Gerade hat die Online-Plattform und Fashion-Suchmaschine Lyst die Modefavoriten des zweiten Quartals 2025 gekürt. Auf Platz eins steht die "Dune"-Sandale von The Row - ein etwa 700 Dollar teurer Flip-Flop aus roter Sohle und schwarzen Riemen. Ein einstiges Billigprodukt zum Luxusobjekt zu erklären - faszinierend und absurd zugleich.
Die kaum den Fuß bedeckenden Schuhe legen zehn kleine Körperteile frei, denen diesen Sommer unsere ungeteilte Aufmerksamkeit gilt: die Zehen. Schon die Rückkehr der Peeptoes machte klar, dass den Fußspitzen ein neues Fenster zur Außenwelt geöffnet wird.
Mittlerweile werden sie sogar mit Diamant-Ringen geschmückt, wie man etwa bei der Blogger-Legende Leandra Medine Cohen beobachten kann. Oder sie werden in einen extra für sie angefertigten Schuh gesteckt, der noch vor nicht allzu langer Zeit den modischen Abgrund bedeutet hätte. Denn neben dem sichtbaren Fuß-Dekolleté gelten auch Zehenschuhe und all ihre aus Neopren, Mesh oder Plastikgittern geformten Verwandten gerade als trendy.
Ein phalangeales Vergnügen
Laut @style.analytics ist in den vergangenen Monaten das Interesse an funktionalen Schuhen deutlich gestiegen. Besonders auffällig ist der Zuwachs bei den "Vibram FiveFingers", deren Suchanfragen allein im letzten Quartal um 104 Prozent zugenommen haben. Der sockenartige, fünfgeteilte Outdoor-Treter als Mode-Highlight: Wer hätte das gedacht?
Die Journalistin Liana Satenstein beschreibt ihn aktuell als einen "Liebling der Fashion-Girls" und "eine Quelle anhaltenden phalangealen Vergnügens." Früher an Liegerad-Fahrern, unbekümmerten Naturfreunden und Gesundheitsfanatikern zu entdecken, erfreut sich das Accessoire momentan internationaler Beliebtheit. Es ist bei Modenschauen, in hippen Cafés und bei Festivals anwesend. Sieht man die Dinger überhaupt noch in ihrem originalen Anwendungsbereich: beim Klettern und Bouldern, Trailrunning oder CrossFit?
Auch auf Pinterest zeigt sich ein klarer Trend. Hier geht es in Richtung Wassersport - man denke Scuba, Schnorcheln, Schwimmen. Das Interesse an Wasserschuhen hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, mit einem besonders starken Ausschlag im Sommer 2025.
Hermès-Taschen und Wasserschuhe
Parallel dazu ist auch das Produktangebot des Salomon "Mary-Jeanne" deutlich gewachsen. Dabei handelt es sich um ein Modell, das stark an Schwimmschuhe erinnert, wie man sie auf Steinstrand und schlammigen See-Böden verwendet. Seit dem Frühjahr hat sich die Anzahl der verfügbaren Varianten hier mehr als verdoppelt, was auf eine strategische Sortiment-Erweiterung hindeutet.
Der spezifisch sportliche Schuh findet also an die Füße der modischen Masse. Das Supermodel Irina Shayk etwa wurde im April schon in den neonfarbenen Füßlingen gesichtet. Dazu kombinierte sie unbedarft eine Hermès-Handtasche.
Schon lange geistert ein Meme durch Instagram, in dem es darum geht, seinen Salomon-Wanderstiefeln, die seit Jahren als Sneaker-Ersatz durch New York City schlendern, die wilde Natur zu zeigen, für die sie einst geschaffen wurden. Doch die jetzt übergreifende Neigung feiert nicht einfach zweckentfremdete Turnschuhe. Sie ist extremer, nischiger, maximal funktional.
Den Waldboden spüren
"The Row ist ein Kult", sagt Mode-Influencer @ly.as in einem seiner Videos. Viele bald vergötterte Trends beginnen mit einem ästhetischen Vorboten der einflussreichen Marke der Olsen-Zwillinge. Ihr "Sock-Shoe" - eine halbtransparente, körpernahe Mesh-Silhouette - wurde in einer früheren Version schon 2019 das erste Mal über den Laufsteg geschickt.
