Das Versprechen, dass vollständige Vernetzung und Digitalisierung unsere Medienwelt einfacher und besser machen würde, wird von vielen zunehmend kritisch gesehen. Gerade die junge Generation entdeckt alte Geräte und Medien für sich. Das betrifft nicht nur analoge Medien wie Schallplatten. Derzeit boomen klassische MP3-Player wie iPods bei der Gen Z, obwohl die allermeisten ein Smartphone in der Tasche haben, auf dem Spotify und YouTube läuft, also eigentlich schon alle Musik der Welt zur Verfügung steht. Originalverpackte iPods der ersten Baujahre werden auf eBay derzeit zu teils fünfstelligen Beträgen gehandelt.
Ebenso erfreuen sich Digitalkameras der frühen Nullerjahre großer Beliebtheit. Das hat bei vielen einerseits nostalgische Gründe: Verpixelte, überblitzte Fotos erinnern an Kindheiten der MySpace- und Facebook-Ära. Aber es gibt auch einen großen Wunsch, geschlossene Systeme zu wählen, weil omnipräsentes Streaming nicht nur heißt, dass auf der einen Seite Unmengen an Content zur Verfügung stehen, sondern auch, dass auf der anderen Seite ständig Userdaten generiert werden, Algorithmen mit Geodaten und anderen sensiblen Informationen gefüttert und auf dem Smartphone zudem ständig unterschiedliche Apps um Aufmerksamkeit buhlen und konkurrieren.
Auf sozialen Medien wie TikTok und YouTube häufen sich Clips, in denen junge Menschen von ihren positiven Erfahrungen mit ihren iPods berichten.
Die eigentlichen Nachteile von alten MP3-Playern werden zum großen Vorteil. Denn ein iPod von vor 20 Jahren ist im Vergleich zu neuen Smartphones relativ dumm. Das bedeutet aber auch, dass ein iPod keine sensiblen Profile erstellt, keine Werbung ausspielt, nicht ständig mit dem Internet verbunden ist und man Musik selber archivieren und kuratieren muss, weil es eben keine Empfehlungsalgorithmen gibt. Neben möglichen Kindheitserinnerungen gibt es aber auch den Faktor der Kontrolle über den Content, das Musikhören wird wieder zum intentionalen Akt. Kurz: Man genießt die Musik wieder mehr.
Bei Fotos aus alten 3,2-MP-Kameras verhält es sich ähnlich. Sie sind toll, eben weil sie unperfekt sind, weil heute jedes Handyfoto mit KI-Filtern automatisch schöngefärbt wird. Dass Fotos aus alten Kameras häufiger verschwommen sind, verhält sich wie mit unseren eigenen Erinnerungen, die auch mal volatil und unscharf sein können. Wenn man ein Foto auf der Speicherkarte lässt, ist es wie ein besonderer Moment, den man gerne länger für sich aufbewahren möchte. Anders als die unzähligen Gigabytes, die ständig auf dem Smartphone produziert, in gigantischen Clouds ohne Ordnung abgelegt werden und zugleich (meist unwissend) als Trainingsmaterial für immer übergriffiger werdende generative KIs missbraucht wird.
Musik mit MP3-Playern zu hören, bedeutet aber auch, dass KI-Slops automatisch außen vorgelassen werden. Denn die übernehmen auf Spotify und Co. die Überhand. Pro Tag werden mehr als 50.000 KI-Songs hochgeladen. Tendenz steigend. Für viele wird es schwerer, KI-Sounds von "handgemachter" Musik zu unterscheiden. Auch werden jugendgefährdende rechtsextreme Musik-Inhalte zunehmend mit KI produziert, die dann auf algorithmisch erstellten Charts bei großen Streaming-Anbietern auftauchen und trenden. Die Macher hinter dieser Musik wissen nur zu gut, dass Teenager viel Zeit mit Musik verbringen. Dort will man nur zu gerne verfangen.
