Documenta-Kuratorin im Palais de Tokyo

Was lässt sich aus Naomi Beckwiths Ausstellung in Paris mitnehmen?

Gerade ist im Palais de Tokyo in Paris die Gruppenschau "Echo Delay Reverb" von Naomi Beckwith zu sehen. Die Kuratorin will sie nicht als "Mini-Documenta" verstanden wissen, ein paar Signale nach Kassel sendet sie aber doch

Man weiß nicht so recht, was da eigentlich sprießt. Auf mehreren Tischen im Untergeschoss des Palais de Tokyo in Paris sind Hunderte von runden Objekten aufgereiht, die wie kleine Bojen oder Billardkugeln zweifarbig bemalt sind. Die meisten davon leuchten in Rot und Weiß, dazwischen etwas Hellblau und Grau. Und dann sind da diese grünen, organischen Triebe, die vertikal und stolz aus den geometrischen Formen brechen. 

Bei den feinsäuberlich arrangierten Exponaten handelt es sich um bemalte Zwiebeln, die sich nun keimend gegen ihre Ordnung zu wehren scheinen. Je länger die Ausstellung dauert, desto mehr übernimmt die Natur. Die zuerst abstrakt anmutenden Knollen verfaulen, während sich die neuen Pflänzchen ans Licht kämpfen. In der Luft liegt ein leichter Zwiebelgeruch, den man zuerst dem Museumscafé zugeschrieben hatte. Ist das jetzt der Verfall des Minimalismus zugunsten einer organischen Kunst? Ein System, das innerlich verrottet, bis aus den stinkenden Resten etwas Neues wachsen kann? Eine gemüsige Metapher für Revolution? Die Vanitas-Erkenntnis, dass wir alle vergehen, egal, wie gründlich wir unsere Fassaden bepinseln?

Pope.L "Polis or the Garden or Human Nature in Action", 1998/2015, Installationsansicht Palais de Tokyo, Paris, 2026
Foto: Aurélien Mole

Pope.L "Polis or the Garden or Human Nature in Action", 1998/2015, Installationsansicht Palais de Tokyo, Paris, 2026


Das Werk "Polis or The Garden or Human Nature in Action" des 2023 verstorbenen US-Künstlers und Documenta-14-Teilnehmers Pope.L gibt keine eindeutige Antwort auf diese Fragen. Dass man aber gleich die ganz großen philosophischen Problemstellungen vermutet, liegt nicht nur am klangvollen Titel, sondern auch am Rahmen, in dem die Installation ausgestellt ist. 

Sie ist ein zentrales Element der Ausstellung "Echo Delay Reverb. Art Américain, Pensées Francophones", die gerade das ganze Palais de Tokyo füllt. Kuratiert hat sie Naomi Beckwith, die stellvertretende Direktorin des New Yorker Guggenheim Museums und künstlerische Leiterin der Documenta 16 im kommenden Jahr in Kassel. Von der Pariser Institution hat sie eine carte blanche bekommen, die sie dazu nutzt, die Einflüsse französischer Denker auf die US-amerikanische Kunst von den 1960er-Jahren bis heute nachzuzeichnen. Fast 60 Künstlerinnen und Künstler hat sie dafür zusammengebracht, dazu eine Retrospektive des afroamerikanischen Bildhauers Melvin Edwards, die in Kooperation mit dem Fridericianum in Kassel entstanden ist. 

Der schiere Umfang der Schau sowie der opulente theoretische Überbau legen die Assoziation einer "Mini-Documenta" oder eines "Warm-ups" für die Weltkunstschau nahe – wogegen sich Beckwith jedoch verwahrt hat. Trotzdem lohnt sich ein Blick darauf, wie sie ihre bereits geäußerten Ideen über das Kuratieren in Werke übersetzt und in den Raum bringt. 

