Viele Supermärkte schließen inzwischen den Kaffee weg. Weil sich die Preise für die begehrten Bohnen durch Dürren, logistische Risiken und steigende Nachfrage enorm erhöht haben, gehört Kaffee in allen Formen gerade zu den meistgestohlenen Waren. Vor allem in Großstädten stehen die glänzenden Päckchen deshalb in separaten Vitrinen und werden nur auf Nachfrage herausgegeben. Eigentlich ein sehr passendes Bild: Denn als Kostbarkeit hinter Glas sieht das Lebensmittel gleich noch mehr wie die kulturelle Ikone aus, die es zweifellos ist.
Bubble Tea, Matcha Latte und Energydrinks zum Trotz: Kaffee ist der unangefochtene König der Getränke. Und auch in der Kunst ist er in diesem Sommer unausweichlich. In der Galerie Neu in Berlin zeigt Atiéna R. Kilfa gerade ihre Ausstellung "En Suite", in der eine höchst elegante Schwarz-Weiß-Fotoserie von Kaffeetassen zu sehen ist. Die verführerisch hineintropfende Flüssigkeit meint man aus der Werbung zu kennen. Die Arbeit fragt aber auch nach der Zeitlichkeit von Bildern und dem Minimum an Erzählung, das wir brauchen, um Fotografien in Beziehung zueinander zu setzen. Und sie verweist auf den Stoff, der die Menschheit antreibt: Koffein.
Im Mai landete der estnische Rapper und Konzeptkünstler Tommy Cash beim Eurovision Song Contest in Basel auf Platz drei. Auch wenn die internationalen Jurys seinem Italo-Nonsens-Hit "Espresso Macchiato" nicht besonders viel Liebe schenkten - das Publikum feierte die Kunstfigur mit der überlangen Krawatte und dem Coffee-To-Go-Becher auf der Bühne. In dem Song, der im Vorfeld sogar italienische Politiker auf die Palme brachte, bedient Cash einerseits sämtliche Klischees des Landes von Mafiosi bis Ristorante. Aber man kann ihn auch so lesen, dass er sich über zeitgenössische Touristenhorden lustig macht, die alles, was irgendwie italienisch anmutet, verklären und die oberflächlichste Version des Dolce Vita auf Social Media inszenieren.
Der Affogato als Social-Media-Hype
Die Kaffeekultur spielt dabei eine zentrale Rolle - und fürchterliche Cappuccino-Wandtattoos in Hotelfrühstücksräumen sind nur die Spitze des Eisbergs. 2023 postete der Fotograf Sam Youkilis, der vor allem mit Sehnsucht weckenden Reisebildern bekannt wurde, einen Affogato (Espresso mit Vanilleeis) aus der Florentiner Gelateria Vivoli auf Instagram und machte das Eiscafé zu einer viralen Sensation.
Es ist eine der zentralen Absurditäten der heutigen Bildkultur. Wenn nur eine Person mit großer Reichweite ein angenehmes (kulinarisches) Erlebnis hat und dieses teilt, wollen alle anderen dasselbe, um es per Foto zu bezeugen. Dass der Affogato dann vor lauter Anstehen und Andrang wahrscheinlich nicht mehr der subjektiv beste in ganz Florenz ist, wird in Kauf genommen.
Dass man keinen Hype, sondern nur eine klassische Bialetti-Kanne braucht, um aus Kaffee Kunst zu machen, zeigt der Südafrikaner William Kentridge, der in diesem Herbst mit einer Doppel-Retrospektive zum 70. Geburtstag in Köln und Dresden geehrt wird. Dabei ist der Zeichner und Filmemacher, der mit seinen politischen wie poetischen Animationen zu den wichtigsten Stimmen der Gegenwartskunst gehört, nach eigener Aussage gar kein Koffein-Junkie - und den Mokka aus dem zeitlosen Aluminium-Kocher mag er schon gar nicht.
Mein Leben als Kaffeekanne
Viel lieber benutzt er die Bialettis als Motive für seine Bilder. Eine Serie über sein Leben im Atelier nannte er sogar "Self portrait as a coffee pot". Er spielt darin mit der märchenhaften Tradition der belebten Objekte, die eine eigene Persönlichkeit entwickeln. Das Selbst als Kaffeekanne, das ist so naheliegend und so weit hergeholt wie das Leben an sich.
Wer Kunst mit oder über Kaffee macht, brüht damit eine ganze Menge Kulturgeschichte auf. Seit 1645 in Venedig das erste europäische Kaffeehaus eröffnete, ist das Getränk nicht nur Wachmacher und Seelenwärmer, sondern auch sozialer Klebstoff.
Nach und nach erobert er alle Milieus vom Hof bis zur Arbeiterklasse, was auch Künstler immer wieder dazu verführt, ihn auf der Leinwand als Stillleben oder Accessoire zu verewigen. Er fehlt weder bei Manets "Frühstück im Atelier" noch bei der kleinen Pause einer Hausfrau auf Paul Cézannes "La Femme à la cafetière".
