Aktuelle Kampagnen-Videos

Warum die Mode gerade die 80er wiederentdeckt

Kate Moss singt "Wicked Game", Connor Storrie tanzt zu Milli Vanilli: Gucci und Saint Laurent holen die 80er-Ästhetik zurück. Warum Luxusmode gerade in einer Epoche voller Pop, Pathos und Glamour nach einer verlorenen Unbeschwertheit sucht

Kate Moss am Mikrofon. Sie steht auf der Bühne eines muffigen Kultursaals in Zagreb und bewegt ihre Lippen steif zu "Wicked Game" von Chris Isaak. Auf der anderen Seite der Welt tanzt Connor Storrie vor der Kochinsel eines hypermodernen Apartments in Manhattan zu Milli Vanillis "Girl, I’m Gonna Miss You". Die Sujets könnten nicht unterschiedlicher sein. Dennoch haben die beiden Kampagnen – die von Gucci und die von Saint Laurent – etwas gemeinsam: Prominente performen im Auftrag der Mode zu einem Song aus den 1980er-Jahren, jenem lange als stilistisch geschmacklos verlachten Jahrzehnt. 

Doch 2026 schaut man bei den Luxuslabels mit großer Sehnsucht auf diese Zeit zurück. Nicht nur, weil viele derzeit relevante Designer damals als Kinder ihre ersten ästhetischen Erfahrungen sammelten, sondern weil die Mode viel unbeschwerter als heute schien. Alles war bunt, knallig und frivol. Die späten 80er- und frühen 90er-Jahre waren außerdem die große Zeit der Popmusik und des Musikfernsehens.

Wir erinnern uns: 1981 ging in den USA der Kabelsender MTV an den Start und läutete die Ära des Musikvideos ein – ein extrem referenzielles und teilweise sogar avantgardistisches Genre, in dem sich die westliche Kultur widerspiegelte. Neben Mode, Fotografie oder Kunst beeinflusste auch das Kino, allen voran der Regisseur David Lynch ("Blue Velvet", 1986, "Twin Peaks", 1990) das Geschehen in den Clips. Ungemütliche Szenarien, fensterlose Räume und schwere Vorhänge stehen bis heute für einen von seinem Werk geprägten visuellen Stil. Kein Wunder, dass Lynch selbst zu Lebzeiten diverse Musikvideos drehte, auch für Chris Isaaks "Wicked Game". 

Kreise, die sich schließen

Womit sich der Kreis schließt, denn vor einem schweren Vorhang tritt auch Kate Moss mit eben jenem Lovesong in der aktuellen Gucci-Herbstkampagne auf. Als leicht abgehalfterter Star steht das Model im Glitzerkleid auf der Bühne und "singt". Das Publikum wirkt zunächst desinteressiert. Später erheben sich die Menschen aus den Sesseln und tanzen miteinander. Das kam vielen gleich bekannt vor, und sie lagen richtig. Der schwedische Filmemacher Johan Renck hat für Gucci praktisch eine Kopie seines eigenen Videos "Pass This On" gemacht, das er vor vielen Jahren für The Knife drehte.
 


Die Songauswahl ist ebenfalls einfach zu erklären, sowohl "Wicked Game" als auch "Pass This On" sind Lieblingssongs des Gucci-Kreativdirektors Demna; nachzuhören in seiner zu Balenciaga-Zeiten auf einschlägigen Streamingplattformen hochgeladenen "Demnas Playlist".

Wie Anthony Vaccarello für seine Saint-Laurent-Kampagne auf Milli Vanilli kam, ist indes nicht überliefert. Auch wissen wir nicht, warum Dua Lipa für Chanel ausgerechnet "She Drives Me Crazy" von den Fine Young Cannibals sang oder Alessandro Michele seine Valentino-Kampagne mit einem Track der Mix Masters unterlegte.

Offensichtlich ist unterdessen eines: Die 80er sind nicht nur modisch, sondern auch musikalisch zurück. Wie schön, dass man dabei das gute alte Musikvideo nicht vergisst, das mit dem Niedergang des linearen Fernsehens in den Untiefen des Internets zu verschwinden droht.

Übrigens: Der wahrscheinlich erste Mann, der gemeinsam mit Models lippensynchron einen Song performte, hieß George Michael. Vielleicht ist er ja der Urvater dieser ganzen hier aufgeschriebenen Geschichte – wer weiß!