Programm der Berliner Museen

Wenn Jonathan Meese die Kunstbibliothek aufmischt

Die Staatlichen Museen zu Berlin haben ihr Programm für 2027 vorgestellt. Die Häuser werfen dabei überwiegend mit berühmten Namen um sich. Die größte Überraschung liefert ausgerechnet eine eher unscheinbare Institution

Die sommerliche Hitzewelle hat womöglich auch ihr Gutes gehabt. Die Besucherzahlen der Staatlichen Museen Berlin (SMB) sind in den zurückliegenden Wochen signifikant angestiegen. So berichtete es zumindest Marion Ackermann, die Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Dachorganisation der Staatlichen Museen, vor Journalisten. Aber natürlich lag es in erster Linie an den Ausstellungen, dass es in diesem Jahr nicht zum Sommerloch, sondern zu einem veritablen Sommerhoch gekommen ist: "Brancusi" lockte in der Neuen Nationalgalerie und "Cassirer und der Impressionismus" in der Alten. 

An diese Tendenz möchten Marion Ackermann und die gesamte Riege der Berliner Museumsdirektorinnen und -direktoren anknüpfen. Das Programm für 2027, das am heutigen Mittwoch vorgestellt wurde, ist kaum überschaubar: Bei 15 Museen mit noch mehr Standorten ist das nicht verwunderlich. Herausstechend sind im kommenden Jahr Einzelausstellungen zu bedeutenden Künstlern der Gegenwart. Den größten Überraschungseffekt dürfte ausgerechnet die scheue Kunstbibliothek verbuchen, die ja mit der Fotografiesammlung ein Museum in ihrem Bestand hat, wenn auch kein selbstständiges. 

Sie lässt die Ausstellungshalle am Kulturforum durch Jonathan Meese bespielen, der als manischer Literatursammler gilt und selbst unablässig Künstlerbücher produziert. 400 sind es bislang, mehr oder weniger; 400 Exemplare will Meese jedenfalls aus einem "Büchervulkan" herausspeien und auf das Publikum wie Lava zufließen lassen. Das "Gesamtkunstwerk Erzbuch" ist bei dem Künstler naturgemäß eine Liebeserklärung an die reine Kunst, zu der er ein inniges, um nicht zu sagen erotisches Verhältnis pflegt.

Ai Weiweis Drache im Bode-Museum

Auch Ai Weiwei wird ein Museumsgebäude bespielen, nämlich das ehrwürdige Bode-Museum. Von ihm gewählte Kunstwerke, teils aus eigenem Besitz, treten den angestammten Skulpturen der Museumssammlung gegenüber. Und in dem "Basilika" genannten, gewölbten Hauptsaal wird ein farbenprächtiger Papierdrache über den Besuchern schweben.

Katharina Sieverding, die bald 85-jährige Altmeisterin der Fotokunst, erhält nun auch in Berlin eine "richtige" Retrospektive. Ausgerechnet in der Stadt, in der sie lange gelehrt hat, gab es die nämlich noch nicht. Und das holt Klaus Biesenbach in der von ihm geleiteten Neuen Nationalgalerie nun nach, wie er es vor Jahren schon am PS1 in New York getan hat. Neben großformatigen Fotografien kommen Mehrkanal-Videos und "installative Filmprojektionen" (was immer das ist) zur Aufführung. Zu erwarten ist also alles andere als die museale Stille, die von der jüngsten Brancusi-Ausstellung noch im Gedächtnis ist.

Ruhe bis zur vollständigen Auflösung von Zeit in einen Zustand reiner, von keinem Gedanken und schon gar keinem Geräusch belästigten Betrachtung wird dagegen die Ausstellung des 83-jährigen James Turrell im Hamburger Bahnhof bieten. Genauer gesagt in den zugehörigen Rieckhallen, die vollständig genutzt werden sollen. Man darf gespannt sein. 

Wahrnehmung als Material

In der Nähe von Chemnitz hatte Turrell zum dortigen Kulturhauptstadtjahr einen begehbaren Lichtraum geschaffen, in dem der Besucher sich in farbigem Licht schier auflöste. Sieht so Transzendenz aus? Zumindest reine Farbe, farbiges Licht. Turrell selbst spricht von der "Wahrnehmung" als seinem "Material". Etwas Ungreifbareres gibt es kaum.

Dem Ungegenständlichen hatte sich auch die abstrakte Kunst der Nachkriegszeit ab 1945 verschrieben, als sie in einem beispiellosen Siegeszug zur dominierenden Stilrichtung der Moderne wurde. Einen aufs Globale geweiteten Blick will die Ausstellung "Große Abstraktion" in der Neuen Nationalgalerie wagen, die zugleich das 50-jährige Jubiläum des Vereins der Freunde des Hauses markiert – ohne dessen finanzielle Unterstützung hätte die Nationalgalerie all die großen Ausstellungen der vergangenen Jahrzehnte nicht stemmen können. Von Zero in Düsseldorf bis Gutai in Tokio, von Lateinamerika bis zu den noch immer zu wenig bekannten Abstraktionen im arabischen Raum reicht das Panorama, das gleich für fünf volle Monate, von Anfang Juni bis Ende Oktober 2027, zu sehen sein soll.

Auch in der älteren Kunst dominieren im kommenden Jahr die großen Künstlerpersönlichkeiten, von Lucas Cranach über Thomas Gainsborough bis zu Arnold Böcklin. Hinzu kommt ein litauischer Nationalheld: der 1911 im Alter von nur 35 Jahren verstorbene Mikalojus Čiurlionis. Ihn hatten die Berliner Festwochen 1979 ausgestellt, damals eine Pionierleistung. Alle Werke kamen aus der litauischen Sowjetrepublik. Dazu gab es Aufführungen von Kompositionen dieses Mehrfachbegabten. Ähnliches ist für das kommende Jahr erneut geplant.

Das Pergamon-Museum ist zurück

Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Ausstellungen, die es jede für sich verdient hätten, hier genannt zu werden. In der öffentlichen Aufmerksamkeit werden sie alle von einem Datum überstrahlt werden, auf das seit vielen Jahren hingearbeitet wird: das der Wiedereröffnung von Teilen des Pergamon-Museums am 4. Juni. Vielleicht den größten Gewinn aus der komplizierten Sanierung zieht das Islamische Museum, das in den Rundgang durch die antike und spätantike Welt eingebunden ist. 

Die erstmals in ihrer vollen Länge von 45 Metern aufgebaute Fassade des Wüstenschlosses Mschatta ist der eyecatcher, aber auch sonst hat das Islamische Museum auf satten 3300 Quadratmetern Ausstellungsfläche Objekte zu bieten, die es anderswo in dieser Fülle und Dichte schlicht nicht gibt. Wie wichtig gerade dieses Museum in diesen Zeiten ist, braucht kaum erläutert zu werden.

Eine positive Stimmung wolle sie vermitteln, betonte Marion Ackermann wiederholt, und das Programm des kommenden Jahres gibt ihr Recht. Ach, und erstmals wird es eine "Kinderbiennale" geben, nach Dresdner Vorbild, wo Ackermann zuvor die Chefposition bei den Staatlichen Kunstsammlungen innehatte. Was genau zu sehen und zu erfahren sein wird, ist noch in the making. Wie es überhaupt zum Ausstellungsbetrieb dazugehört, dass bis zum letzten Moment noch Änderungen oder Ergänzungen anfallen. Solange, bis der Vorhang sich hebt.