Sie kam aus Griechenland und war wissensdurstig. Sie studierte Skulptur am Central Saint Martins College of Art and Design in London und fiel dort auf. Nicht nur - aber auch - dem britischen Musiker, Songschreiber und Britpop-Dandy Jarvis Cocker.
So trug es sich zumindest zu, wenn man den ersten Zeilen des Songs "Common People" von Pulp Glauben schenkt, der vor 30 Jahren veröffentlicht wurde. In diesem Sommer spielt ihn die frisch wiedervereinte und mit neuem Album ausgestattete Band auf diversen europäischen Festivalbühnen. Und betrachtet man die ekstatischen Videos aus Glastonbury von Ende Juni, feiert ihn auch ein junges Publikum, das den ersten Pulp-Hype in den 90er-Jahren verpasst hat und das Stück mutmaßlich durch seine Eltern oder den Spotify-Algorithmus kennt.
Abgesehen davon, dass das eröffnende Keyboard-Riff und der kathartische Refrain immer noch erhebliches Ohrwurm-Potenzial besitzen, lohnt es sich auch heute noch, den Text näher zu betrachten. Denn im Gegensatz zur rüpeligen "Working-Class-Attitüde" der (ebenfalls wieder tourenden) Britpop-Kollegen von Oasis und der wohlfrisierten Intellektualität von Blur umwehte Pulp stets die Aura von exzentrischen Außenseitern mit "Kunsthochschul-Charme"; so formulierte es kürzlich das Magazin "Diffus".
Doch Jarvis Cocker wurde nicht nur für seine leicht ironische, arty Performance auf der Bühne bekannt. Er studierte ab 1988 tatsächlich Film an der renommierten Akademie Central Saint Martins - und ließ diese Zeit auch in sein Songwriting einfließen. "Common People" dürfte damit so ziemlich der einzige Welthit mit Kunsthochschul-Bezug sein, der auch noch das hochaktuelle Thema Klassismus im Kulturbetrieb berührt.
In den Lyrics zu "Common People" finden wir nicht heraus, welche Art von Skulpturen die besungene Studentin eigentlich macht, vielmehr wird sie sofort mit einer Information über ihren finanziellen Hintergrund vorgestellt. Ihr dad sei nämlich loaded, also stinkreich, heißt es in der ersten Strophe. Und trotzdem wolle sie wie die "einfachen Leute" leben und erhofft sich deshalb vom lyrischen Ich eine Schulung, wie das geht - Supermarktbesuch, Kettenrauchen und Kakerlaken in der Wohnung inklusive.
Auch wenn Jarvis Cocker in dem Song genüsslich eine einzelne Person und ihren Armutsfetisch auseinandernimmt - "all the stupid things that you do, because you think that poor is cool" - spricht er dabei auch ein weitverbreitetes Phänomen der Kulturbranche an. Für die Allermeisten ist künstlerische Arbeit prekär, den Verzicht auf das sichere Einkommen eines "normalen Jobs" muss man sich leisten können. Also trifft man in allen kreativen Disziplinen auf Menschen, die aus gutem Hause kommen und für die ein vermeintlich freies Künstlerleben vor allem durch finanzielle Privilegien möglich ist.
Auch Kunsthochschulen sind (trotz Initiativen zur Öffnung) weiterhin tendenziell elitäre Orte, an denen sich viele Studierende tummeln, die "von Geld kommen" - und an denen sich sozial schwächere common people gar nicht erst bewerben, weil sie ein Leben als Künstler oder Künstlerin nicht als möglich erachten.
Prekariats-Cosplay in den Kunstmetropolen
Es ist einer der auffälligsten Widersprüche der Kunstwelt: Einerseits spricht sie sich offensiv für Teilhabe und soziale Gerechtigkeit aus, andererseits besteht sie selbst zu einem großen Teil aus gut betuchten Protagonistinnen und Protagonisten, die dem Ferienhaus in Griechenland näher sind als der Sozialwohnung, die im Pulp-Song auftaucht.
Weil offensiv ausgestellter Reichtum in der Branche aber nur bedingt gut ankommt, gibt es ein Phänomen, das man Prekariats-Cosplay nennen könnte. Man wohnt zu horrenden Preisen in abgerissenen Metropolen-Vierteln und trägt im Extremfall eine 3000-Euro-Bauarbeiterjacke von Balenciaga. Da Mietpreise und Lebenshaltungskosten gerade in den hippen Kunst-Städten immer weiter steigen, dürfte sich diese Entwicklung noch verschärfen. Es ist verdammt teuer, wie eine klischeehafte Kunststudentin zu leben und zu feiern. Und wenn es doch mal eng wird oder das Leben zu unglamourös, können ja immer noch die Eltern einspringen. Wie es Jarvis Cocker ausdrückt: "If you called your dad, he could stop it all, yeah."
Man muss einen 30 Jahre alten Popsong nicht gleich zum Soziologie-Essay stilisieren. Aber im Sommer 2025 klingt die Botschaft von "Common People" – dieser charmant formulierte Mittelfinger an eine "Klassentouristin" – ziemlich aktuell und bemerkenswert; was man wahrlich nicht von allen 90er-Hits behaupten kann. Über das reale Vorbild für Cockers Kunststudentin gibt es übrigens seit Jahrzehnten Spekulationen. Ein Name, der immer wieder fällt, ist der der griechischen Bildhauerin und Industriellen-Tochter Danae Stratou. Deren Vater kann man auf jeden Fall als loaded bezeichnen, und sie war gleichzeitig mit dem Pulp-Sänger am Central Saint Martins in London. Stratou ist heute die Ehefrau des ehemaligen griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis, der sich 2015 als unorthodoxen Marxisten bezeichnet hat. Egal, ob die Referenz nun stimmt oder nicht – die finanzpolitische Ironie in dieser Konstellation könnte Jarvis Cocker gefallen.