Kunstmarkt

Was bedeutet das Brexit-Chaos für Galerien?

Eine Arbeit des Künstlerduos Elmgreen & Dragset, gezeigt von der Galerie Victoria Miro 2018 auf der Kunstmesse Frieze London
Foto Linda Nylind. Courtesy of Linda Nylind/Frieze

Eine Arbeit des Künstlerduos Elmgreen & Dragset, gezeigt von der Galerie Victoria Miro 2018 auf der Kunstmesse Frieze London

Der Brexit mit oder ohne Deal bringt Veränderungen auch für internationale Galerien mit Standort in London. Wie gehen sie damit um?

"Der Brexit ändert die Spielregeln. Nach Oktober wird meine Londoner Galerie eine britische Galerie sein, keine europäische." So erklärte der New Yorker Galerist David Zwirner diesen Sommer, dass er eine Galerie in Paris eröffnen werde, um weiterhin "in Europa" präsent zu sein. Die Galerie David Zwirner hatte neben den drei Adressen in New York und der in Hongkong noch eine Niederlassung in London. In Paris übernimmt Zwirner am 16. Oktober die Räumlichkeiten der Galerie VNH. Was bedeutet der Brexit für andere Galerien mit Londoner Niederlassungen?

Die Ökonomin Clare McAndrews hielt in einem Artikel für Artsy letztes Jahr fest, "warum der Brexit eine goldene Chance für den britischen Kunstmarkt ist". Der Kunsthandel sei finanziell immer da am erfolgreichsten, wo es am wenigsten Regulierungen gibt: starke Eigentumsrechte, niedrige Steuern. Wenn Großbritannien nicht mehr gezwungen ist, sich an EU-Richtlinien zu halten, könnten die Regularien überarbeitet oder ganz aufgehoben werden.

Herrscht hinter dem genervten Augenrollen über den Brexit insgeheim Goldgräberstimmung bei den Galeristen mit Standort UK? Macht der Brexit möglicherweise konkurrenzfähig gegen China mit drei Prozent Einfuhrumsatzsteuer und die USA (0 Prozent)? Derzeit beträgt die Einfuhrumsatzsteuer in Großbritannien fünf Prozent, das ist der niedrigste nach EU-Vorschriften zulässige Satz, schreibt McAndrews.

"Man hat schon gar keine Lust mehr, in London zu sein"

Auf diese Chancen am Kunstmarkt setzte auch Johann König, der seine Londoner Niederlassung nach dem Brexit-Referendum eröffnete. Dort zeigt und verkauft er hauptsächlich deutsche Kunst, nicht in erster Linie an das britische Publikum, sondern an global player. Jene Mitglieder der russischen, arabischen, chinesischen Bevölkerung, die London als komfortable Transitzone nutzen und in der Stadt eher Zwischenstopp machen als in Berlin, wo Königs Galerie den Hauptsitz hat.

"Auch wenn wir alle den Brexit für schlecht halten, bietet er trotzdem möglicherweise ökonomische Vorteile", sagt Johann König. "Allerdings ist dieser Limbo einfach kräftezehrend. Man hat schon gar keine Lust mehr, in London zu sein." Darum schließt König seine Londoner Galerie jetzt wieder. "Die technischen Probleme, mit denen jetzt gerechnet wird, sind wohl doch größer als gedacht. Als wir die Galerie aufgemacht haben, wären wir quasi knapp vor Brexit gewesen. Jetzt sind aber zwei Jahre vergangen, und irgendwie habe ich keine Lust mehr auf den Stress. Daher machen wir pünktlich zum Brexit zu." Demnächst wird die König Galerie eine neue Dependance außerhalb Deutschlands eröffnen, wo genau, will der Galerist noch nicht verraten.

Hoffnung auf eine Einigung

Auch Thaddaeus Ropac mit Galerien in Salzburg und Paris eröffnete seine Londoner Dependance im Frühjahr 2017, nach der Volksbefragung zum Austritt aus der EU. Welche offenen Fragen gibt es derzeit? "Ohne die neuen Regeln zu kennen, ist vieles momentan leider reine Spekulation", sagt Ropac. "Trotzdem versucht man, sich auf die Zukunft einzustellen und alle Möglichkeiten theoretisch durchzudenken. In der Situation sind nicht nur Galerien, sondern auch Auktionshäuser. Jeder versucht, so gut wie möglich vorbereitet zu sein. Ich versuche, es zumindest vom professionellen Standpunkt aus gelassen zu sehen. Meiner Meinung nach ist es machbar, auch wenn man zu Prozeduren zurückkehren muss, von denen man dachte, man hätte sie überwunden. Früher musste man mit diesen Grenzen auch umgehen."

Sollte der harte Brexit kommen, wird es keinen freien Verkehr von Waren mehr geben, und Kunstwerke gehören dazu. Thaddaeus Ropac hofft immer noch, dass  es doch noch zu einer Einigung kommt. "Dafür gibt es durchaus eine starke Lobby der Kunstszene. Man wird sich auf jede neue Situation einstellen. Wenn man an die Vision von Europa glaubt, ist es dennoch schwer, diese Entwicklungen mitanzusehen."