French theory als Sammelbecken

Ausgangspunkt ihres Pariser Parcours ist die Tatsache, dass die Schriften französischsprachiger Philosophinnen und Philosophen wie Michel Foucault, Simone de Beauvoir, Suzanne und Aimé Césaire, Roland Barthes oder Frantz Fanon auch den Diskurs in den USA maßgeblich geprägt haben. Zum Teil wurden die Werke sogar leidenschaftlicher rezipiert als in ihren Entstehungsländern; und kamen dann modifiziert, "amerikanisiert" und teilweise auch produktiv missverstanden wieder nach Europa zurück. French theory ist bis heute als Sammelbegriff geläufig und meint eine tendenziell linke, herrschaftskritische, antikoloniale und feministische Denkschule (wobei der Kern der französischen Nachkriegsphilosophen doch ein ganz schöner boys club war). 

Das ist ziemlich viel Kontext, den Naomi Beckwith ihrer Ausstellung da auflädt. Die schreiend rot gestrichenen Wände, an denen sich Publikationen, historische Zusammenhänge, Chronologien und Bildschirme mit Interviewausschnitten drängen, tragen auch nicht gerade zum Abbau von musealer Schwellenangst bei. Das Gefühl, dass man eigentlich Tage in jedem Raum verbringen müsste, kennt man von der Documenta nur allzu gut.

Aber selbst, wenn man nicht mehr genau weiß, was Foucaults Diskurstheorie nochmal genau besagt (wer reden darf und gehört wird, ist eine Frage von Macht), oder was Édouard Glissant mit "Créolisation" meinte (alle Kulturen sind letztlich Produkt von Migration und Austausch), lässt sich ein Eindruck davon gewinnen, worum es der Ausstellung geht. Sie ist ein Rückgriff auf eine Form des Denkens, die öffentlich war, kontrovers, vielleicht auch gefährlich und ein bisschen sexy – wie man den zahlreichen Auftritten rauchender und lautstark streitender Talkshowgäste entnehmen kann. 

Die Gedanken, um die es geht, waren im Grunde Reaktionen auf Unterdrückungsverhältnisse in den Nachkriegsgesellschaften. Sie fanden ihren Nachhall in politischer Aktion wie der Studentenrevolte der '68er, den Unabhängigkeitskämpfen der ehemaligen Kolonien und den Feminismus-Wellen auf beiden Seiten des Atlantiks. Sie sollten das konservative "Establishment" schockieren und taten das auch, wie zahlreiche Beschimpfungen zeigen, denen sich insbesondere die weiblichen und nicht-weißen Autoren ausgesetzt sahen. Die USA nehmen in den frankophonen Schriften als Bezugspunkt eine ambivalente Rolle ein. Einerseits sind die Vereinigten Staaten ein Sehnsuchtsort der kulturellen Avantgarde, andererseits ein imperialistisches und kapitalistisches Feindbild.

Wenn von Menschen als "Aliens" die Rede ist

Naomi Beckwith sieht die Kunst offenbar als Komplizin der Intellektuellen und als Spielfeld für emanzipatorische Bestrebungen. Der Grad der Verbindung zwischen Text und Bild ist dabei ziemlich variabel. Das Werk von Pope.L – der mit den bunten Zwiebeln – kann man zum Beispiel ziemlich direkt als performative Entsprechung der Abjekttheorie von Julia Kristeva verstehen. Diese besagt, dass Menschen alles, was sie als ekelhaft, bedrohlich oder abscheulich empfinden, von sich selbst abspalten und bekämpfen. Gesellschaftlich gesehen trifft dieser Mechanismus auch marginalisierte Gruppen, die als "Abschaum" gebrandmarkt und verfolgt werden. 

