Der Ort Zug ist der verträumte Vorort der ohnehin schon unwahrscheinlich pittoresken kleinen Alpengemeinde Lech. Eigentlich liegt er dahinter und nicht davor, noch weiter hinten im Tal. Es ist nicht ganz einfach, darüber zu schreiben, ohne wie Tourismus-PR zu klingen, denn die Schönheit der Landschaft und die Qualität von allem hier, bis zum Standard der lokalen Bauweise, sind ziemlich einzigartig.
Wie kommt aber ein Trupp aus Intellektuellen, Kuratorinnen, Künstlern, Architektinnen, Leitungspersonal von Kunstinstitutionen hierher, um zwei Tage lang Gedanken auszutauschen?
Der Wirt des Gourmet-Hotels Rote Wand, Joschi Walch, Einheimischer mit Einfluss, energetisch und in seinen frühen Sechzigern, will die Wintersport-Kuh nicht melken, bis alle tot umfallen. Stattdessen will man die Sommer in den Bergen mit Sinn füllen. Nicht, dass man Aufmerksamkeit bräuchte. Vorarlberg ist derart begehrt, dass auch Geld für nichts garantiert. Die Zalando-Gründer Samwer haben hier erst kürzlich für 12 Millionen Euro 1000 Quadratmeter Land gekauft und sich für etliche weitere Millionen darauf ein Haus gebaut, das vier Stockwerke in die Tiefe geht, denn in die Höhe darf man nicht. Ein Hightechbunker mit Lichtschächten, der von außen aussieht wie ein 100 Jahre alter Stall. Trotzdem ist man sich in Zug sicher, dass sie hier nie einen Fuß auf den Boden bekommen werden.
Grenzen in den Körper einschreiben
Geld ist hier vorhanden, aber nicht alles. Denn was kann man überhaupt noch mit einem hochdekorierten Familienhotel mit Michelin-Stern machen? "Die zwölfte Sauna? Sauna mit Diamanten? Einen Instagram-Spot?“, fragt Joschi Walch rhetorisch und setzt stattdessen auf Kunst. Nicolaus Schafhausen, früherer Leiter der Kunsthalle Wien, unterstützt inhaltlich.
Schon im Juli hatten sich die Wiener Museumsleiterin Lilli Hollein, die Modedesignerin Hannah Zündel und die kanadische Mäzenin Zita Cobb hier getroffen, um Gestaltungs- und Zukunftsfragen zu besprechen. Im Spätsommer waren langjährige Gefährten wie Liam Gillick dabei, den Schafhausen 2009 im Deutschen Pavillon zeigte, oder Georg Diez, mit dem er 2024 die Ausstellung "Survival in the 21st Century" in Hamburg kuratiert hat.
Die Leiterin des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg, Tulga Beyerle, der Architekt Kersten Geers aus Mendrisio oder Sabih Ahmed, ein junger indischstämmiger Kurator, der gerade die Diriyah-Biennale in Riad kuratiert hat, stehen auch auf der Liste der Diskutierenden. Ahmed pflanzt bereits bei seiner Vorstellung etwas Überraschendes in die Vorstellungskraft der Zuhörenden: Es sind, erzählt der Kurator, 27 Millionen Tonnen Wüstensand in der Luft, und zwar ständig. Die Wüste ist vertikal, sie ist auch hier in Lech.
Taus Makhacheva, eine Künstlerin, die in der Roten Wand ein Aufenthaltsstipendium hat, wird später zum Thema Dimensionen, Körper und Erinnerung eine einprägsame Anekdote teilen: Landbesitzer teilten hier früher ihren Nachfahren im Kindesalter die Grenzen ihrer Grundstücke mit Klapsen mit. Mit dem erstgeborenen Sohn schritt man die Flächen ab und markierte ihre Grenzen mit leichten Schlägen. Man schrieb sie nicht ins Land ein, sondern in den Körper des Kindes.
Im Vorarlberg träumt man anders
Unter einer Kassettendecke aus Silberföhre ohne jedes Astloch erzählt Vanessa Joan Müller, Sammlungsleiterin des Mumok Wien, von den Herausforderungen, in einer Gesellschaft mit vielen Öffentlichkeiten kleinere Gruppen zu erreichen. Auch Tulga Beyerle, Leiterin des MKG Hamburg, betont, wie wichtig die öffentlich zugängliche Bibliothek ihres Hauses sei, in der Menschen lesen, arbeiten, reden, schlafen. Wie schwer diese Offenheit von der angrenzenden Drogenszene zu trennen ist, hört man sie am nächsten Tag eher zwischen den Zeilen sagen, aber das ist eine der großen Qualitäten dieses Austauschs: Die "Dialoge", wie Schafhausen das Programm genannt hat, gehen im Kleinen weiter.
