Gekapert vom netten Alien-Kollektiv

Warum sich die Kunstwelt wie "Pluribus" anfühlt

Im TV-Hit "Pluribus" transformiert ein außerirdisches Virus die Menschheit in einen woken Schwarm, nur eine renitente Autorin beharrt auf Trauma und schlechter Laune. Doch warum erinnert das Alien-Kollektiv so an den Kunstbetrieb?

Na, willst du auch manchmal aufgeben? All die Kriege, die Gewalt, die gesellschaftliche Spaltung? Erschöpft von öden Dystopien? Warum noch gegen Rechtsruck, den Zerfall der Demokratien, Deutschtümelei, die "Stadtbildsanierung" von Friedrich Merz und Co auflehnen?  

Wenn Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sich selbst mit Thomas Mann und Jan Böhmermann mit Bertolt Brecht vergleicht, dann sei du in dieser Echokammer doch einfach Rainer Maria Rilke: "Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los!" Oder never ending culture wars. Wäre es nicht mal schön, wenn endlich Frieden herrschte?

Warum also nicht alles gleichzeitig machen: mit den AfD-Nachbarn grillen, aber auch für Seenotrettung spenden oder auf Demos gegen Rassismus gehen? Warum nicht ein wenig Verständnis zeigen für die Sehnsucht nach einem Deutschland, das sich heimelig anfühlt wie eine Zott-Sahne-Jogurt-Reklame aus den 1990ern? Auch, wenn du gar nicht so heimlich denkst, es sollte Zwangsarbeit oder Massendeportation geben, können wir doch trotzdem mal zusammen das Tanzbein schwingen, auf dem Dorffest oder bei der Sause zur Kunstmesse. Hör doch endlich auf, überall den Weltuntergang zu wittern, so negativ zu sein. Du bist nicht in der resistance. Entweder ist man Teil der Lösung, oder man ist Teil des Problems.

Diese Serie ist eine Achterbahnfahrt

Aber stopp, bevor du dich in die innere Emigration begibst, die Scheiße wegmeditierst, die Klappe hältst: Sieh dir erstmal die neue Serie "Pluribus" auf Apple TV an. Sorry, dass ich noch immer Apple gucke. Ich weiß, ich komme in die Hölle. Aber ich schmore gern für diese Sünde. Diese Serie ist eine Achterbahnfahrt – lustig, traurig, schrecklich, anrührend, alles auf einmal. Ich habe gleichzeitig geheult und gelacht. 

Erfunden hat "Pluribus" Vince Gilligan, der Schöpfer der legendären Shows "Breaking Bad" und "Better Call Saul". Aus letzterer kennt man auch schon die geniale Rhea Seehorn, die diesmal die Hauptrolle spielt: Carol Sturka nämlich, eine zynische, desillusionierte, aber erfolgreiche Autorin, die in Albuquerque lebt und erotische Fantasy-Abenteuer vom Fließband schreibt. 

Ihre Bestseller-Reihe, für die sie auf Lesereise geht, heißt "The Winds of Wycaro" und wird von einem Barnes-&-Noble-Mitarbeiter über die Lautsprecheranlage als "spekulative historische Liebesromanliteratur" angepriesen. Für Carol ist ihre 
literarische Produktion eine hohle Fantasie, die sie nur für Kohle und Status schreibt, für ein Massenpublikum, das sie verachtet. 

Invasion aus dem Weltraum

Sie ist nicht glücklich mit ihrem Leben. Ihr Auto startet nur, wenn sie ins Promille-Messgerät geblasen hat. Sie ist lesbisch, aber nicht out. Kaum jemand weiß, dass ihre Managerin Helen auch ihre Partnerin ist. Der Pirat in ihren Romanen war mal eine Piratin. Ihr Traum ist, ihr erstes "ernstes" Buch zu publizieren, das "Bittere Chrysanthemen" heißen soll und das sie schon hundertmal umgearbeitet hat. Doch zum Schreiben kommt sie nicht mehr, weil erstmal das Ende der Menschheit ansteht. 

