Japanischer Pavillon in den Giardini
200 Babypuppen liegen am Eingang des japanischen Pavillons aus. Die Besucher sind aufgefordert, sich eine zu nehmen – die Puppen sind täuschend echt schwer – und in einen Wickelraum im Obergeschoss des Pavillons zu tragen. Beim Windelwechseln kommt man ins Gespräch mit anderen Besuchern, tauscht sich aus mit Eltern und mit Leuten, die keine Kinder haben, freut sich, wie die Handgriffe noch immer sitzen. In der Windel der Puppe entdeckt man statt Pipikaka dann einen Barcode, der zu einem Gedicht führt. Der Künstler Ei Arakawa-Nash und sein Partner sind im Dezember Eltern geworden. Ausgehend von diesem "persönlichen Meilenstein" (so der Kuratorentext) verhandelt seine Installation Themen wie Fürsorge und den globalen Geburtenrückgang. Die Frage, ob man in diese krisengeschüttelte Welt wirklich noch Kinder setzen sollte, in welcher Zukunft sie aufwachsen, was man ihnen mitgeben will. Ich bin zutiefst gerührt – bis ich auf eine Kritikerkollegin treffe: "Wenn Frauen Kinder kriegen, managen sie ihr Leben cool weiter", sagt sie nüchtern. "Wenn Männer Vater werden, muss daraus gleich ein Kunstwerk entstehen." Leider hat sie Recht. sf
Anstehen
Zu große Erwartungen, vor allem von der Hauptausstellung. "In Minor Keys" war underwhelming, da kleinteilig und ein bisschen kakophonisch. Es waren natürlich tolle Entdeckungen zu machen, etwa Werke der Afroamerikanerin Beverly Buchanan. Immerhin musste man am Zentralpavillon in den Preview-Tagen nicht Schlangestehen. Im Gegensatz einigen Länderpavillons in den Giardini. Man reiht sich also vor dem deutschen Pavillon ein, wartet eine Stunde, bleibt 90 Minuten drin, weil man die nächste "Trümmerfrau"-Performance, noch erdacht von Henrike Naumann, nicht verpassen will. Und: du verpasst dann was anderes – Florentina Holzinger im österreichischen Pavillon. Da ist die Schlange noch länger. Mein Problem. jh
Schlange vor dem österreichischem Pavillon
Selbstdarsteller, Kleinkünstler, Tiefsinn-Hochstapler
Auf der schönen Viale Giuseppe Garibaldi und am Wasser neben den Luxusyachten liefern sich in der Eröffnungswoche der Kunstschau hartgesottene Performance-Künstler, Kunst-Hinterfrager und Tiefsinn-Hochstapler einen regelrechten Wettstreit um die Aufmerksamkeit des von oft weither angereisten Fachpublikums: Jemand hat sich eine Klobrille über den Kopf gestülpt, auf der irgendwas mit "Art is Shit" steht, ein alter Mann posiert auf einem Podest vor den Giardini und sucht mit einem Schild nach Liebe, und etliche Personen, die Botschaften auf Kleidung tragen. Aber bitte, Kleinkunstkünstler, die ihr vor den Biennale-Austragungsorten eure melodramatischen Kleinkunst-Performances aufführt, um in den vorbeistolpernden Kunstbetriebsarbeitern ein unfreiwillig ausgeliefertes Publikum zu finden, ernsthaft, es ist so lästig, was ihr da tut, und man kriegt gleich noch mehr Lust auf eine elitäre, aber eben kuratierte Veranstaltung wie die Biennale! Kleinkünstler, werdet frei und verachtet die etablierte angebliche Großkunst, statt euch an ihr abzuarbeiten! Verachtet Kunstbetriebsnudeln wie uns, statt für uns zu performen! dv
Keine Botschaft ist so banal, dass sie nicht mitgeteilt werden müsste: Lebendes Billboard in Arsenale-Nähe
I feel you!
US-amerikanische Privatsammler und "Donors" von Museen sind generell schwer ertäglich auf der Venedig-Biennale (zu laut, zu selbstbewusst Raum einnehmend, prinzipiell in Gruppenstärke unterwegs, zu irritierend der Kontrast zwischen elitärem Selbstverständnis und prolligem Auftreten), aber da ihr Geld vermutlich die Hälfte aller Pavillons und Collateral Events ermöglicht, leider unvermeidlich. In diesem Jahr scheinen sich die Super-Connoisseurs auf eine Formel geeinigt zu haben, um ihre tief empfundene Verbundenheit mit der verstorbenen Biennale-Kuratorin Koyo Kouoh auszudrücken, während sie durch die Hauptausstellung trampeln: "You know, it really feels like Koyo is up there watching us from above, you know. Like she is here with us, you know." Gott ja, was würde sie denken?! sf
Diebische Möwen
Auf den Plätzen Venedigs stehen Warnschilder: "Achtung Möwen!" Doch ernst nimmt man sie meist erst nach der ersten Attacke. Glücklich beißt man in das Pizzastück, das man nach einem langen Tag ergattert hat – da spürt man plötzlich einen Windzug und dann einen Schnabel am Finger. Zack, ist die halbe Pizza weg. So lernt man auf die harte Tour: Vor allem auf offenen Plätzen ist man den Viechern mit Essen in der Hand hilflos ausgeliefert. Essen also besser im Schatten der engen Gassen! Versöhnt wird man dann allerdings wieder auf dem Biennale-Gelände: Direkt vor dem rumänischen Pavillon nistet eine Möwe auf dem Boden. Rund um ihr Nest haben freundliche Menschen eine kleine Holzabsperrung gebaut. Um sie herum tobt der Wahnsinn, sie sitzt einfach da, brütet und denkt sich vermutlich ihren Teil. Biennale-Debüt 2026: der Pavillon der Möwen. eb
Möwe auf Pizza-Raubzug
Marina Abramović hat auf ihrem langen legendären Fußweg auf der Chinesischen Mauer (1988) immer wieder Steine aufgelesen. Darum ist sie eine Expertin für deren Heilkraft. In der Gallerie dell’Accademia teilt sie dieses Wissen mit dem Publikum, das Schallschutzkopfhörer tragen muss, damit es sich besser auf die Schwingungen konzentrieren kann. Wie in einem Metall-Detektor-Tor am Flughafen darf man sich von der Stein-Energie vollstrahlen lassen. Oder die Stirn auf eine Rosenquarz-Platte legen. Oder sich auf eine Holzbank betten, wenn auch mit einem Kristall über dem Kopf. Noch besser: verkehrt herum hinlegen, um die Füße mit Heilenergie aufzuladen. Wie auch immer, ist das alte Geheimwissen "Füße hoch" ein garantierter Energie-Booster. sh
Marina Abramović, Ausstellungsansicht "Transforming Energy", 2024 (Detail)