Der Sauerstoffgehalt ist hier 15 Prozent geringer, darum werden die Träume anders, weiß jemand, und intensiv erlebte Traumsituationen in vertikalen Wolkenwüsten beweisen es. Es gibt hier – fast schon naturgemäß – auf einem Gipfel auch ein Himmelsloch von James Turrell, den "Skyspace Lech". Das lässt darüber nachdenken, welche Land Art die Natur wirklich verbessert. Oder sagen wir: von welcher man sich nicht wünscht, sie wäre nicht da. James Turrell, das ist auch in diesen hochspezialisierten Kreisen Konsens, funktioniert aber meistens.
Der Burj Khalifa würde hier keinen Sinn ergeben
Was öffentliche Kunst überhaupt vermag oder auch vergeigt, dafür ist Liam Gillick der richtige Redner. Aufgewachsen im Thatcher-Großbritannien, verdanke er sein Leben der Förderung, sagt er. Und zitiert eine Umfrage, bei der die Allgemeinheit gefragt wurde, ob sie Kunst im öffentlichen Raum möge. Die Antwort war ein klares "Nein". Ob es also lieber keine öffentliche Kunst geben solle? Wieder sei die Antwort "nein" gewesen. Fazit: Kunst in der Öffentlichkeit verändert die Beziehungen, und sie ist für viele Menschen der einzige Berührungspunkt für eine Auseinandersetzung mit Ästhetik oder räumlichen Beziehungen.
Den praktizierenden Künstlern in der Runde gibt Gillick ein Lawrence-Weiner-Zitat mit: "Wenn du ein öffentliches Kunstwerk anders angehen musst als deine gewöhnliche Praxis, musst du deine Praxis ändern".
Auf einem Spaziergang zu einer alten Säge am Bach, umgeben von hohen Gipfeln, merkt Sabih Ahmed angesichts des Bergpanoramas an, dass der riesenhafte Wolkenkratzer Burj Khalifa hier überhaupt keinen Sinn ergeben würde. Währenddessen überdenkt der Architekt und Professor Kersten Geers seine am Vorabend geäußerte These, Lech sei eine Stadt. Joschi Walch, der Hotelier und ehemalige Lokalpolitiker, zeigt auf hübsche Mehrfamilienhäuser aus Holz. Hier hat die Gemeinde von den Bauern Land gekauft und bezahlbare Wohnungen für die Einheimischen gebaut, vor allem für junge Familien. Bauland kostet auf dem freien Markt 5000 Euro pro Quadratmeter und mehr, das kann sich kaum jemand leisten.
Naturschutz braucht lokales Denken
Die Mitglieder der Familie Walch sind leidenschaftliche Gastgeber, und auf den Input seiner drei erwachsenen Kinder höre er durchaus, sagt Joschi Walch. Gerade haut ein mexikanischer Sternekoch, der auf den Färöer-Inseln ein Restaurant mit 24 Plätzen und etlichen Auszeichnungen hat, Ananas aufs offene Feuer. Sebastian Jiménez erklärt jeden Gang: Es gibt Tacos, aber mit einigen lokalen Zutaten. Eine Soundkünstlerin, Miglè Palkevičtūtè aus Vilnius, spielt live eine Komposition, die sie aus den Geräuschen der Grillen, Ameisen und Kuhglocken gemacht hat, was einen träumerischen Sog entwickelt.
Das ist paradiesisch, aber es ist natürlich auch eine Illusion. "Survival" sei der Modus, in dem man sich einrichten müsse, legt Georg Diez‘ Thinktank "School of Survival" nahe, der aus der Ausstellung mit Schafhausen hervorging. Vanessa Joan Müller, der er auf dem Panel unterm Sonnenschirm gegenübersitzt, stört der Terminus. Ihr fehlen in den heutigen Diskursen die positiven Visionen und Zuversicht. Wieso muss man gleich mit einem so extremen Begriff wie dem "Überleben" arbeiten, frag sie? Es sei nun mal ein catchy term, sagt der Journalist Georg Diez. Und auch das sagt viel aus über Öffentlichkeit und ihre Dynamiken.
Wie soll es also weitergehen mit der Natur, dem Tourismus, dem überirdisch schönen Lechtal? Wie müssen das Erhalten einerseits und der Fortschritt andererseits ausbalanciert werden? Man müsse nicht global denken, um die Natur zu schützen, sagt Joschi Walch. Es ist erstmal wichtig, es auf lokaler Ebene richtig zu machen. "Die beste Idee gewinnt", sagt er, steigt in seinen Jeep und fährt auf irgendein österreichisches Schloss, wo er schon wieder einen Preis verliehen bekommt.