Ob ein Musikact aus einer KI stammt oder nicht, ist heute mit Recherchen verbunden. Findet man den Song bei Shazam? Was hat der Artist in der Vergangenheit noch veröffentlicht? Hat die Band eine eigene Website mit Konzertterminen? Wird die Musik auf einem halbwegs bekannten Label veröffentlicht? Gibt es eigene Social-Media-Profile, die Aufschluss darüber geben können, wer hinter der Musik steckt?
Auch der C64 ist wieder da
Neulich endete die letzte Staffel der Netflix-Serie "Stranger Things". Ein weltweiter Erfolg, nicht nur weil es eine spannende Serie gewesen ist und nostalgische 80er-Gefühle aufkommen ließ. Ich denke auch, dass die Geschichte so gut funktioniert, weil die damalige Medienwelt eine so zentrale Rolle im Storytelling spielt. Walkie-Talkies, Walkmen, Plattenspieler, Pen-and-Paper-Rollenspiele, auch die zahlreichen Momente der gruseligen Ungewissheit, wenn man nicht weiß, wo der andere ist, weil es eben kein Standort-Sharing übers Smartphone gibt und in zentralen Szenen die Suche nach dem richtigen Kate-Bush-Song auf Kassette über Leben und Tod entscheidet. Viele aus der Gen Z und Gen Alpha teilen eine ähnliche Medien-Sehnsucht, auch wenn die allermeisten nicht ansatzweise Quark im Schaufenster waren.
Studien zeigen, dass heute der Alkoholkonsum unter jungen Menschen im Vergleich zu älteren Generationen zurückgegangen ist. Das ist auf der einen Seite eine positive Nachricht. Allerdings hat das auch wesentlich damit zu tun, dass sich immer weniger heute trauen, Grenzen auszutesten oder einfach mal "Scheiße zu bauen", weil ständig die Gefahr droht, dass selbst die kleinsten Fehltritte von anderen gefilmt werden und unwiderruflich im Netz landen. Das haben Gilles Deleuze und Felix Guattari im 20. Jahrhundert schon geahnt. Das Ausmaß der heutigen ständigen Überwachung und Kontrolle, dürfte aber selbst sie erschüttern. Zumal heute niemand, nicht mal der Staat in der Lage ist, die Kontrollierenden, sprich die Tech-Konzerne zu kontrollieren.
In diesem Frühjahr wird es einen neuen Commodore 64 geben. Für viele ältere Semester war der C64 der erste Computer überhaupt. Man lernte erste Programmier-Basics und wartete teils Stunden, bis ein Game wie "Ghostbusters" über Datasette geladen war. Der C64 Ultimate verfügt über moderne Schnittstellen wie HDMI und USB, kann mit dem Internet verbunden werden, um Games aus der Community runterzuladen, setzt aber auf das klassische Konzept, ohne eine Emulation zu sein, die es seit Jahren immer wieder gibt. Die wiederbelebte Firma nennt sich selbstbewusst "Digital Detox Brand". Man wolle sich mit diesem Gerät bewusst gegen die toxische Tech-Welt der Gegenwart positionieren. Ein Tester für den britischen "Guardian" gibt der Idee recht: "Diesen C64 über die letzten Wochen zu entdecken, hat mir mehr Spaß und Freude gemacht als jede App auf meinem Smartphone es je geschafft hätte", berichtet er.
Auch ich habe meinen alten iPod wieder in Benutzung. Man muss lange am Kontrollrad drehen, bis man die Musik gefunden hat, die man sucht. Verliert sich dabei – wie beim Schallplattenflippen – bei anderen Alben, die man stattdessen hört. Er steht auf einem alten Dock mit Lautsprechern und funktioniert wie eine eigene Stereoanlage. Er ist zwar nicht täglich in Benutzung, aber es macht doch immer wieder Spaß, ihn anzumachen.