Pioniernachmittage mit Panzerfaust

Was ich von Rambo gelernt habe

Szene aus "Rambo II Der Auftrag": John J. Rambo befreit Kriegsgefangene aus geheimen Foltergefängnissen in Vietnam – wird dann aber von der US-Army im Stich gelassen
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Szene aus "Rambo II - Der Auftrag": John J. Rambo befreit Kriegsgefangene aus geheimen Foltergefängnissen in Vietnam – wird dann aber von der US-Army im Stich gelassen

Wenn jetzt mit "Last Blood" der letzte Teil der "Rambo"-Saga in die Kinos kommt, werden bei Monopol-Redakteur Daniel Völzke Jugenderinnerungen wach. Eine Hommage an Sylvester Stallones grandiose Sturheit

Noch war Rambo statt Rimbaud mein Jugendheld, aber der Pfarrer, der Kardinal, meine Eltern, sie hatten keine Ahnung, dass mein heiliger Silvester sich mit y schrieb und auf den Nachnamen Stallone hörte. Im Firmunterricht trötete der garstige Sven in die Runde, ich habe meinen Firmnamen Silvester nur wegen Stallone gewählt und nicht – wie eigentlich gefordert – nach einem Heiligenvorbild ausgesucht. Der Pfarrer überhörte die Einwände Svens. Es war ihm egal, aus welchen sakralen oder eben weltlichen Quellen wir glanzlosen, schlappen Gestalten ein bisschen Energie tranken. Hauptsache Energie.

Und Energie, die symbolisierte Rocky Balboas in den Himmel von Philadelphia gereckte Faust, John J. Rambos allein mit Haut ausreichend gepanzerter Körper, Armwrestler Lincoln Hawks Bizeps-Gebirge. Der heilige Sylvester machte mir klar, dass ein schlaffer Gesichtsausdruck auch Stoizismus bedeuten kann, Wortkargheit Gelassenheit und Sturheit Willenskraft.

Zum ersten Mal bin ich Rambo 1988 im "Schwarzen Kanal" des DDR-Fernsehens begegnet. Da wir im Nordosten der Republik kein Westfernsehen empfangen konnten, war diese Sendung eine der wenigen Gelegenheiten, zu denen uns imperialistische Propaganda überhaupt erreichen konnte – gefiltert durch sozialistische Propaganda. Dort zeigte Karl-Eduard von Schnitzler einen Ausschnitt aus den "Tagesthemen", die wiederum einen Ausschnitt aus "Rambo III" zeigten. Wie da die Ordnung und Technik der Sowjetarmee ornamental in Flammen aufging, gestört durch einen einzigen fitten Menschenkörper, überzeugte mich sofort. Auch wenn die "Tagesthemen"-Sprecherin Bedenken vortrug ("brutaler Propaganda-Film", "Warum ist so etwas erfolgreich?") und Schnitzler ohnehin. 

Toxische Männlichkeit schafft mehr toxische Männlichkeit

Klar, ist "Rambo III" ein Kind des Kalten Krieges. Der erste Teil, "First Blood" (1982), war noch eine bittere Anklage gegen den Umgang der konservativen US-Gesellschaft mit Vietnam-Veteranen und zeigte, dass toxische Männlichkeit, wie man heute sagen würde, aus toxischer Männlichkeit entsteht. War Rambo eigentlich nicht auch sexuell mehrdeutig mit seinen langen Haaren, seinem Stirnband und seinem Hang, anderen Männer seine schweißnassen Muskeln zu zeigen?

Der zweite Teil zielte 1985 schon auf deutlich imperialistischere Instinkte, indem er der Kränkung, dass der hochgerüstete Militärapparat der Vereinigten Staaten in Vietnam von Guerilla-Kriegern zerlegt wurde, eine alternatives Narrativ entgegensetzte: Diesmal obsiegt der Einzelkämpfer Rambo, indem er US-Kriegsgefangene aus dem südasiatischen Land befreit. Am Ende wird er aber von der U.S. Army im Stich gelassen – womit der Film auch nicht so richtig als Propagandafilm taugt. 

Im Gegensatz zu "Rambo III" (1988): Bei seinem Einsatz in Afghanistan muss die Army Rambo allein lassen, ansonsten würde sie der sowjetische Intervention in die Quere kommen und eine direkte Blockkonfrontation riskieren. "Rambo III" glorifiziert die Mudschahedin und verunstaltet die Sowjetarmee bis zur Unkenntlichkeit. Wenn das keine Propaganda ist, was dann? Und doch ...

Ein Jahr später fiel die Berliner Mauer und die Sowjettruppen zogen auch aus der DDR ab. Im Satellitenfernsehen kamen ständig Stallone-Filme, und 1990 lief "Rocky V" in unserem Kleinstadtkino. Rocky war jetzt älter, gemütlicher, trug Hut und musste keine russischen Kampfmaschinen mehr schlagen. Als ich nach der Vorstellung aus dem Saal kam, fragte ich den Vorführer, was er mit dem Pappaufsteller – eine lebensgroße Rocky-Figur in Lederjacke – mache, sobald der Film abgespielt sei. "Fünf Mark und er gehört dir."

Post-Wendegefühl: Alles war möglich

Also lief ich mit Rocky im Arm nach Hause, er wurde schwer und schwerer, ich stellte ihn unten am Fluss ab und unserer Blick fiel über den Rand der Stadt in die Weite, die uns offen stand. Wir hatten in "Rambo III" und "Rocky IV" die drückende Übermacht der Sowjetunion abgeschüttelt und fortan den Russischunterricht geschwänzt. Wir hatten aus dem als peinlich geltenden Frühwerk "The Party at Kitty and Stud’s" (oder war es "Lovers and Other Strangers"?) gelernt, dass es doch ganz cool sein kann, so zu laufen "als ob einem der Lümmel juckt", wie es in der deutschen Synchronfassung hieß. Wir wussten aus "City Cobra", dass weder das LAPD noch die SED unser Schicksal prägt, sondern nur unsere eigene Bauernschläue.

Alles war möglich. Wenn ein Sohn italienischer Einwanderer durch Witz und Disziplin der größte Hollywoodstar werden konnte, dann könnte ja auch zum Beispiel eine ebenso mimik-arme FDJlerin aus zum Beispiel Templin Kanzlerin werden. Und ein talentloser Teenager aus Anklam ein gefeierter Boygroup-Sänger!

"Warum ist Rambo so erfolgreich?" Eingeklemmt zwischen Pioniernachmittag und Firmunterricht (ja, es gibt Katholiken im Nordorsten Deutschlands; nein, nicht jeder DDR-Jugendliche hat Jugendweihe gemacht), konnte ich die Frage der "Tagesthemen"-Sprecherin inzwischen beantworten: weil die von Sylvester Stallone gespielten Figuren sich gegen Ideologie und aufgedrängten Kollektivismus stellten. Nichts traf für mich das Post-Wendegefühl so gut.

Als der Kardinal am Tag meiner Firmung seine knochige Hand auf die Schulterpolster meines viel zu großen, weinroten Jacketts legte und mich unter Zeugenschaft der Gemeinde auf den Firmnamen Silvester taufte, lief in meinem vorgeblich demutsvoll gesenkten Haupt das Lied "Eye of the Tiger" in voller Lautstärke: "And he's watching us all / with the eye of the tiger."