Wissenschaftler empfangen eine Sequenz aus einem anderen Sonnensystem, die, wie sich herausstellt, so etwas wie das Kochrezept für eine Alien-RNA ist. Und natürlich bauen die Menschen die Anleitung nach, natürlich gibt es einen Unfall. Und natürlich infizieren sich alle. Der Titel der Serie leitet sich vom lateinischem e pluribus unum ab, was auf Deutsch "aus vielen eines" heißt, oder auf Englisch out of many, one

Die Worte sind der Wappenspruch im Großen Siegel der Vereinigten Staaten, den man auch auf der Vierteldollar-Münze lesen kann. Und genau das macht das Virus: aus vielen eins. Die Infizierten fallen in eine Art epileptischen Zustand. Wenn sie aufwachen, sind sie mit allen anderen Befallenen zu einem einzigen Bewusstsein, einer einzigen Wahrnehmung verbunden. 

Kein Ich mehr, nur noch Wir

Alle zusammen sind glücklich, empathisch, völlig gewaltfrei, immer lächelnd. Die Virusträger küssen und lecken alles ab, was sie zu fassen kriegen, um alle zu transformieren. Als das nicht schnell genug geht, kapern sie Jagdbomber und berieseln in einer Art D-Day-Invasion die Menschheit. Viele der Erdenbewohner sterben aber auch, wie man dann erfährt, weil sie die Krämpfe nicht überleben (dazu später mehr); über 886 Millionen Menschen.

Es gibt kein "Ich" mehr, sondern nur noch ein "Wir", das alles mit allen zusammen denkt, träumt, fühlt, weiß, erinnert. Dieses globale Schwarmbewusstsein braucht keine Handys, kann nicht töten und keine Gewalt anzuwenden. Es lässt alle Tiere aus den Zoos frei. Dieser Blob kommt rüber wie Kommunismus, Nepo-Babys und der Film "Die Körperfresser kommen" auf LSD. Jeder kann alles: Frachtflugzeuge fliegen, weil ja jeder Flieger ist, auch wenn man aussieht wie ein kleiner Junge. Genauso kann jeder Altgriechisch, Krebs operieren, Gulasch kochen, foltern oder eine Behörde leiten. 

Es gibt keinen Rassismus und keine Homophobie, da dir nichts Menschliches mehr fremd ist. Es gibt nie wieder Klassenkampf, weil es de facto keine Differenzen mehr gibt. Da ist nur noch ein einziges, nervig-nettes, globales Über-Ich, das so emphatisch ist wie Chat-GPT oder die Mitarbeiterin eines "White Lotus"-Hotels. 

Ein Wutausbruch, elf Millionen Tote

Und auf der anderen Seite ist da Carol, einer der letzten elf immunen Menschen auf der Welt, die noch ein Ego haben. Die Pluribus-Avatare beschimpft, randaliert, einen narzisstischen Anfall nach dem anderen hat. Und die nur wieder ihr altes Leben zurückwill. Wie Rhea Seehorn die gebrochene, alkoholisierte, jähzornige, trauernde Frau spielt, die bei der Invasion ihre Partnerin verloren hat und sich wie eine Kamikaze-Karen durch diese Dystopie bewegt, ist eine Sensation. Es gibt einen Twist: Wenn Carol aggressiv wird, ein Individuum aus dem Schwarmbewusstsein attackiert, bekommt das gesamte Kollektiv Krämpfe und es sterben jedes Mal infizierte Menschen. Nach Carols zweitem Wutausbruch schon elf Millionen. 

Um die Abweichlerin bis zur Umwandlung in die Egolosigkeit glücklich zu machen, bietet der Pluribus ihr und den anderen resistenten Überlebenden alles, was deren Herz begehren könnte. Er findet Zosia, eine Frau im Libanon, die aussieht wie Carols Vorstellung der lesbischen Fantasy-Piratin. Lunch? Was immer du brauchst, wird von den Nachbarn vor die Tür gebracht. Ein Auto? Du kannst jedes nehmen. Schwierigkeiten, deine Partnerin im Garten zu begraben? Wir lassen dir einen Minibagger vom Himmel. Eine Boeing, eine Villa, eine Tankstelle, die nur für dich in Betrieb genommen werden? Kein Problem. Sex, ja, natürlich, kannst du mit jedem haben. Das erinnert an Zauberei im Sixties-Kinderfernsehen, aber auch an die Hochzeit von Jeff Bezos und Lauren Sánchez in Venedig - oder an Jeffrey Epsteins Insel. 