Pope.L übertrug diesen Mechanismus auf den Schwarzen Körper und konfrontierte das Publikum mit seinem eigenen Leib in all seiner Erbärmlichkeit und Menschlichkeit. Er aß und verdaute das "Wall Street Journal" auf dem Klo und kroch auf dem Bauch den gesamten New Yorker Broadway entlang. Es ist beim Anschauen der Videos fast unvermeidlich, daran zu denken, dass Donald Trump Einwanderer schon mehrfach als "Tiere" oder "Aliens" bezeichnet hat. Auch Achille Mbembes Konzept der "Nekropolitik" – der staatlichen Macht, über Leben und Tod zu entscheiden – klingt beunruhigend aktuell, wenn man auf die tödlichen Schüsse der ICE-Einsatzkräfte in den USA oder die ertrunkenen Migranten im Mittelmeer schaut. 

Viele Werke lassen sich also durchaus als aktuelle politische Kommentare verstehen. Andere setzen sich eher mit den formalen Aspekten von Zeichentheorie und der Aufladung von Sprache auseinander. Ein Klassiker ist hier Martha Roslers Kurzfilm "Semiotics of the Kitchen" von 1975, in dem die Künstlerin im Hausfrauenlook mit stoischer Miene verschiedene Kochutensilien vorführt und benennt – und ganz beiläufig nicht nur unser Bedürfnis offenlegt, allem um uns herum einen Namen zu geben, sondern gleichzeitig den Platz der Frau in der Küche parodiert. Gleich daneben findet sich in Paris eine ziemlich bezaubernde Hommage an Rosler. Gut 25 Jahre später hat K8 Hardy das Video "Semiotics Of The Bitchin'" aufgenommen. In diesem kopiert sie den formalen Aufbau ihres Vorbilds und präsentiert im Rosler-Stil Objekte der queeren Kultur um die Jahrtausendwende.

Große und nicht so große Namen nebeneinander

Es ist also nicht alles bitterernst in Naomi Beckwiths Denkeruniversum. Und auch wenn einem bei all den Referenzen schnell der Kopf raucht, ist "Echo Delay Reverb" durchaus eine sinnliche Schau, die auch visuell funktioniert. Im Gedächtnis bleiben zum Beispiel Fred Wilsons wandfüllende schwarze Tränen aus Muranoglas oder das filigrane, leuchtende Papierstädtchen von Cici Wu. Die Kuratorin mischt ohne erkennbare Hierarchie Legenden der US-Avantgarde (Joan Jonas, Andrea Fraser, Kiki Smith, Mike Kelley, Cindy Sherman oder Félix González-Torres) mit weniger bekannten oder vergessenen Namen (eine echte Entdeckung sind die fragmentarischen, Zen-artigen Videos und Zeichnungen der jung verstorbenen Künstlerin und Autorin Theresa Hak Kyung Cha). Man kann sich die Frage stellen, ob die Werke dieser Schau nicht auch ohne den ganzen theoretischen Ballast in ihrem eigenen Recht funktioniert hätten. Denn eine Superkraft von Kunst ist ja, dass sie eben kein Text ist und auch nicht wie ein Buch gelesen werden kann.

Zu Naomi Beckwiths Verständnis von US-Kunst gehören ganz selbstverständlich Schwarze, indigene und Diaspora-Positionen. Dieser Fokus dürfte für die Documenta noch relevant werden. Denn als US-Kuratorin erbt sie auch die historische Nähe der Kasseler Weltkunstschau zu Nordamerika – beziehungsweise einer ziemlich weißen, männlichen Version der Weltmacht. Dieser "Tradition" dürfte ihre Ausgabe ziemlich wahrscheinlich entgegenwirken. Viele der Pariser Künstler waren schonmal auf einer Documenta zu sehen, was aber kein Ausschlusskriterium sein muss. Beckwith hat mehrfach geäußert, dass sie keine Hemmungen davor hat, vermeintlich "zu Bekanntes" mit einem neuen Blick zu zeigen.

