Ein komischer Vogel sitzt neben Carey Mulligan. Ein sehr komischer Vogel. Halb Mensch, halb Federvieh. Die Chimäre hält die Lehne des Bürostuhls fest, auf dem Mulligan in unbequemer Pose verharrt. Während die Schauspielerin, die man aus Kinofilmen wie "Drive" oder "Maestro" kennt, nachweislich aus Fleisch und Blut ist, scheint ihr gefiederter Freund (oder Feind?) eine digitale Kreatur zu sein. Seine waldgrünen Federn glänzen wie Legobausteine, die Füße stecken in schwarzen Stiefeln.
Carey Mulligan neben einem komischen grünen Vogel von Jordan Wolfson
Das Foto ist Teil der neuen Frühjahrskampagne von Prada, die in Zusammenarbeit mit dem umstrittenen Künstler Jordan Wolfson entstanden ist. Und weil das Œuvre des Amerikaners auf die Verstörung des Betrachters abzielt – man denke an die beschmutzte Roboter-Stripperin ("Female Figure", 2014) oder die Installation, in der Wolfson virtuell einen Mann zu Tode prügelt ("Real Violence", 2017) – darf man erstmal misstrauisch sein.
Warum Prada sich das leisten kann
Wie passt das alles zusammen? Warum kollaboriert ein High-Fashion-Label ausgerechnet mit einem Mann, dessen Werk vor allem eines verströmt: schlechte Vibes? Gerade im Luxussegment ist man doch auf Konsumenten angewiesen, und die wollen Leichtigkeit und gute Laune. So darf man die Kampagne als ein ziemliches Wagnis bezeichnen – wenngleich ein funktionierendes. Ganz einfach, weil Prada ein Label ist, das sich so etwas leisten kann.
Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens zeichnet die Marke seit jeher ein intellektueller Geist aus, der auf der modischen Anti-Haltung von Miuccia Prada basiert. Zweitens ist Prada eng mit der zeitgenössischen Kunst verbandelt. Man verfügt über drei eigene Museen in Italien und kuratiert regelmäßige Ausstellungen an verschiedenen Orten weltweit. Dass sich die Bereiche Kunst und Mode teilweise überschneiden, ist kaum verwunderlich.
So erstaunt auch nicht, dass sich auf den hauseigenen Modenschauen das Who's who der Kunstwelt tummelt. Am Runway saßen beispielsweise schon Anne Imhof, Matthew Barney, Hans Ulrich Obrist und Klaus Biesenbach. Zur Präsentation der Herbst/Winter-Kollektion 2026 im Februar war auch Jordan Wolfson in Mailand angereist. Womit wir wieder bei der Kampagne wären, zu der es noch etwas anzumerken gibt: Wolfson hat seine Geschöpfe weniger brachial angelegt als sonst. Vielmehr werden sie in der Werbestrecke zu farbenfrohen Models, die mit der Kamera flirten und absichtlich ulkig dreinschauen. Fast scheint es, als würden die Kreaturen die Menschen beschützen, die neben ihnen klein und kindlich wirken.
In dem Video, das mit der Kampagne veröffentlich wird, erwachen die Fotos schließlich zum Leben. Die echten Models, darunter die Schauspieler Hunter Schafer und Nicholas Hoult, sprechen ein rätselhaftes Mantra: "I, I, I, I… am." Damit wird es dann doch noch ein bisschen seltsam. Werden die Promis vielleicht von den Chimären festgehalten und gezwungen, das zu sagen? Sind die Lego-Adler gar keine Beschützer, sondern Geiselnehmer? Vielleicht sogar im Auftrag von Prada?
Seitens der Marke wird der Satz im Pressetext immerhin ergänzt: "I, I, I, I am… Prada", heißt es da. Aufgeklärt wird das Ganze natürlich nicht. So bleibt es ein Wolfsonsches Rätsel. Aber ein sehr stylisches.