Man nannte sie einst "Gastarbeiter" – Menschen, ohne die der wirtschaftliche Wiederaufbau in Nachkriegsdeutschland nicht gelungen wäre. Die Mercedes-Benz Art Collection nimmt für die Ausstellung "Vollgepackt" im Projektraum Kunstverein Wagenhalle e.V. nun türkisch-deutsche Migrationsgeschichten in den Fokus. Im Zentrum steht die 22-teilige Fotoserie "Başardık" ("Wir haben es geschafft") von Alwin Maigler.
Der Stuttgarter Fotograf fuhr im Sommer in einem historischen Mercedes-Benz-Coupé, Baujahr 1977 – dem Gründungsjahr der Mercedes-Benz Art Collection –, auf dem sogenannten "Heimatweg" entlang – der klassischen Autoreiseroute vieler Arbeitsmigrantinnen und -migranten zwischen zwei Heimaten. Was auf dieser Route mitschwingt, sind Vorfreude, Fernweh, Träume, aber auch Sorgen, Enttäuschungen und Verlustgefühle.
Auf seinem Weg von Deutschland in die Türkei und zurück dokumentierte Maigler eindrucksvolle Begegnungen mit Menschen, Orten und deren Geschichten. Auf seiner etwa 6000 Kilometer langen Reise durchquerte der Künstler elf Länder und begegnete einer Vielzahl von Menschen. Vor jeder Weiterfahrt wurde ein Brauch vollzogen, der in der Fotografie "su dökmek – Istanbul" zu sehen ist: Angehörige oder Freunde gießen Wasser hinter das Auto oder auf das Heck. Damit wünscht man den Fahrenden eine widerstandslose und sichere Fahrt. Diese traditionelle Geste der Fürsorge nimmt bis heute in einigen Kulturkreisen einen wichtigen Stellenwert auf der Reise zwischen zwei Heimaten ein.
Videointerviews ergänzen die Ausstellung. Geführt hat sie Coşkun Yasa, der Leiter des Turkish Employee Networks, mit dem die Mercedes-Benz Art Collection für die Schau kooperiert hat. In seinen Gesprächen mit derzeitigen und ehemaligen Mitarbeitenden des Unternehmens, die einen biografischen Bezug zur Geschichte der Arbeitsmigration haben, werden Fragen von Arbeit und Alltag, von Familie und kultureller Mehrfachzugehörigkeit behandelt. Oft ist im Hintergrund der Bilder das Motiv der Brücke zu sehen. Die Brücke wird zum Sinnbild einer Verbindung zweier Seiten. Vor allem die Arbeitsmigrantinnen und -migranten sind es, die als Brückenbauer fungieren. Durch sie wird Wissen ausgetauscht und kulturelle Vielfalt gelebt.