt und mit Flügeln versehen, attraktiv und tragisch wie der Kapitalismus selbst. "Cadillac – Ikarus" kam dann zwar nicht der Sonne zu nah, dafür aber dem vietnamesischen Zoll. Bei der Ankunft per Frachtschiff in Haiphong wurden unbezahlbare 200 Prozent Einfuhrgebühren fällig – es sei denn, der Motor werde entfernt.
Wo ist Ikarus jetzt?
"Jetzt braucht Ikarus Freunde", sagte Vũ Dân Tân, und ließ das Kunstwerk in Vietnam auf einem Sattelschlepper herumfahren. Dann verkaufte ihm jemand einen gebrauchten Cadillac-Motor, allerdings ohne Anschlüsse. Außerdem wurde dieser über Nacht gestohlen. Vũ Dân Tân entschloss sich, Ikarus nun am Saum eines hohen Bambusgebüschs für immer ruhen zu lassen, und beschrieb diesen friedlichen Zustand in ein paar poetischen Zeilen: "Nun, wo die F-1 und F-2 und die B-52-Bomber nicht mehr den Himmel zerreißen."
Am Eingang des Museums liegt heute eine vergoldete Cadillac-Radkappe auf einem Hocker. Ein Video und Fotografien dokumentieren das Projekt. Doch wo ist Ikarus jetzt? "Im Ozean", sagt eine Dame mit tragikomischem Funkeln in den äußerst wachen Augen. Beim letzten schlimmen Sturm im vergangenen Jahr habe der Fluss die Karosserie mit sich gerissen. Es ist Natalia Kraevskaia, nach der damals der "Salon Natascha" benannt wurde und die heute das Vũ-Dân-Tân-Museum betreibt.
Wenige Busstationen entfernt in der Mall von Long Biên gibt es im zweiten Stockwerk den Kunstraum Heritage Artspace, in dem eine Gruppenausstellung gezeigt wird, für die sich einheimische und internationale Künstlerinnen und Künstler mehrere Wochen miteinander beschäftigt haben. Jeroen Jacobs aus Berlin hat in der Galerie und rund um das Shoppingcenter kleine Betonskulpturen platziert, die sich im Außenraum, wo viel improvisiert und unverputzt ist, gänzlich anders behaupten als im White Cube.
Yuhei Higashikata aus Hachinohe ist mit einer Zitrusfrucht von Nord- nach Südvietnam gereist – die Sorte "Hand Buddhas" mit ihren vielen Fingern lässt sich gut mit der eigenen Extremität verschränken und so transportieren. Die Themen der vietnamesischen Künstlerinnen und Künstler unterscheiden sich nicht von denen ihrer internationalen Kolleginnen. Kunst ist hier als Verständigungsmittel universell, und die Liste der Förderer des Projekts länger als die der Künstler. Ein Zwilling der Ausstellung war parallel bis Mitte Dezember in der Galerie Nord – Kunstverein Tiergarten in Berlin zu sehen.
Wie frei ist die Kunst in Vietnam?
Zurück im historischen Zentrum ist das Haus in der Hàng Bồ 30, Adresse des alten "Salon Natascha", abgerissen. Zwischen einem Handtaschenladen und einer Reiseagentur verbirgt Wellblech die Baulücke. Doch Hanoi hat viele seiner Eigenarten behalten, trotz Wirtschafts- und Tourismusboom in den letzten zwei Jahrzehnten. Am Hoan-Kiem-See fotografieren sich junge Frauen in ihrem schönsten traditionellen Gewand, dem Áo dài. Der See, der zum Gründungsmythos der Hauptstadt gehört, wird für sie zum Hintergrund ihrer Porträts, die sie zum Tết-Fest Mitte Februar als Grußkarten verschicken werden.
Ein alter Prachtbau am Ufer beherbergt das Hotel Apricot, und im dritten Untergeschoss ist der Mo Art Space ansässig, eine Galerie für vietnamesische Gegenwartskunst. Der Künstler Nguyễn Xuân Lục, der hier ausstellt, arbeitet traditionsreich mit Lack, doch wendet er das auf Perfektion angelegte Kunsthandwerk dreidimensional auf Skulpturen an. Durch die feinen Glanzpartikel aus Perlmutt entsteht eine Illusion von räumlicher Tiefe, die das künstlerische Erbe neu interpretiert.
Wie frei die Kunst in Vietnam ist, lässt sich schwer sagen – selbst von denen, die gelegentlich durch die Zensur betroffen sind. Natalia Kraevskaia, "Natascha", hat an der Seite von Vũ Dân Tân schon absurde Schikanen erlebt. Etwa, wenn die Gemälde ihres Mannes, in denen er mit Pinsel und Wasserfarbe eine eigene universelle Währung malte, von den Behörden wie tatsächliches Geld behandelt und sanktioniert wurden. Dennoch sagt sie, dass einige Künstlerinnen und Künstler ihre Beeinträchtigung durch die Zensur in den Schilderungen etwas übertreiben, damit es interessanter und riskanter klinge, als es tatsächlich sei.
Es scheint keinen Grund zu geben, nicht einfach weiterzumachen
Die 1993 geborene Künstlerin Thủy Tiên Nguyễn aus Hanoi studierte Fotojournalismus und wurde Teil des Kunstkollektivs Nhà Sàn, das im Jahr 2022 zur Documenta Fifteen nach Kassel eingeladen wurde. Tiên zeigte dort unter anderem Skulpturen aus Rohrzucker. Mit der tiefgoldenen, dunklen Masse bildete sie gedrechselte Elemente vietnamesischer Möbel nach.
Ihre Werke kreisen um traditionelle Formen, kulturelle Verpflichtung, "Care" und Disziplin. Ihr bildhauerisches Material sind Alltagsgegenstände, aber auch Lebensmittel. Die Absolventin der Städelschule in Frankfurt am Main und Meisterschülerin von Haegue Yang war die erste Preisträgerin des Young Generation Art Award von Monopol und Degussa. Im nächsten Jahr wird sie unter anderem in London ausstellen und an der Skulptur-Triennale in Bingen teilnehmen. Aktuell ist sie auf der Thailand-Biennale in Phuket präsent, wo sie eine komplexe Laufband-Konstruktion installiert hat. Auf hölzernen Möbelteilen wie Stuhlbeinen oder Rückenstreben, die sie in Phuket in lokalen Beständen fand, werden Präsentteller transportiert, wie sie in Südostasien unter anderem in Tempeln oder in privaten Schreinen zu finden sind. Aufwendige Anordnungen aus Obst und Blumen werden mit Klarsichtfolie zu kompakten Arrangements.
Auch das Künstlerkollektiv Nhà Sàn hatte mit seinen Performances, Ausstellungen und Aktionen immer wieder Probleme mit den Behörden, erzählt Tiên bei einem typischen Abendessen in Hanoi unter (mit Klarsichtfolie umwickelten) Laternen. Allerdings waren die Kriterien für die Zensur nie nachvollziehbar. Insgesamt scheint es keinen Grund zu geben, nicht einfach weiterzumachen mit allem. Mit einer staatlich geförderten Biennale wie in Thailand ist in Vietnam allerdings zunächst nicht zu rechnen. Doch der internationale Erfolg ihrer Künstlerinnen und Künstler müsste zur vietnamesischen Regierung, dem Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus, eigentlich irgendwann durchdringen.