Ende der 1920er-Jahre kippte in Österreich nicht nur politisch die Lage, auch architektonisch begann bald eine andere Zeit. Die klassische Moderne wurde wahlweise als "jüdisch", "bolschewistisch" oder "kosmopolitisch" diffamiert. Wie menschenfreundlich und wohnlich die Moderne zu dieser Zeit noch sein konnte, zeigt hingegen das Hauptwerk des Architekten Josef Frank.
Die Qualität der Villen der zweiten Wiener Moderne mag hoch sein, aber sie ist kaum jemals für Interessierte erlebbar. Das ändert sich am 8. März, wenn die Villa erstmals und dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Ein Unternehmererbe hat die Villa gekauft und für viele Millionen Euro mustergültig renovieren lassen – nur um sie mit Zeitgenossen teilen zu können. Mit oder ohne Führung können Besucher nachvollziehen, wie die Bauherrenfamilie hier in ihrem Schlüsselwerk der Moderne eine kurze Zeit lebte.
Die großbürgerliche Wohnkultur der Zwischenkriegszeit war mondän: Die vier Hausbewohner hatten zwei im Haus wohnende Dienstboten und mehr als 650 Quadratmeter Wohnfläche zu ihrer Verfügung. Luxuriöse Details wie eine Garage, mehr Balkone als Familienmitglieder, ein Speiseaufzug oder eine doppelte Parzelle haben auch andere Villen der 20er-Jahre, aber es ist die genau kalkulierte Raumabfolge, die Frank vom Eingang zum Garten und vom Erd- in das erste Obergeschoss geplant hat, die die Villa Beer einzigartig machen. Ohne dogmatische Strenge hat Frank einen fließenden Raum über versetzte Ebenen gestaltet – mit Konzertflügel auf einer Empore als sozialem und musikalischem Zentrum des Hauses. Die offene Raumfolge führt entlang eines japanischen Teeraums mit Bullaugenfenster zu den Schlaf-Räumen und Bädern der Bauherrenfamilie.
Schlichte Eleganz, von innen nach außen
Edle Materialien treffen in der Villa auf nüchtern beige, doppelgeschossige Wände, die nur durch die dekorativen, gemusterten Stoffe, die Frank selbst entworfen hat, einen farbigen Akzent bekommen. Sie werden bis heute von der Firma Svenskt Tenn gefertigt. Lothar Trierenberg, der etwa 15 Millionen Euro in Kauf und Renovierung des Hauses investiert hat, will den Charakter als Wohnhaus erhalten: Seine "Besucher sollen sich als Gäste fühlen". Er meidet deshalb den Begriff "Haus-Museum". Die Wohnräume können für Seminare gemietet werden, auch eines der drei Gästezimmer unter dem Dach. Der Preis ist allerdings hoch: Ein Doppelzimmer kostet 350 bis 450 Euro pro Nacht. In den Gästezimmern ist von dem großbürgerlichen Milieu in den unteren Etagen nichts mehr zu spüren.
Der Wiener Architekt Christian Prasser, der das Haus mit großem Aufwand und Sachverstand renoviert hat, konnte die räumliche Abfolge im Haus, die "Bewegung, Orientierung und Blickbeziehungen erlebbar macht", gut wiederherstellen. Ebenso wichtig sind die Bezüge von Innen- zu Außenraum: Da der Garten nicht mehr in voller Größe zum Grundstück gehört, haben die Landschaftsarchitekten vom Büro Auböck+Kárász Spiegel-Paneele aufstellen lassen, die den Garten optisch vergrößern.
Villa Beer, Wien, 2026
Die ehemaligen Bauherren Julius und Margarete Beer gehörten zum kunstsinnigen, liberalen Judentum der Hauptstadt. Das Glück in ihrer übergroßen Villa währte jedoch nicht lang: Schon ab 1932, als Julius Stellung und Firmenanteile an seiner Gummifabrik verlor, musste er große Teile seines Hauses vermieten. Nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 gelang drei Familienmitgliedern die Flucht, die Tochter Elisabeth wurde deportiert und ermordet.
Auch der Architekt Frank emigrierte: 1934 ging er mit seiner Frau nach Schweden. Seine offenen, dreidimensional gedachten Raumgefüge passten gut zum Geschmack der skandinavischen Gesellschaft, Frank bekam weitere Aufträge. In Wien hingegen dauerte es bis zum Jahr 1987, bis die Villa Beer unter Denkmalschutz gestellt wurde. Stadt und Bundesdenkmalamt gaben 700.000 Euro Steuergeld zur Renovierung dazu. Dafür glänzt Wien nun mit einem öffentlich zugänglichen Gesamtkunstwerk der Moderne.
Eine besondere Liebe fürs Detail
Frank gestaltete auch alle Innenausstattungen, Möbel und Stoffe selbst. Produziert wurden sie einst von seiner Firma Haus & Garten, die er mit Oskar Wlach zusammen betrieb. Während die Einbaumöbel erhalten waren, gingen die Originalmöbel mehrheitlich verloren. Alle bestehenden Einbauten wurden sorgfältig restauriert und fehlende Teile ergänzt. Parkettböden, Kamine und Radiatoren wurden liebevoll instandgesetzt oder sogar nachgebaut. Die Detailgenauigkeit und Kenntnis bei der Ausführung sind bemerkenswert.
In seinem Essay "Das Haus als Weg und Platz" beschrieb Frank sein Prinzip des Zusammenspiels von Räumen. Die "innere Freiheit" der Räume sollte ihre Fortführung in der asymmetrischen Fassade mit vielen Terrassen und Balkonen finden. Die Architektur löst so die Grenzen zwischen Fassade, Interieur und Garten partiell auf. Auf eine Rekonstruktion von Möbeln hat Trierenberg verzichtet. "Leerstellen wurden belassen", so der stolze Umbauherr. Seine Villa ist folglich keine Puppenstube oder reine Zeitkapsel – die Villa Beer soll nach seinem Wunsch mit seinen Räumen für Vermittlung, Konzerte, Lesungen und Symposien erneut als Treffpunkt der kunstsinnigen Gesellschaft dienen.