Wenn Sie gefragt werden, welche akademischen Disziplinen sich mit Gemälden auseinandersetzen, an welche denken Sie zuerst? Wahrscheinlich an Klassiker wie die Kulturwissenschaften oder die Kunstgeschichte. Vielleicht kommt einem auch die Anthropologie in den Sinn, wenn es darum geht, die Kunst der frühen Menschheitsgeschichte zu analysieren. Eine Fachrichtung, die man mit dieser Arbeit sicherlich nicht assoziiert, sind die Wirtschaftswissenschaften.
Und doch haben drei Ökonomen in einer neuen Studie genau das gemacht. Clément Gorin (Sorbonne Paris), Stephen Heblich (University of Toronto) und Yanos Zylberberg (University of Bristol) haben für ihr Paper "State of the Art: Economic Development Through the Lens of Paintings" über 630.000 Gemälde aus zwölf verschiedenen Ländern seit dem Jahr 1400 analysiert, um daraus Rückschlüsse auf den sozioökonomischen Zustand verschiedener Gesellschaften ziehen zu können. Ihr Ziel bestand darin, den künstlerischen Prozess umzudrehen und herauszufinden, durch welche historischen Entwicklungen Künstlerinnen und Künstler bei der Schaffung ihrer Werke beeinflusst wurden.
Jedes Gemälde ein eigener Datenpunkt
Das Trio hat einen innovativen Ansatz verfolgt, um mithilfe eines Machine-Learning-Algorithmus die Emotionen, die in den Gemälden dargestellt sind, zu kategorisieren. Sie ordnen den Bildern neun verschiedene Gefühlslagen zu, die von Zufriedenheit und Belustigung über Angst und Wut bis hin zu Ekel reichen.
Um diese Zuordnung vorzunehmen, nutzten die Forscher verschiedene Datenbanken, in denen unabhängige Kommentatoren den einzelnen Gemälden dominante Emotionen zuschrieben. Diese unterschiedlichen Perspektiven wurden zu einem Emotionswert zusammengefasst, der die Wahrnehmung eines durchschnittlichen Betrachters simuliert. Dadurch wird jedes Gemälde zu einem eigenen Datenpunkt, der für ein Analyse genutzt werden kann.
Um sicherzugehen, dass die Veränderung der dominanten Emotionen in den Gemälden wirklich auf äußere Umstände zurückzuführen ist, hat das Trio zwei entscheidende Dinge beachtet. Einmal wurde die Biografie der Künstlerinnen und Künstler berücksichtigt, um auszuschließen, dass ein Gefühlswandel durch persönliche Schicksalsschläge ausgelöst wurde. Zum anderen wurde die konkrete künstlerische Stilrichtung kontrolliert, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass einige Stile potenziell als friedfertiger oder furchterregend wahrgenommen werden als andere.
Geschichten über die Vergangenheit
Diesen Datensatz nutzt das Trio, um die Veränderungen der gesellschaftlichen Stimmung während der letzten 600 Jahre zu beschreiben. Teilweise spiegeln die Kunstwerke erwartbare Ereignisse wider, etwa Kriege oder Zeiten extremer Wetterphänomene. Die Forscher fanden aber auch geschichtliche Momente, die auf den ersten Blick kaum kunstrelevant erscheinen, wie die Ausweitung von Handelsbeziehungen oder die Entwicklung technischer Innovationen. Kurz gesagt: Dem Trio gelang es, durch Gemälde die Geschichte vergangener Gesellschaften zu erzählen.
Das ermöglicht nicht nur neue Einblicke in die ökonomische Entwicklung vor dem 19. Jahrhundert, als es kaum statistische Daten gab, sondern kann auch neue Informationen darüber geben, welche konkreten Krisen und Ereignisse tatsächlich für die Transformation gesellschaftlicher Strukturen verantwortlich sind. Gorin, Heblich und Zylberberg machen die Geschichten über die Vergangenheit messbar, die in Gemälden stecken.
So innovativ und spektakulär diese Arbeit ist – die Verbindung zwischen den Wirtschaftswissenschaften und der Kunst ist keine neue. Ökonominnen und Ökonomen beschäftigen sich seit Jahrzehnten auch mit der Kunstwelt. Lange stand dabei die Frage im Mittelpunkt, wie sich der Kunstsektor finanzieren lässt. Pioniere in diesem Bereich waren William J. Baumol und William G. Bowen mit ihrem Aufsatz "On The Performing Arts: The Anatomy on Their Economic Problems" (1965). Darin beschreiben die beiden Ökonomen, wieso sich bestimmte Kunstformen (in ihrem Beispiel das Theater, es lässt sich aber auch auf klassische Musik oder die bildenden Künste übertragen) nur schwer am freien Markt behaupten können.
Weil die Produktivität in einer Gesellschaft durch technologische Innovationen über die Zeit immer mehr zunimmt, steigt auch der Lebensstandard. Künstlerinnen und Künstler stehen aber vor dem Problem, dass sie in ihrer Arbeit mit diesem Produktivitätswachstum kaum mithalten können. Man kann ein Streichquartett nun einmal nicht plötzlich zu dritt aufführen, die Zeit halbieren, die ein Shakespeare-Stück dauert, oder einer Malerin sagen, dass sie ihr Gemälde in der Hälfte der Zeit herstellen soll.