In den vergangenen Sommern dann wurde der Netz-Ballerina von "Alaïa" groß. Danach kamen Retro-Badeschuhe aus verflochtenem Gummi von Ancient Greek Sandals - immer absurder und froschiger, bis hin zur heutigen Neopren-Version.
Wie vor etwa zwölf Jahren, als die klassische Birkenstock-Schlappe plötzlich einen Hype erfuhr, fragt man sich: Geht es hier um den reinen Look, oder spielt auch die körperfreundliche Komponente eine Rolle? Hat die Beliebtheit etwas mit dem ergonomischen Fußbett zu tun? Streifen wir spitz zulaufende Kitten-Heels ab, um unseren Füßen endlich etwas Gutes zu tun? Fühlen wir uns dem Outdoor-Sport verbunden und wollen unsere Zehen den weichen Waldboden spüren lassen, wie es für sie bestimmt ist?
Eine neue Bildsprache
Wie schon bei den breiten Birkenstocks lässt sich jedoch ablesen, dass es ganz einfach um zugespitzte Trend-Zyklen geht. In einer Zeit, in der Sonnenbaden, Rauchen und medizinisch eingeleitetes Abnehmen zum guten Ton gehören, kann die Fußgesundheit eigentlich keine allzu große Rolle spielen.
Pilates, Routinen, Selbstoptimierung? Ja, diese Ästhetik ist noch immer präsent. Jedoch passiert sie oft in einer digitalen Selfcare-Blase, die eher durch Matcha-Variationen und Gesichtsmasken als durch Fußwohlsein untermauert wird. Vielmehr haben wohl unterschiedliche Strömungen, die jahrelang brodelten, in der Form eines Schwimmschuhs zusammengefunden.
Von normcore - langweilige Basics - zur gorpcore aus praktischer Funktionskleidung: Vermeintlich banale Kleidungsstücke wurden im vergangenen Jahrzehnt zu einem bewussten Stilmittel. Hauspantoffeln, orthopädisch anmutende Schlappen oder Socken mit Sandalen wurden mit Designanspruch neu gelesen. Große Brands wie Celine unter Phoebe Philo, Lemaire oder natürlich The Row führten eine diverse Bildsprache ein, in der das Unspektakuläre ein raffiniertes Understatement wurde. Heute ist etwa der Plasticana-Garten-Clog ein heiß begehrter Schuh: ein durchlöcherter Füßling aus recycelbarem Kunststoff.
Bewusster Stilbruch
In diese Entwicklung hinein fiel auch die zunehmende Verschmelzung von Outdoor- und High-Fashion-Elementen. Ab den späten 2010er-Jahren tauchten vermehrt Marken wie Salomon, Hoka oder Suicoke in Modestrecken auf. Technische Materialien wie Neopren, Mesh oder sich biegende Sohlen wurden nicht mehr nur sportlich, sondern auch ästhetisch eingesetzt.
Das Leistungsversprechen dieser Schuhe - Trittsicherheit, Schutz, Leichtigkeit - wurde Teil des modischen Spiels. In diese Kategorie fällt ebenso der erwähnte Flip-Flop, der nicht mehr als touristischer Fauxpas gilt, sondern als eine bewusste, stilbrechende Entscheidung - beiläufig, leicht ironisch.
Der Zehenschuh und seine wasserfreundlichen Freunde springen auf diesen Zug auf, beschreiben das Spannungsverhältnis zwischen Banalität, Komfort und modischem Witz. Gerade in Kombination mit bürotauglichen Looks, zu Designer-Teilen oder aufreizender Abendgarderobe entfalten sie ihre ganze Magie. Der fußnahe, umhüllende Schuh repräsentiert außerdem die Gegenbewegung zu den klobigen Riesensneakern, die uns noch vor wenigen Jahren einmauerten.
Zurück aufs Liegerad
Wer schön sein will, muss leiden. Dieses Credo, das gut, aber unbequem gekleidete Menschen stets begleitet, regiert insgesamt noch immer die Mode.
Dass gerade Praktisches im Fokus steht, kommt uns ergonomisch allerdings kurzfristig zugute. Ebenso der Umstand, dass bestimmte Sneaker auch auf modischen Events so akzeptiert sind wie filigrane High Heels. Doch eines Tages, in nicht allzu weiter Ferne, wartet ganz sicher schon ein neuer, zu Knöchelbrüchen führender Trend auf uns. Spätestens dann wird der Zehenschuh zurück aufs Liegefahrrad geschickt.