Carol ist eine tickende Zeitbombe. Sie benimmt sich so schrecklich, dass man sich fragt, ob es nicht gut ist, dass das nette Alien-Kollektiv die Führung übernimmt. Aber zugleich verliebt man sich in diese komplexe, kaputte Figur, die nur darum kämpft, nicht komplett den Verstand zu verlieren, wie wir alle. Carol verlangt schließlich, die anderen Übriggebliebenen zu treffen, um eine Revolte anzuzetteln, doch Fehlanzeige. Auch die Nicht-Infizierten finden die neue Situation, von der sie profitieren, super. Carol bleibt also erst mal allein in dieser neuen Welt, in der es kein Nein gibt, die merkwürdig zusammengewürfelt aussieht. Ferienresorts, Privatflugzeuge, die Luxus-Welt der Superreichen und Oligarchen vermischen sich mit Vororten, der Wüste New-Mexicos, Militärbasen, Autobahnzubringern, Grünstreifen, neben denen sich noch Leichen und Trümmer stapeln.  

Goodbye, Ego!

"Pluribus" führt ein klassisches Dilemma vor; nämlich die Frage, was wichtiger ist: Freiheit im Sinne von Selbstbestimmung und Individualität oder die kollektive Errettung der Welt, für die eben genau dieses Ego aufgegeben werden muss. Carols neue Welt ist menschenleer wie in der Corona-Pandemie. Während in der ganzen Stadt das Licht ausgeht, bleibt bei ihr die Festbeleuchtung an. In einer Schlüsselszene betritt sie einen Bio-Supermarkt der Kette Sprouts, weil sie ihr Essen selbst kaufen will. Die Halle ist aber leergeräumt. In der neuen Welt wird das Essen zentralisiert und zugeteilt. Sie ruft irgendeine Nummer an, beschwert sich, sie wolle ihren Sprouts zurück. Die Stimme am anderen Ende bittet um Geduld. In der nächsten Minute fährt eine Armada von LKWs vor, hunderte von Hilfskräften räumen den Biomarkt in zwei Stunden komplett mit Lebensmitteln ein. Aber auch das hilft nicht.

Carols Problem ist nicht, dass sie keine Menschen mehr sieht, sondern dass sie kein wirkliches Gegenüber mehr hat. Nur diese Avatare, die wie Algorithmen persönliche, intime Erinnerungen anderer Menschen nutzen, um ihr völlig 
übergriffige und spektakuläre Überraschungen zu bereiten. Angeblich, um sie glücklich zu machen. Dabei ist sie der einsamste, paranoideste Mensch der Welt. Eine Autorin, eine Künstlerin, die kein Publikum, keine Öffentlichkeit mehr hat und zu spät merkt, wie sehr auch ihr Werk diesen Kontakt braucht. 

Alle sind eigentlich schon tot. Der Virus hat ihre Leben abgeerntet wie big data. Das Horror-Thema der ausgetauschten Gesellschaft, in der das das Straßenbild stimmt, aber sonst nichts, war früher immer eine Parabel auf die Schrecken von Totalitarismus, Faschismus, Kommunismus oder einem aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus. Autor und Regisseur Vince Gilligan lässt die Deutung offen. Es gibt Podcasts und Diskussionsgruppen auf Reddit, die obsessiv darüber debattieren, was diese neue, mysteriöse Pluribus-Weltordnung ist. 

Das Woke-Virus ist nicht woke

Und genau das ist die Stärke dieser Serie, dass sie auf unsicheres Terrain führt. Alle sind in Widersprüche verwickelt. Während die Pluribus-People auf jeden Schritt achten, um nicht auf ein Insekt zu treten, lassen sie fast 900 Millionen Tote erstaunlich kalt. Sie reglementieren Nahrung, Energie, Produktionsmittel, organisieren alles neu, um eine bessere, gerechtere Gesellschaft zu etablieren – nur, um eine winzige Schar Auserwählter mit extravaganter Verschwendung "glücklich" zu machen. 

Carol, die unbemerkt zur Massenmörderin geworden ist, sich null unter Kontrolle hat, Handgranaten, Panzer und gar eine Atombombe bei den Aliens ordert, will die Welt retten. Na ja, Trump hat auch so eine. Für eher konservative Gemüter könnte "Pluribus" ein Woke-Virus, eine Allegorie auf linke Utopien darstellen. Doch wäre das Schwarmbewusstsein marxistisch, würden die Aliens eher eine Lesegruppe mit Carol gründen und sie zur gemeinsamen Arbeit einladen als ihr einen Supermarkt einzurichten. 

