Die ehemalige Fiat-Fabrik "Lingotto" in Turin ist gigantisch. Nicht nur befindet sich die einstige Fiat-Teststrecke auf ihrem Dach, sie beherbergt auch ein Messezentrum, einen Kongressbereich, Hotels, Universitätsräume und Einkaufspassagen. Man sieht und erlebt viel, bis man im dritten Stock die Pinacoteca Agnelli erreicht. Dort wird unter dem Titel "In Good Company" aktuell das Werk des Fotografen Walter Pfeiffer ausgestellt. 80 Jahre alt musste der Schweizer werden, bis ihm eine so umfassende, institutionelle Ausstellung in Europa, außerhalb seiner Heimat, gewidmet wurde. Viele der Arbeiten sind hier zum ersten Mal zu sehen, viele sind undatiert oder wurden vor der Schau noch nie gedruckt. Und doch kommen einem die lebendigen, spontanen Fotografien seltsam bekannt vor.
Über 100 von Pfeiffers Arbeiten, von den 1970er-Jahren bis heute, sind auf sechs Kapitel und Räume verteilt. Nicht chronologisch, sondern nach thematischen Schwerpunkten. Ein Raum zeigt nur gestreifte Motive, ein anderer Ansammlungen von Objekten, ein weiterer vor allem Modelle. Im ersten Saal sind alle fotografischen Ausdrucksformen vereint, die Pfeiffer im Laufe seiner Karriere praktizierte: homoerotische Akte, mit denen er lange hauptsächlich assoziiert wurde. Subtile Selbstporträts. Ungefilterte Momentaufnahmen, die heute klar der Modefotografie zugeordnet würden. Stillleben, die Alltägliches abbilden. Ein winziger Einblick in einen riesigen Bestand, für dessen Präsentation sechs Räume nicht ausreichen. Gern hätte man noch viel mehr von ihm entdeckt.
An der Kunstgewerbeschule Zürich wurde Pfeiffer in den 1960er-Jahren nach der post-bauhausgeprägten Farben- und Formenlehre ausgebildet, die seine Bilder bis heute bestimmt. Nach Experimenten zwischen Design, Grafik und Malerei fand er zur Fotografie. Als Quereinsteiger betrachtete er sich bis zuletzt als eine Art Amateur und folgte seinen eigenen Regeln. Dass er damit eine visuelle Sprache entwickeln würde, mit der er gerade heute den Zeitgeist trifft, hätte er wohl selbst nicht gedacht.
"Walter Pfeiffer. In Good Company", Ausstellungsansicht, Pinacoteca Agnelli, Turin, 2026
Es mag wie eine Beleidigung klingen und ist doch als Kompliment gemeint: Beim Rundgang fühlt es sich stellenweise an, als hätte man einen analogen Instagramfeed betreten. Gestählte Männer in Unterwäsche entspannen auf einem gestreiften Handtuch, ein Würstchen im Brot liegt auf einem weißen Pappteller, ein Model räkelt sich auf einem samtigen Sofa, Wäsche weht vor alpiner Landschaft. Pfeiffers Aufnahmen wirken oft wie Schnappschüsse – verschwenderisch feinen Details und beiläufigen Situationen gewidmet. Statt an klassische fotografische Inszenierungen erinnern die Bilder an intime, gelebte und unmittelbar festgehaltene Momente. Diese Ästhetik, die heute selbstverständlich erscheint, irritierte zu Pfeiffers Anfängen noch.
Viel Blitz und schräge Haltungen
Schnell erfasst man seine Handschrift: Vermeintlich banalen Szenen verpasst Pfeiffer Tiefe und Gewicht, während die einst streng formalisierte Modefotografie in seinen Aufnahmen schräg, verspielt und absichtslos wirkt. Der starke Blitz, die ungeschönte Pose, die Mode oft eingebunden in ein größeres Narrativ: Was heute der Norm künstlerischer Mode-Editorials entspricht, galt zu Beginn von Pfeiffers Karriere als unkonventionell. Erst ab den frühen 2000er-Jahren wurde er mit diesem Stil breiter wahrgenommen. Das deutsche "Achtung"-Magazin beauftragte den Fotografen für Modestrecken, sodass er seine jahrzehntelang erprobte Bildsprache kommerziell einsetzen konnte. Gerade in der hierarchielosen Hängung der Ausstellung funktionieren seine Modeaufnahmen gut. Manchmal erkennt man sie kaum als solche.
"Walter Pfeiffer. In Good Company", Ausstellungsansicht, Pinacoteca Agnelli, Turin, 2026
Im fünften, dem stärksten Raum, hängt das Foto eines vornübergebeugten Models mit schwarzer Strumpfhose neben Berglandschaften, Spitzensöckchen, pinken Marshmallowpilzen und einer nackten Rückenansicht. Experimentelle Fotos, die Pfeiffer aufnahm, als er noch unbekannt war, sind direkt neben den Auftragsarbeiten seiner späten Erfolgsära zu sehen. Ihr jeweiliges Entstehungsdatum könnte man nicht erraten. Auch dieses hierarchielose Nebeneinander erinnert an soziale Plattformen, wo der Hunde-Account, das Modelabel und der Reisefotograf gleichzeitig existieren und gemeinsam die visuelle Sprache bestimmen.
Indem Walter Pfeiffer sich und sein Medium nie zu ernst nimmt, entstehen seine stärksten Arbeiten. Das wird vor allem in einem der letzten Säle sichtbar, in dem man dem schwer greifbaren Mann dann selbst gegenübersteht. In einem Balenciaga-esken Regencape, verspiegelter Sportsonnenbrille und Kopftuch steht er in einem Selbstporträt neben einem Model. Beim Verlassen der Pinacoteca, im Trubel der Einkaufenden, Geschäftigen, Touristen und Studierenden merkt man, dass Pfeiffer hier tatsächlich in guter Gesellschaft ist. Alles findet gleichzeitig statt – und er mittendrin.