Interessant ist, dass ihr Verständnis von Kunst als Raum des Denkens ziemlich gut zu den theoriegeladenen Documenta-Ausgaben seit Catherine Davids DX im Jahr 1997 passt. Die Werke, die sie zeigt, sind politisch, aber sie bleiben im institutionell legitimierten Rahmen. Selbst wenn es in einem Kapitel in Paris um "Institutional critique" geht, findet dieser Angriff auf das Museum im gut beherrschbaren Setting statt. Eine fundamentale Auflehnung gegen das Format Großausstellung ist von Beckwith und ihrem Team also eher nicht zu erwarten – was nach dem riesigen Ruangrupa-Experiment der Documenta Fifteen und dem Kasseler Antisemitismus-Skandal bei vielen für Aufatmen sorgen dürfte. 

Schon wieder Skandale in Paris?

Kleinere Eklats gab es jedoch auch in Paris. So hat der "Spiegel" mehrere Bezüge zu Israel und Palästina gefunden, die in Deutschland problematisch gefunden werden könnten. Tatsächlich geht die Ausstellung dem wohl heikelsten Thema der Kunstwelt nicht aus dem Weg und zeigt, dass die intellektuellen Kämpfe um die Deutungshoheit über den Nahostkonflikt schon in den 70er-Jahren erbittert geführt wurden. Es kann dem Diskurs eigentlich nur guttun, sich an diese historische Dimension und ihr Echo zu erinnern. Vor allem, wenn heute sowohl proisraelische als auch propalästinensische Stimmen behaupten, ihre Positionen seien alternativlos und nichts als eine Reaktion auf das Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 und den darauf folgenden Krieg in Gaza. 

Streit gab es außerdem um eine Arbeit des Künstlers Cameron Rowland, der vor dem Palais de Tokyo die französische Flagge durch die des Übersee-Departements Martinique ersetzt hatte. Das Werk wurde jedoch entfernt, weil das Museum Bedenken geäußert hatte, die Intervention könne gegen das französische Gesetz zum Zeigen von Flaggen im öffentlichen Raum verstoßen. Manche sahen dies als Einknicken der Kuratorin vor Zensur, doch man kann nun wirklich nicht behaupten, dass das Thema Kolonialismus (auch der französische) in der Pariser Schau zu kurz käme. 

Auch Cameron Rowlands Werk bleibt präsent. Auf einer Tafel an der Wand steht, was der Künstler vorhatte und warum die Flagge Martiniques jetzt doch nicht weht. In einer so konzeptuell angelegten Ausstellung ist das eine ziemlich wirkungsvolle Aufforderung, über die künstlerische Dimension politischer Gesten – und deren Grenzen – nachzudenken. Rowlands Flagge ist in der Welt, auch wenn sie nicht zu sehen ist.

Wird Kunst wieder ein Raum für elitäres Denken?

Insgesamt lässt sich aus Paris der Eindruck mitnehmen, dass Naomi Beckwith die Kunst als Ort der vertieften Reflexion am Herzen liegt. In Zeiten der strategischen Abschaffung des deep thinking durch Populismus und Social-Media-Empörungskultur ist das erstmal eine gute Nachricht. Aber diese Art des Kuratierens birgt auch das Risiko, an Zugänglichkeit zu verlieren, denn sie knüpft an die Wahrnehmung von Museen als elitäre Orte für Eingeweihte an. Die Philosophen-Rebellen von damals werden heute längst zum Establishment gezählt, gegen das vor allem von rechts so gern mobilisiert wird. Naomi Beckwith baut souverän Brücken zwischen Orten und Zeiten, doch es kostet das Publikum einiges an geistiger Mühe, ihr auf diesen Routen zu folgen. 

Am stärksten klingen die Arbeiten nach, die ihren rationalen Überbau durch Unmittelbarkeit erschüttern. So wie Pope.Ls Zwiebeltriebe, die auch ohne jegliche Theorie einfach weiterwachsen. Sie stören das System, weil sie es müssen. Und das versteht man auch, ohne jemals ein Buch von Foucault aufgeschlagen zu haben.

Naomi Beckwith
Foto: David Heald, © Solomon R. Guggenheim Foundation, New York

Naomi Beckwith