Es geht hier nicht um Gemeinschaft oder Zukunftsvisionen. Die Mutanten haben kein anderes Ziel als die Abweichlerin zu infizieren, damit ihr eigener Erhalt gesichert ist. Auch, wenn sich die Machtverhältnisse und Sympathien in der Serie ständig verschieben, bleibt ein Gefühl konstant: dass die Pluribus-Avatare in ihrer unendlichen Toleranz und Empathie performativ sind, dass es nicht um Glück, sondern eine verschleierte Transaktion geht.

Leute, die Oma für zehn Pfennig über die Klippe schubsen würden

Mich erinnern diese affirmative Freundlichkeit, die übertriebene Tugendhaftigkeit, die Vermeidung von Konflikt, Trauer, Wut, diese sinnlose Wunscherfüllung an etwas anderes: die Kunst- und -Kulturszene des Mainstreams, die völlig größenwahnsinnig bezaubert und überrascht. 

Klimawandel? Da wirft doch Ólafur Elíasson mal ein gigantisches Stück Gletschereis auf dem Trafalgar Square ab, mit dem Frachtflugzeug angeliefert. Vom gigantischen butt plug über Fußballplatz-große Farbexplosionen bis zum aufblasbaren Riesen-Kermit versetzen dich globale Kunstevents regelmäßig in Staunen darüber, was alles möglich ist. 

Jeder kennt das auch im Kleinen. Galerie-Mitarbeiterinnen, Tischnachbarn bei Dinners, Leute, die ihre Kunst erklären, sind 90 Prozent der Zeit mit dir einer Meinung. Änderst du seine Position, gehen sie mit. Und andersherum machst du das auch. Leute, die ihre Oma für zehn Pfennig über die Klippe schubsen würden, reden mit dir über Ungleichheit, reaktionäre Kulturpolitik, schlechte Instagram-Kunst anderer Leute, nur, um sich umzudrehen und genauso KI-mäßig mit denen zu sprechen, über die sie gerade hergezogen haben.

Lieber rumtanzen als was sagen

Was, wird mancher ausrufen, der Betrieb ist doch kein hive, kein Schwarm, erst recht kein Kollektiv, sondern völlig gespalten. Gaza, Rechtsruck, die culture wars, was ist denn damit? Doch warum, frage ich mich, gibt es trotz der Fronten so wenig persönliche Diskussionen? Galerien vertreten gleichzeitig propalästinensische Aktivisten und Aktivistinnen und zionistische Künstler und Künstlerinnen, ohne dass sich jemand dazu äußert oder darüber gesprochen wird. 

"Aktivistische" Akademiker, Künstler und Kuratoren reisen und diskutieren mit Superreichen, arbeiten für deren philanthropische Unternehmungen, ohne dass der ökonomische Kontext je infrage gestellt wird. Akteure, die Institutionen schleifen, Förderungen für "elitäre", politisierte Kunst einstellen wollen, die sich einen konservativen Neustart wünschen, werden auch von den Betroffenen zumeist nett begrüßt. 

Ganz Berlin kotzt über die Verleihung des Preises der Nationalgalerie an Mauricio Cattelan. Nicht nur, dass der Preis 20 Jahre zu spät kommt, er ist auch eine absolute Entmutigung für alle jüngeren Künstler und Künstlerinnen, die diesen push brauchen und für die der Preis mal gedacht war. Trotzdem kannst du sicher sein, dass alle, die das gerade desillusioniert, zum nächsten Christopher Street Day wieder mit "Klaus" auf der Terrasse der Neuen Nationalgalerie zum DJ-Set rumtanzen und ihm niemand etwas dazu gesagt haben wird. Es würde wohl auch keinen Unterschied machen. 

Kaum eine ehrliche Meinung

Ich meine nicht, dass sich nun alle gegenseitig canceln sollten. Ich meine, dass wir mal etwas aufrichtiger von Angesicht zu Angesicht miteinander reden sollten. Die Härte und Hetze, mit der "FAZ" und Springer im Namen von Demokratie und Meinungsfreiheit gegen "Antisemiten" und "Linksradikale" vorgehen, hat zu einer Art Pluribus-Kultur geführt. 

