Walid Raad, 1967 im Libanon geboren, wurde Anfang der Nullerjahre mit "The Atlas Group (1989–2004)" bekannt, einem Archivprojekt zur jüngeren Geschichte des Libanon. Als Teenager verließ er das Land, heute lebt er in den USA und lehrt am Bard College. In der Hauptausstellung der Venedig-Biennale ist er zurzeit mit mehreren Installationen vertreten, in denen unter anderem Bilder von Betten zu sehen sind, in denen der ehemalige PLO-Chef Jassir Arafat geschlafen haben soll.
Auch seine Ausstellung in der Berliner Galerie Thomas Schulte dreht sich um Geschichten aus dem Krieg. An den Wänden der Galerie sind Sprüche in verschiedenen Sprachen geschrieben: "From Silicon Valley with Love", steht dort. Oder: "Putin, Say Hello to my Little Friend". Das seien, so behauptet der Wandtext, sogenannte "Love Notes", die Soldaten auf Bomben geschrieben hätten. Mitten in der Installation liegt ein alter VW-Käfer auf dem Dach.
Walid Raad, Sie bewegen sich in Ihrer Arbeit beständig zwischen Fiktion und Realität. Warum?
Die Begriffe "Fiktion" und "Realität" stehen für mich nicht im Mittelpunkt, wenn ich meine Kunstwerke schaffe. Ich bin kein Journalist. Ich bin kein Anthropologe. Ich bin Künstler. Und wie viele Künstler versuche ich, "ein Universum zu erschaffen, das nicht schon zwei Tage später auseinanderfällt", wie der Schriftsteller Jalal Toufic schreibt. Die Begriffe, die mir näher stehen, sind "Empfangen" und "Schaffen".
Das müssen Sie mir erklären.
Jeden Tag gehe ich in mein Atelier und mache Fotos, Videos, Installationen oder Zeichnungen. Ich fange nie bei Null an. Ich bin kein Künstler, der vor einer leeren Leinwand steht und mit der Arbeit beginnt. Ich gehe meist von einem Dokument aus, von etwas, das ich finde. Das kann ein Foto, ein Objekt oder ein Brief sein. Und oft wähle ich diese Dinge aus, weil ich spüre, dass in ihnen oder um sie herum etwas vor sich geht, das ich als "seltsam" bezeichnen würde. Dann arbeite ich im Atelier an diesem Fundstück. Ich bearbeite es, meist digital, bis "das, was es sein sollte" erscheint. Sobald dieses "das, was es sein sollte" erscheint, setze ich mich zu diesem Ding, das ich geschaffen habe, in Beziehung wie zu einem Ding, das ich gefunden habe. An diesem Punkt fange ich an zu schreiben. Und ich schreibe, um die Frage zu beantworten: Wer hat dieses Ding gemacht? Und warum wurde es mir geschickt? Natürlich weiß ich, dass ich es selbst gemacht habe. Dennoch agiere ich in der festen Überzeugung, dass ich es erhalten habe. Am Ende besteht das Kunstwerk aus dem Objekt und seiner Geschichte. Beide wirken zusammen. Und die Geschichten sind, wie das Kunstwerk, ebenfalls eine Kombination aus Gefundenem oder Erhaltenem und Geschaffenem. Nicht Fiktion und Geschichte. Sondern Gefundenes oder Empfangenes und Geschaffenes.
Das Thema Ihrer Arbeit ist sehr oft der libanesische Bürgerkrieg. Ihre Werke sind historisch, aber sehr politisch. Sehen Sie sich selbst als Aktivist?
Ich mache viele Dinge. Ich unterrichte. Ich leite Workshops. Ich unterstütze andere Kunstprojekte. Ich bin Vorstandsmitglied in verschiedenen Kulturorganisationen. Und manchmal mache ich Dinge, die als aktivistisch gelten. Aber der Bereich des Aktivismus hat seine eigenen Reibungen, Rhythmen und Tempi. Und ich stelle fest, dass ich darin nicht gut bin. Ich bin kein sehr effektiver Aktivist, wenn ich als solcher auftrete. Aber dennoch ertappe ich mich dabei, von Zeit zu Zeit solche Dinge zu tun.
Zum Beispiel?
Ich habe eine Zeit lang mit einer Gruppe namens Gulf Labor Artist Coalition zusammengearbeitet, die sich auf die Arbeitsbedingungen beim Bau des Guggenheim-Museums in Abu Dhabi konzentrierte. Außerdem war ich an der Cooper Union aktiv, wo ich lange Zeit gegen die Einführung von Studiengebühren gekämpft habe.