Die Geburt der Kulturökonomik
Setzt man voraus, dass Künstlerinnen und Künstler für ihre Arbeit heute – relativ zur restlichen Gesellschaft – den gleichen Lohn erhalten sollten wie früher, führt das dazu, dass ihre Arbeit im Verhältnis zu anderen Produkten immer teurer wird. Dieses Problem, das in den Wirtschaften heute als "Kostenkrankheit" bekannt ist, ist eines der stärksten Argumente, wieso bestimmte Kunstformen auf staatliche Finanzierungshilfen angewiesen sind.
Damit haben Baumol und Bowen ein neues Feld in den Wirtschaftswissenschaften begründet: Die Economics of the Arts (heute oft Cultural Economics oder Kulturökonomik). Dieses Feld zeigt, wo die Wirtschaftswissenschaften dazu beitragen können, die strukturellen Probleme der Kulturförderungen zu identifizieren. In den vergangenen Jahrzehnten ist dieser Forschungszweig immer vielfältiger geworden.
Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Arbeit von Ökonominnen und Ökonomen zu Museen. So lässt sich theoretisch zeigen, dass die besonderen Kostenstrukturen von Museen sie als private Firmen ineffizient macht. Private Unternehmen würden die positiven Effekte der Erhaltung von Kunst für kommende Generationen oder den Bildungseffekt, den Kunst haben kann, nicht genügend wertschätzen, weil sich daraus kein unmittelbarer Profit schlagen lässt.
Eine reine private Museumslandschaft würde dazu führen, dass viele der kulturellen Schätze, deren genauen Wert sich für eine Gesellschaft vielleicht erst in vielen Jahrzehnten zeigt, verloren gingen. Der Staat hingegen kann es sich erlauben, andere Argumente als eine bloße Profitmaximierung zu berücksichtigen.
Am Ende der Zahlen
Ökonominnen und Ökonomen sind extrem gut darin, Daten zu analysieren, sie ins Verhältnis zueinander zu setzen und daraus gesellschaftliche Strukturen abzuleiten. Allerdings kommt die moderne Wirtschaftswissenschaft immer dort an ihre Grenzen, wo es keine leicht zu quantifizierenden Größen mehr gibt.
Ein prominentes Beispiel dafür ist das Buch "Old Master and Young Geniuses" (2007) des US-amerikanischen Ökonomen David Galenson. Darin analysiert er die Schaffensphasen von berühmten Malern über ihren Lebensweg hinweg (weitet seine Methode später aber auch auf Schriftstellerinnen und Schriftsteller oder Regisseure aus) und teilt sie in zwei unterschiedliche Kategorien ein: Experimental Innovator (die "alten Meister") und Conceptual Innovators (die "jungen Genies").
Um diese Unterscheidung vorzunehmen, betrachtet Galenson, wann im Leben die Künstler ihre bedeutendsten Werke geschaffen habe. Geschieht das in jungem Alter, fallen sie für Galenson in die Kategorie "junge Genies", weil sie mit einer innovativen Idee ihren Durchbruch hatten (Picasso, Vermeer, van Gogh). Künstler, die ihre besten Werke spät im Leben anfertigten, sind hingegen "alte Meister", die durch trial and error zu ihrem Stil gelangt sind (Rembrandt, Cézanne und Pollock).
Der Komplexität nicht gerecht
Hier zeigt sich eine der großen Schwächen von Ökonominnen und Ökonomen, wenn sie sich in Feldern bewegen, in denen sie selbst keine Expertise haben. Zahlreiche Forschende aus anderen Disziplinen haben darauf hingewiesen, dass eine solch strenge Entweder/Oder-Struktur der Komplexität des künstlerischen Prozesses nicht gerecht wird.
Der Kultursoziologe Fabien Accominotti konnte zeigen, dass die künstlerischen Bewegungen zu bestimmten Zeiten viel entscheidender dafür sind, wann Künstlerinnen und Künstler den Höhepunkt ihres Schaffens erreichen. Sich nur auf das Individuum zu konzentrieren, und den zeitlichen Kontext zu ignorieren, ist als Analyseansatz schlicht unzureichend. Galensons Holzhammermethode vereinfacht die Realität bis zur Unkenntlichkeit.
Sind sich Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftswissenschaftler aber den Grenzen ihrer eigenen Kompetenz bewusst, können sie wertvolle Beiträge zu unserem Verständnis von Kunst leisten. Gerade mit Hinblick auf die Möglichkeiten der empirischen Wirtschaftsforschung, die es gewohnt ist, mit großen Datenmengen umzugehen, lassen sich Trends über einen langen Zeitraum identifizieren. Gorin, Heblich und Zylberberg sind ein gutes Beispiel dafür, wie gewinnbringend der Einsatz von ökonomischen Methoden bei der Analyse von Kunst sein kann. Und wie am Ende diese beiden Welten von einander profitieren können.