Es gibt innerhalb des Kunstbetriebs, oft aus Angst, Status, Jobs, Kohle, Likes zu verlieren, kaum eine ehrliche Meinung. Niemand möchte sich zeigen, zu viel sagen, weil es nach hinten losgehen kann. Alles ist strategisch, systemisch. Während Politik woanders gemacht wird, die Berlin Biennale rückblickend gefloppt ist, niemandem einen Gefallen getan hat, kriegen wir jetzt als Dank für unsere Pluribus-Mentalität nicht nur Cattelan, sondern auch noch Gerhard Richter auf Platz 1 der Monopol Top 100. "Für viele mag es beruhigend sein, dass vorläufig immer noch westliche Player den Kunstbetrieb prägen, darunter viele, die in Deutschland leben und arbeiten", schreibt der "Tagesspiegel" als Kommentar auf das Ranking und die ewig gleiche Bestenliste im "Kunstkompass", bei dem Richter auch den ersten Platz belegt, gefolgt von Bruce Nauman, Georg Baselitz, Bruce Nauman. Die 96-jährige Punktekünstlerin Yayoi Kusama ist dort die Top-Position für die "Stars von Morgen". 

Es ist kein Witz, dass das Morgen heute so aussieht wie das Gestern. Carol kriegt ihren vollen Biomarkt und wir unsere alten, eurozentrischen Rankings zurück, um uns "glücklich" zu machen. Für mich, das sage ich als alte Westsocke und langjähriger Monopol-Spezi, sind diese "Back-to-the-Future-Preise" und "Ewig-grüßt-das-Murmeltier-Top-Positionen" genauso deprimierend und sinnlos wie eine leere Boeing, in der ich als einziger Passagier von Aliens durch die Welt geflogen werde. 

Begieße deine bittere Chrysantheme

Hey, da wäre es doch gut, wie Carol auszuflippen. Was aber viel bewegender ist: die Isolation und Einsamkeit, die diese Figur verkörpert. Carol hat schon vor der Alien-Invasion ihre wahren Gefühle, ihre Identität, ihre Kunst, ihre Wahrhaftigkeit geopfert, um im Mainstream Erfolg zu haben, um ihre "Bittere Chrysantheme" nicht wachsen lassen zu müssen. In der alten Welt war Differenz für sie ein Grund, sich weiter zu isolieren, zynisch zu werden, auf andere herabzublicken, zu saufen. In der neuen Pluribus-Welt sucht Carol verzweifelt nach der Reibung, um sich lebendig zu fühlen, Gemeinschaft zu finden. Jeder kennt diese Einsamkeit, die einen bei Kunstevents überfällt, auf denen immer über den gleichen, unverbindlichen Scheiß gesprochen wird, um nicht in ein Fettnäpfchen zu treten. 

Differenz ist lebensnotwendig, auch für die Demokratie. Wenn wir weiter so fahrlässig und zwanghaft nach Konsens suchen, als hätte das alles im Zusammenleben keine Konsequenzen, kommen uns unsere Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit abhanden – die Haltung, um die es angeblich geht. Und nicht nur das. Unsere Geschichten und unser Publikum werden immer gleichförmiger, gleichgültiger, ein Blob. Ohne bedeutsamen Austausch kann man den Laden so schnell wegrationalisieren wie Carols Sprouts-Filiale und etwas Anderes, Zentralisiertes installieren, das mehr Umsatz bringt, ideologisch genutzt werden kann, marketingtechnisch funktioniert. Oder durch einen Supermarkt nur für dich allein ersetzen. 

Wir sollten nicht warten, bis die Orte, die Öffentlichkeit und das Publikum verschwunden sind, bis nur noch die ewig gleichen untoten Kracher übrigbleiben. Wir sollten mit dieser Pluribus-Freundlichkeit aufhören, die keinen wirklichen Adressaten hat, alles aussperrt, das Teil des Problems ist. Wir sollten nach unserem wirklichen Gegenüber suchen, nach Leuten, die uns interessieren und die uns sehen - nicht nur Käufern, Mäzenen, Machern, Macht hinterherjagen. Vor allem sollten wir unsere "Bittere Chrysantheme" begießen und aufblühen lassen, bevor es zu spät ist.