Hito Steyerl hat wohl, wie so oft, aufgeschrieben, was eine vielfach geteilte Meinung ist. Sie streift das Thema NFTs in ihrem neuen Buch "Medium Hot. Bilder in Zeiten der Hitze" (2025) zwar nur beiläufig, macht dafür aber umso deutlicher, wie wenig sie davon hält. Sie schreibt vom Bohei um einen aus dem Boden gestampften NFT-Kunstmarkt, von verschwurbelten Rechtfertigungen, warum es ihn überhaupt geben sollte, und von der geplatzten NFT-Blase. Krypto-Kunst sei ohnehin nur ein Vorwand gewesen, um Menschen in die Welt der Kryptowährungen, Wallets und Coins einzuführen.
Da ist es auch kaum verwunderlich, dass man nach den drei Buchstaben N, F und T bei der Art Basel / Miami Beach dieses Jahr lange suchen muss. Dabei hat die Schweizer Kunstmesse in ihrer aktuell laufenden US-Ausgabe den Sektor "Zero 10" eingeführt, ein kuratierter Raum, der der Kunst des digitalen Zeitalters gewidmet ist. Überhaupt ist viel von "digital" die Rede: von digitalen Landschaften, digitaler Kultur, digitaler Kunst, digitalen Dialogen und digitaler Kreativität. Plötzlich wird alle Mühe darauf verwendet, NFTs als das zu rebranden, was sie eigentlich schon immer waren: digitale Kunst. Mit "Zero 10" scheint sich die Art Basel dieses Phänomen nun einverleibt zu haben. Zum Erstaunen vieler, nachdem NFTs jahrelang doch überall totgesagt worden sind.
Ob die Präsentationen helfen, die in den sozialen Medien in diesen Tagen viral gehen? Einiges wirkt wie ein Jungenstreich. Beeple hat unter dem Titel "Regular Animals" vierbeinige Roboterhunde in einen Streichelzoo gesperrt. Sie tragen Silikonmasken von Tech-Milliardären (Bezos, Musk, Zuckerberg) und Kunstmarktgiganten (Beeple, Picasso, Warhol), laufen umher, machen Fotos, die sie im "Poop Mode" ausscheiden. Machtmänner werden zu Zootieren, die man sanft streicheln kann, Beeple eingeschlossen.
Die Installation "Coin Laundry" von XCopy ist ein Waschsalon, in dem man Seife und eine claim card zu einem NFT mit Seifenblasen erhält, die nach und nach platzen.
Beim "Self Checkout" von Jack Butcher ist das Kunstwerk die Quittung, die man nach dem Bezahlen erhält. Die Länge des "Kassenzettels" hängt von der Höhe der bezahlten Summe ab. Der Künstler möchte sehen, ob er so die Kosten für den Messestand und die Produktion decken kann, oder ob er auf einem Teil der Ausgaben sitzen bleibt. Gesammelt werden müssen knapp 75.000 Dollar, wie die Tafel zu Beginn gezeigt hat. Mit jeder Transaktion ändert sich auch die Anzeige.
Die Werke sind, wenn man es gut meint, entwaffnend. Wenn man kritisch sein möchte: Warum diese Verteidigungshaltung? Natürlich wissen Messe und Aussteller um die Vorurteile gegenüber NFTs: Geldwäsche, Spekulation, Techgimmick, die Blase ist geplatzt, Ende, aus. Doch der neue Sektor auf der wichtigsten Kunstmesse der Welt weist in eine andere Richtung.
2025 war ein schwieriges Jahr für den Kunstmarkt. Überall schlechte Zahlen, und dann wollten die Meldungen über Galerieschließungen kein Ende nehmen. Mitte Oktober gab Galeristin Claudia Altman-Siegel "Artnet News" ein Interview, in dem sie erklärte, dass schon eine einzige erfolglose Messe reiche, um nicht mehr aus der Schuldenspirale herauszukommen. Sie nannte die Art Basel / Miami Beach im Jahr 2023 den Beginn des Endes für ihre Galerie. Einige Aussteller, die also in Miami hätten dabei sein sollen, haben in der Zwischenzeit geschlossen, andere nehmen dieses Jahr gar nicht erst wieder teil, wie die in Deutschland ansässige Galerie Nagel Draxler.
