Warhol vs. byzantinische Ikonen

Eine Ausstellung in Athen verknüpft Religion mit Pop-Art

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Die Ausstellung beginnt mit einer Überraschung. Zwischen den Säulen des Byzantinischen Museums in Athen scheint der Kopf von O.J. Simpson hindurch. Nach ein paar Schritten steht man dann tatsächlich vor Warhols zehnteiliger Sportlerserie, vor Pelé und Muhammad Ali. Aber hatte der kalifornische Sammler Richard Weisman Anfang September nicht den Diebstahl der Bilder angezeigt, von denen alleine der Ali-Siebdruck über neun Millionen Dollar wert ist?

 

Paul Moorhouse, Kurator an der Tate Modern und der Ausstellung „Warhol/Icon: The Creation of Image“ kommt aus dem Grinsen nicht mehr raus. Die Bilder seien tatsächlich nie gestohlen worden, sondern wurden Anfang September fachgerecht nach Athen abtransportiert. Weismann sei nur durch eine Kommunikationslücke in Panik geraten – und obwohl der Kunstraub durch alle Medien gegangen war, sei das „Wiederauffinden“ niemandem mehr eine Meldung wert gewesen.

 

Die Anekdote sagt letztlich mehr über die Ausstellung aus, als Moorhouse lieb sein kann. Denn durch den enormen Wert von Warhol-Bildern ist jedem ihrer Sammler eine gewisse Aufregung eigen, und diese Nervösität macht wiederum eine Ausleihe schwer. Auch Moorhouses Ausstellung leidet unter diesem Umstand. Die Warhol-Werke, die für sein Vorhaben am interessantesten gewesen wären, hängen in München in der Sammlung Brandhorst und im New Yorker Museum of Modern Art, sowie in der Privatsammlung von Jose Mugrabi und seiner beiden Söhne. Ausgeliehen werden sie fast nie.

 

Paul Moorhouses theoretischer Überbau für „Warhol/Icon“ ist allerdings faszinierend. Er betont, dass dieser nicht nur sehr religiös war, sondern auch, dass Warhols Eltern zu einer russisch-polnischen Minderheit gehörten, die die byzantisch-katholische Kirche besuchte - eine kleine Kirche, die den russisch-orthodoxen Glauben mit Katholizismus vermischt. Ikonen gehörten daher seit frühester Kindheit zu Warhols Leben. Das Sehen, dass er durch die goldenen Heiligenbilder eingeübt hat, habe er später mit seinem eigenen Werk auf die Popkultur angewendet. Schließlich, so Moorhouse, habe er sich mit nichts anderem beschäftigt als mit Stars und Ikonen.

 

Das Byzantinische Museum liegt in einem malerischen Stadtteil Athens, das toskanisch angehauchte Gebäude beherbergt die wichtigste Sammlung byzantinischer Ikonen der Welt. Geht man durch die heiligen Hallen, erfährt man eine regelrechte Ehrfurcht. Vielleicht liegt es auch an dieser Pracht, dass die Warhol-Schau trotz der überzeugenden kuratorischen Idee enttäuscht. Auf drei kleine Räume verteilt, findet man vor allem zweitklassige Leinwände des Künstlers, wie eben die Sportlerserie.

 

Der Schwerpunkt liegt auf den 70er- und 80er-Jahren. Anstatt eines Porträts von Liz Taylor sieht man eines von Liza Minelli. Anstelle einer silbernen oder goldenen Marilyn muss man sich ein geradezu abscheuliches Bild mit „18 Multicoloured Marilyns“ anschauen. Ein paar ganz späte Selbstporträts von 1986 sind unter den besseren Exponaten und ein berührendes frühes Porträt von Robert Rauschenberg. Trotzdem muss man fast automatisch an all die Warhol-Ikonen denken, die nicht in dieser Schau zu sehen sind, aber wunderbar gepasst hätten: An all die silbernen und goldenen Jackies, Marilyns, Elvis Presleys und Liz Taylors, an all die seriellen Abendmahl-Siebdrucke. Die hätte Moorhouse intuitiv so verständliche Ikonen-These gebraucht, um auch visuell aufzugehen.

 

Ein paar Straßen vom Byzantinischen Museum entfernt, befindet sich die Galerie Potnia Thiron, einer der interessantesten Kunsträume in Griechenland. Galeristin Elisavet Lira, eine langjährige Freundin von Moorhouse, hat die Kunstmarktkrise dazu genutzt, in ihren Räumen eine eigene museale Schau mit den Screentests von Warhol auf die Beine zu stellen. Verkaufen würde sie zurzeit sowieso nicht viel.

 

Auf drei eleganten Stockwerken kann man sie alle sehen, die Factory-Mitglieder und die Stars von damals, wie sie frontal in die verlangsamte Kamera schauen, manchmal schüchtern, mal kokett. Die Schau ist eine wunderbare Ergänzung zu „Warhol/Icon“. So viele Screentests wurden noch nirgends auf der Welt zusammen ausgestellt. Die kurzen Filme sind so hypnotisch, dass man den Eindruck bekommt, man stehe all den Edie Sedgwicks, den Lou Reeds, den Duchamps, Dalis, den Ingrid Superstars und Susan Sontags Auge in Auge gegenüber. Ganz nah und doch ganz fern – Ikonen eben.

 

Die Ausstellungen „Warhol/Icon. The Creation of Image“ am Byzantine & Christian Museum in Athen und „Warhol Screentests” in der Galerie Potnia Thiron laufen beide noch bis zum 10. Januar 2010. Mehr unter www.byzantinemuseum.gr und www.potniathiron.eu

 

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