Die Nachtschwärmer und die Hochleistungs-Baristas
Auch Edward Hoppers berühmte "Nachtschwärmer/ Nighthawks" von 1942 haben in ihrem gläsernen Diner Kaffeetassen vor sich stehen. Wofür sie sich wach halten, bleibt dabei ungewiss. Koffein-Nachschub gäbe es jedoch reichlich. Der schwarze, starke Treibstoff wird bei Hopper literweise aus hohen, silbernen Metallzylindern gezapft, wie sie bei USA-Nostalgikern hoch im Kurs stehen.
Wer ein bisschen mehr Hightech sucht, wird bei der deutschen Malerin Jana Euler fündig. Die warf 2023 in ihrer Berliner Schau "Investment" einen ironischen Blick auf unsere Leistungsgesellschaft und zeigte opulente Siebträgermaschinen, die wie schräge robotische Lebewesen aussehen. Ein künstlerischer Gegenpol zur materiellen Askese von William Kentridge - ein Selbstporträt als Barista-Equipment.
"Künstler haben Kaffee als ihr Getränk gewählt", sagt einer, der dem Phänomen sein ganzes Leben gewidmet hat. Andrea Illy ist Geschäftsführer des gleichnamigen Kaffeeproduzenten und hat 2018 sein Buch "Der Traum vom Kaffee" veröffentlicht. Sein Familienunternehmen mit Sitz in Triest lässt immer wieder Tassen-Sets von namhaften Künstlerinnen und Künstlern gestalten und zelebriert auch sonst die ästhetische Dimension seines Produkts.
Nicht die Bohne fair
"Künstler und Intellektuelle haben schon vor 400 Jahren Kaffee getrunken und diese Tradition setzt sich fort. Kaffee ist das offizielle Getränk der Kultur", sagte Andrea Illy 2018 im Monopol-Interview. "Alle großen Bewegungen der Menschheit, die Aufklärung oder die Globalisierung, haben im Kern mit Menschen zu tun, die bei einer Tasse Kaffee zusammenkommen. Die Aufklärung wurde in Cafés geboren."
Ganz so ungetrübt ist die Geschichte des Rohstoffs dann aber doch nicht. Denn schließlich hat der schier unstillbare Kaffeedurst mit der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen und Ökosystemen zu tun. Außerdem liegt der Ursprung des europäischen Konsums im Kolonialismus, und auch heute noch werden Kaffeebauern im Globalen Süden oft ausgebeutet - selbst da, wo Fair Trade draufsteht.
Auch dieses Thema taucht verstärkt in der Kunst auf. Auf die ganz große Bühne brachte es der ghanaische Künstler Ibrahim Mahama, der auf der Venedig-Biennale oder der Documenta riesige Installationen aus Jutesäcken geschaffen hat. Mit seiner Verhüllungstechnik bezieht er sich formal auf das Künstlerpaar Christo und Jeanne Claude, doch sein Material, in dem unter anderem Kaffee und Kakaobohnen um die Welt verschickt wurden, verweist auf ein globales Handelssystem, in dem immer noch das Recht des Stärkeren gilt.
Kluft zwischen Konsumenten und Produzenten
In der Wiener Secession erzählt auch der ruandische Künstler Francis Offman gerade eine Geschichte der Verflechtungen. Die Wände des Ausstellungshauses hat er mit getrocknetem Kaffeesatz bestrichen, den er aus italienischen Espressobars bezieht.
Das duftende Pulver verbindet verschiedene Kulturkreise, die dessen Aufguss alle als "Nationalgetränk" beanspruchen. Aber die Installation öffnet auch eine Kluft zwischen denen, die Kaffee als alltägliches Ritual genießen können, und den Erzeugern, für die er eine Frage des Überlebens darstellt.
Kein Wunder also, dass das Interesse von Künstlerinnen und Künstlern an dem psychotropen Getränk schier unerschöpflich ist. Man muss nicht mal im Kaffeesatz lesen, um auf die Idee zu kommen, dass sich an seinem Beispiel viel über die menschliche Natur und den Zustand der Welt sagen lässt. Ein Hauptgrund, warum Kaffee gerade so teuer ist und weggesperrt wird, ist übrigens die Klimakrise.
Die simpelste Aquarell-Malerei der Welt
Wer jetzt das Bedürfnis nach einer Extradosis visuellen Koffeins verspürt, kann dieses noch bis zum 22. August in Dresden stillen. Dort zeigt das Kupferstichkabinett in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Bildende Künste die Ausstellung "Coffee Spot", in der Studierende auf Künstler aus der Sammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden treffen und sich mit Kaffee als Motiv und Material auseinandersetzen.
Zu sehen ist dort unter anderem eine Zeichnung von Franz-Erhard Walther, in deren Zentrum ein großer Kaffeefleck prangt. Dieser zarte, hellbraune Kreis, der entsteht, wenn man eine zu volle Tasse auf ein Blatt Papier abstellt. Vielleicht ist das die schönste, simpelste Aquarell-Malerei der Welt.