Sie leben seit vielen Jahren in den USA. Wie wirkt die politische Lage dort auf Sie?
Ich bin seit Mitte der 1980er-Jahre in den USA; ich habe die Regierungen unter Reagan, Clinton, Obama und Bush miterlebt. Die letzten 40 Jahre waren voller Kriege, Konflikte, Invasionen und "Sondereinsätze", insbesondere was den sogenannten Nahen Osten betrifft. Von den israelischen Invasionen im Libanon in den Jahren 1982 und 1983, 1993, 1996 und später über den ersten Golfkrieg 1990, den 11. September und die darauffolgenden Kriege bis hin zu den US-Einsätzen im Sudan, dem zweiten Golfkrieg 2003 und nun den Kriegen im Gazastreifen, im Iran und den anhaltenden israelischen Angriffen auf den Libanon: Es ist alles überwältigend. Oft geht mir schon beim bloßen Nachdenken darüber der Atem aus, wobei ich das meiste ja aus der Ferne und nur gelegentlich aus nächster Nähe miterlebe.
Walid Raad "Festival of (In)Gratitude", 2026
Und nun tauchen die Bomben der Vergangenheit wieder in Ihrer Kunst auf.
Die Arbeiten, die ich in Berlin zeige, gehen auf die israelische Invasion von 1982 zurück. Die US-Marine war damals in den Libanon gekommen, um den Rückzug der PLO zu überwachen. 1982 war Israel in den Libanon einmarschiert, um die PLO zu vernichten. Nach drei Monaten Krieg hatte die israelische Armee etwa 18 000 Zivilisten getötet – ein Tempo, das dem ähnelt, das wir heute in Gaza und im Libanon sehen. Nach drei Monaten willigte die PLO ein, das Land zu verlassen, jedoch unter der Bedingung, dass die Sicherheit der in Beirut verbliebenen palästinensischen Zivilisten von den Amerikanern, den Franzosen und anderen garantiert würde. Doch sobald die PLO abgezogen war, brach die Hölle los. Etwa 3 500 Palästinenser und andere Menschen wurden bei den heute als Massaker von Sabra und Shatila bekannten Ereignissen getötet. Die Amerikaner schickten daraufhin eines ihrer gefürchtetsten Kriegsschiffe, die USS New Jersey, in den Libanon, um alle zur Räson zu bringen. Nach weiteren Auseinandersetzungen warf das amerikanische Kriegsschiff 288 große Bomben auf die Berge des Libanon ab. Und eine dieser Bomben fiel auf das Haus meiner Familie.
Wirklich?
Ja. Die Bombe fiel auf das Grundstück und explodierte glücklicherweise nicht, hinterließ aber ein zehn Meter langes und drei Meter tiefes Loch. Wir nutzten es lange Zeit als Swimmingpool. Jahre später traf ich einen amerikanischen Marinesoldaten, der 1983 auf der USS New Jersey gedient hatte, und er erzählte mir, dass die Marines diese Bomben "fliegende Volkswagens" nannten. Warum? Weil die Bomben dieselbe Größe und dasselbe Gewicht hatten wie ein VW-Käfer. Und genau das zeige ich hier in Berlin. Eine Art Ersatz, eine verspätete Präsenz der Bombe, die auf das Haus meiner Familie fiel.
Entschuldigen Sie die Frage: Ist die Geschichte mit der Bombe wahr?
Ja, es ist wirklich eine Bombe auf unser Haus in den Hügeln oberhalb von Beirut gefallen. Glücklicherweise wohnten wir zu dieser Zeit nicht dort.
Die Erfahrungen, die Sie als Teenager während des libanesischen Bürgerkriegs gemacht haben, haben so viele Werkgruppen inspiriert. Gleichzeitig gehen all diese Kriege weiter.
Ja, ich spreche von den Dingen, die passierten, als ich 16 Jahre alt war. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch heute noch einen 16-Jährigen in Gaza, im Libanon, in Israel, im Iran, in Kuwait, in Bahrain, in Katar, in den Vereinigten Arabischen Emiraten oder in den USA gibt, der Ähnliches erlebt, vielleicht sogar noch viel Intensiveres. Wie sich das auf das Leben dieser jungen Menschen auswirken wird, werden wir sehen. Ob dies auch Anlass für zahlreiche Kunstwerke sein wird, für neue Formen, Gesten, Bücher, Geschichten? Wir werden sehen.