Verdrängung der Vorgeschichte
Und hier nun wird es interessant. Im Jahr 2021 hat die Galerie Nagel Draxler mehrmals Schlagzeilen gemacht, weil der Kunstkritiker, Kurator und Künstler Kenny Schachter den Stand der Galerie auf der Art Basel / Miami Beach kuratiert hat und dort NFTs (Kevin Abosch, Sarah Friend, Rhea Myers) ausstellte. Die deutschen Galeristen waren mit NFTs auf der Messe aber nicht allein: Pace war mit Drift vertreten, der damalige Sponsor Tezos zeigte eine interaktive Installation des deutschen Künstlers Mario Klingemann, auf der Untitled war die New Yorker Galerie Bitforms mit einigen ihrer Künstler und Künstlerinnen wie Refik Anadol und Claudia Hart vertreten. Christie’s kollaborierte mit der Medienplattform "nft now", und der heute nicht mehr existierende NFT-Marktplatz Aorist feierte seinen Launch.
"Artnet News" titelte damals prophetisch: "Kunst und NFTs umwerben sich gegenseitig in Miami. Aber ob diese Romanze von Dauer ist, ist noch lange nicht sicher". Die situationship hielt bekanntlich nicht lang, und wie das oft so ist: Wenn man die Beziehung wieder aufwärmt, hängt man es nicht an die große Glocke, dass da schon einmal etwas war. So scheinen es beide Seiten in diesem Fall halten zu wollen.
Aber wer braucht denn jetzt eigentlich wen? Die Art Basel die NFT-Community, um Messestände und Tickets zu verkaufen und neue Sammler anzuziehen? Oder die NFT-Community die Art Basel für das Rebranding? Die Messe sucht die nächste Innovation, die NFT-Community die institutionelle Anerkennung.
Digitale Kunst ist nicht neu, auch nicht auf der Art Basel
Nun kann man keiner der beiden Seiten vorwerfen, dass sie aufeinander zugegangen sind. Und bei diesem Versuch ist tatsächlich vieles neu und vielversprechend. Warum aber auch noch der angestrengte Versuch, die vermeintlich neue Bewegung einfach als digitale Kunst positionieren zu wollen, statt das stark zu machen, was neu ist? Auf X hat Mat Dryhurst nach einem Rundgang über die Art Basel / Miami Beach seine Gedanken zu "Zero 10" geteilt, und schreibt dort auch darüber, dass NFTs plötzlich unter dem Label digitale Kunst laufen: "Ich habe mich bisher immer gegen die Bezeichnung 'digitale Kunst' gewehrt, die als etwas Neues oder Einzigartiges für Onchain-Arbeiten beschrieben wird, aber in diesem Zusammenhang macht sie Sinn. Ich habe außerhalb des NFT-Bereichs keinen einzigen Stand gesehen, der digital war. Ich bin mir nicht sicher, wie das möglich ist. In jeder Hinsicht wird digitale Kunst also durch NFTs aufrechterhalten, da die älteren Systeme sie nicht wertschätzen konnten."
Mat Dryhurst ist gemeinsam mit seiner Partnerin Holly Herndon auf Platz 43 der Monopol 100, weil beide, so die Begründung, führend in der Erforschung der Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz für die Kunst sind. Ihre Ausstellung "Starmirror" ist aktuell in den Berliner KW Institute for Contemporary Art zu sehen, zuvor stellten sie in den Serpentine Galleries in London aus, die nächste Station ist 2026 die Kunstsammlung NRW. Man muss nun nicht wieder anfangen, wie das so oft getan wird, herunterzubeten, wo digitale Kunst seit Jahrzehnten ausgestellt wird, welche Festivals und Institutionen schon sehr lange auf digitale Kunst und auch auf die Geschichte der Blockchain (ZKM Karlsruhe, HeK Basel) spezialisiert sind, welche Institutionen sich besonders in den vergangenen Jahren detaillierter der Aufarbeitung der Geschichte der digitalen Kunst gewidmet haben (unter anderem die Tate mit "Electric Dreams" und das MoMA mit Einzelausstellungen von Refik Anadol und Sasha Stiles).
Kurz: Digitale Kunst ist nicht neu, auch nicht auf der Art Basel. Was ist nun aber anders? Und was ist das jetzt, Disruption oder Domestizierung?
NFT-Community steht Kopf
Die NFT-Community steht Kopf. In den vergangenen Tagen wurde viel gefeiert und gestritten, vor allem auf X. Die üblichen Parolen waren zu lesen: We are so back. Onboarding the masses. We did in fact disrupt. Kicked the door in. Things will never be the same. Und dann waren da aber auch die Stimmen, die versuchten, daran zu erinnern, dass die Idee ja eigentlich eine andere war: Dezentralisierung, Demokratisierung, Transparenz, Umgehung von Gatekeepern, Direktverkäufe über Marktplätze.
Disruption für die NFT-Community bedeutet im Moment vermutlich, dass es dieses Mal nicht etablierte Galerien wie Pace und Nagel Draxler sind, die sich an der Technologie versuchen, sondern dass die Art Basel die Türen für die Leute aus den eigenen Reihen sperrangelweit geöffnet und gleich noch einen eigenen Sektor eingerichtet hat, dessen Name aufgrund seiner historischen Referenz nach Avantgarde klingt. Auf X liest man immer wieder "one of our very own", also einer der Unsrigen. Meldungen von Verkäufen überschlagen sich, man bedankt sich artig für Millionenverkäufe, aber auch, wenn jemand ein NFT für 5 Dollar kauft.
"No Me Olvides" von IX Shells, präsentiert von Fellowship und ARTXCODE, wurde von Kanbas für 140.000 US-Dollar gekauft. "Raster und Spektrum" von Kim Asendorf, ausgestellt von Nguyen Wahed, wurde für einen sechsstelligen Betrag von Hivemind erworben. Beeples Roboterhunde sollen ausverkauft sein. Asprey Studio meldete Verkäufe von Yatreda nach einem Tag in Höhe von 175.000 Dollar. Jack Butcher, so der aktuelle Stand, scheint nicht auf seinen Kosten sitzen zu bleiben.
Die Namen der Künstler, Künstlerinnen und der Aussteller sind wenigen außerhalb der NFT-Community bekannt. Und das, obwohl sie in den vergangenen Jahren Tausende NFTs für Millionen US-Dollar verkauft haben, die täglich auf den digitalen Marktplätzen gehandelt werden. Und das ist nun tatsächlich neu: das vernetzte Sammeln oder networked collecting, wie es in der NFT-Community heißt.
Die Künstler Tyler Hobbs und Dmitri Cherniak und das Kollektiv Larva Labs haben sich beispielsweise einen Namen mit ihren Collections "Fidenza" und "Ringers" und den CryptoPunks gemacht. Die Künstler schreiben den Code, der immer wieder neue Variationen produziert, die während des Drops beispielsweise auf Art Blocks, der führenden Plattform für generative Kunst, gekauft werden konnten – meist für niedrige Beträge. Die CryptoPunks gab es sogar gratis; es mussten lediglich die Transportkosten auf der Blockchain bezahlt werden. Das macht das Sammeln, Spekulieren und Handeln mit NFTs so interessant. Werke aus den genannten Collections wurden zwischenzeitlich für Millionenbeträge gehandelt. Von den CryptoPunks gibt es 10.000, von den Ringers beispielsweise 1000.
Deshalb auch die überbordende Begeisterung. Jetzt gibt es nicht mehr nur einen Kunsthändler und eine überschaubare Zahl an Sammlern und Sammlerinnen, die einen Künstler vertreten und ein Interesse daran haben, dass der Markt stabil ist und die Zahlen nach oben gehen. Nein, es sind Hunderte Sammler, wenn man sie so nennen mag, oder Spekulanten oder Begeisterte oder Freunde und Fans der Künstler, die investiert und ein Interesse an der Präsenz ihrer Künstler und Künstlerinnen haben. Auf X konnte man in den vergangenen Tagen auch lesen, dass Sammler wie Künstler auf der Messe standen und die Werke erklärt haben.
Es geht in Miami auch um neue Nutzer
Isabelle Graw macht sich in "Texte zur Kunst" unter dem Titel "In der Schwäche liegt die Kraft. Acht Thesen zur Lage der Kunstkritik in einer veränderten Ökonomie" Gedanken darüber, wie sich Machtstrukturen seit dem 19. Jahrhundert verschoben haben. Waren es einst Kunsthändler und Kunstkritiker, die Einfluss auf den Markt hatten, dann Künstler, Sammler und Kuratoren im Verbund, sind es heute – das kann an dieser Stelle ergänzt werden – die Künstler und ihre vernetzten Sammler. Vernetzt über die Blockchain. Aus Kritikern wurden Agenten mit Marktexpertise, deren wichtigstes Organ vielleicht das Shitposting und rage baits auf X sind. Kunsthändler heißen nun Broker, die zwischen Verkäufer und Käufer vermitteln.
Und da könnte man tatsächlich mit Hito Steyerl einsteigen und fragen, was denn hier eigentlich der Antrieb ist. Onboarding ist ein großes Thema auf der Art Basel / Miami Beach. Es gibt Gratis-NFTs, und wenn man etwas kauft, wird direkt eine Wallet eingerichtet. Es geht also auch um neue Nutzer und Transaktionen auf den Blockchains.
Wie tragfähig diese neuen Modelle sind – seien es "Zero 10" oder die erweiterten Galerien – wird tatsächlich davon abhängen, ob etwas aus dieser neuerlichen Romanze wird, oder ob das Ganze wieder im Sande verläuft. Vielleicht, weil die Welten, die da zusammenkommen, doch zu unterschiedlich sind. Was schon damit anfängt, dass die NFT-Community auf X zu Hause ist und 24/7 kommuniziert, diskutiert, sammelt und handelt, während die etablierte Kunstwelt mittlerweile bei Reels auf Instagram angekommen ist. Ausgetauscht wird sich da nicht viel, es wird gesendet.
Erweiterte Galeriemodelle
Außerdem wurden Künstler und Künstlerinnen direkt von der Messe eingeladen; feste Vertretungen von Künstlern gibt es kaum. Wie viele können sich das leisten? Wie stellt man sicher, dass man den gender gap nicht noch vergrößert, wenn es rein um die Performance auf dem Markt geht - und Männer laut Daten immer noch deutlich höhere Preise als Frauen erzielen?
Jetzt stellen Künstlerinnen und Künstler selbst aus, präsentieren mit ihren Studios. Galerien, die von Investoren finanziert werden, stehen neben Galerien, die von Galeristen getragen werden. Galerien, gegründet von Plattformen, zeigen neben Galerien, für die sie die Technologie bereitstellen und an deren Verkäufen sie mitverdienen. Die Kunstmesse wird zur Bühne, auf der Plattformen ihre Technologie pitchen.
Erweiterte Marktmodelle üben Druck auf traditionelle Galerien aus, weil sie Künstlerinnen und Künstlern andere Konditionen anbieten können oder größere Risiken eingehen – und eingehen müssen. Aber wie lässt sich verhindern, dass die Kluft zwischen traditionellen und investorfinanzierten Initiativen weiter wächst? Ähnliche Probleme sind vom etablierten Kunstmarkt bekannt.
"Hinter die Kulissen der Zaubershow"
Der erste Aufschlag war sicherlich ein Erfolg für beide Seiten. Und wer einmal auf der Art Basel war, kann sich vorstellen, dass es erfrischend sein kann, wenn man nach stundenlangem Laufen und Versuchen, Preise von Gemälden herauszufinden, plötzlich in einem Bereich ankommt, in dem man schon ab einem Dollar ein Kunstwerk erwerben kann. Wo die Künstler und Aussteller ganz offen über Werte reden, die sowieso in den meisten Fällen auf der Blockchain einsehbar sind. Und wo einem sogar andere Sammler dabei helfen, ein NFT zu claimen oder überhaupt zu verstehen, was damit gemeint ist.
Und dann sind auch noch die Künstler und Künstlerinnen da und reden bereitwillig über ihre Arbeit. Was Marc Glimcher, CEO der Pace Gallery, in der aktuellen Ausgabe der "Texte zur Kunst" bei einer Diskussionsrunde über den etablierten Kunstmarkt sagte, kann aber vielleicht auch als Hinweis für die NFT-Community gelten: "Wir haben das zu stark monetarisiert, und es hat nicht funktioniert. Wir haben alle hinter die Kulissen der Zaubershow eingeladen."