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Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass immer mehr Menschen bunte Sternchen oder glitzernde Herzen auf der Haut tragen? Vor allem die Gen-Z und noch jüngere Teenies zeigen sich mit den Motiven im Gesicht. Unter diesen hübschen Sternchen verbirgt sich meist etwas weniger Schmuckvolles: ein Pickel. Die bunten Sticker sind sogenannte Pimple Patches, hydrokolloide Pflästerchen, unter denen die Entzündung durch feuchte Wundheilung möglichst schnell verschwinden kann. Und bis dahin ist die Hautunreinheit abgedeckt - und gleichzeitig verziert.
Was für manch einen wie die neueste unverständliche Beauty-Marotte der "Jugend von heute" klingt, hat allerdings eine lange Kulturgeschichte, die direkt in die höfische Gesellschaft führt. Wir befinden uns im 17. Jahrhundert. Die Trends in Europa werden vor allem in Frankreich gesetzt. Die aristokratische Oberschicht beginnt gerade, ihr Gesicht mit kleinen Pflästerchen aus Taft, Samt, Seide, Leder oder Papier zu bekleben. Die Accessoires werden in verschiedensten Formen hergestellt und sind überaus begehrt. Schwarze Mondsicheln, Sternchen und Kreise gehören zu den beliebtesten Modellen. Auch die Ausführung einer Kutsche inklusive Pferd und Kutscher ist überliefert.
Wie kleine Insekten landen die schwarzen Klebchen auf den Gesichtern von denen, die es sich leisten können. Schnell etabliert sich der Begriff der mouches (französisch: Fliegen). Und da das, was in Frankreich angesagt ist, damals überall gefragt ist, fliegen die Fliegen schnell in andere Gefilde.
Doch was machte die mouches so chic? Der Trend entwickelte sich vermutlich aus zwei Bedürfnissen der damaligen Elite. Reich und schön zu sein bedeutete, zu zeigen, dass man einen Lebensstil fernab harter Arbeit führen konnte. Den Beweis dafür erbrachte man über blasse Haut, denn jemand, der Feldarbeit in der Sonne verrichtet, wird dieses Ideal niemals erreichen.
Die Blässe betonte man mit weißer Schminke. Womit sich Zweck Nummer eins der mouches offenbart: Zwar gab es die Pflaster in verschiedenen Farben, doch die schwarzen Ausführungen waren am verbreitetsten. Ein dunkler Akzent ließ jede blasse Haut noch heller wirken.
Jedes Pflästerchen eine Bedeutung
Ironischerweise entwickelte sich aus diesem Trend dann auch Zweck Nummer zwei: Narben abdecken. Neben Pocken- oder Syphiliserkrankungen hinterließ nämlich auch die weiße Schminke sichtbare Nebenwirkungen in den Gesichtern. Unter anderem aus Blei- und Arsenkomponenten hergestellt, sorgte die Farbe bei den feinen Damen und Herren regelmäßig für schwere Hautausschläge (und letztlich auch für tödlichen Vergiftungen, aber Langfristigkeit war nun wirklich kein besonders barockes mindset).
Netter Nebeneffekt der mouches: Der für Fashionistas des 17. Jahrhunderts unverzichtbare Schmuck konnte die selbstverschuldeten Makel direkt mitkaschieren. Zwei Fliegen mit einem Motiv abgedeckt.
Die Trends der Zeit waren stets mit Status verbunden und erfüllten die Funktion, verschlüsselte Botschaften zu übermitteln. So waren die mouches nicht nur ästhetisch, sondern auch gesellschaftlich nützlich. Es spielte nämlich eine wichtige Rolle, wo genau die Trägerin ihre Pflaster anbrachte. Sag' mir, wo du deine mouche aufklebst, und ich sage dir, wer du bist.
Nicolas Arnoult "Le Matin", spätes 17. Jahrhundert
Unterschiedlichen Positionen wurden unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben. In Frankreich etwa hieß es, dass die leidenschaftlich Verliebten ihre mouches am Augenwinkel bevorzugten. Flirtbereitschaft hingegen wurde durch ein Zeichen auf der Lippe signalisiert. Wer zu Scherzen aufgelegt war, betonte seine Grübchen. Und besonders würdevoll – aber auch stolz – war man wohl mit einer mouche auf der Stirn. In England konnte man mit der Wahl der Gesichtshälfte außerdem darstellen, wo man politisch stand. Sternchen rechts = Anhänger der Whigs-Partei, Sternchen links = Tories.
Wie bei jedem Trend gab es auch hier Zeitgenossen, die nicht mitmachen wollten. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden die mouches häufig kritisiert und mit Eitelkeit, Unanständigkeit oder gar sexueller Freizügigkeit verbunden. Mode wurde mit Moral kurzgeschlossen. Ende des 18. Jahrhunderts waren die Klebchen dann schließlich ganz out. Varianten, die an die mouches erinnern, kehrten aber immer mal wieder nach Hollywood und in die Popkultur zurück: Als Starlet-Signatur bei Clara Bow in den 1920ern, als ikonischer Leberfleck bei Marilyn Monroe in den 50ern oder als Madonna-Piercing in den 2000er-Jahren.
Zwischen den mouches bei Hofe und dem Pimple Patch von heute liegen Jahrhunderte. Trotzdem ist die (bewusste oder unbewusste) Ähnlichkeit zwischen den beiden Phänomenen auffällig. Warum kommen die Schönheitspflästerchen jetzt wieder zurück?
Früher sollte das Ornament im Gesicht Perfektion simulieren und Botschaften übermitteln. Das Pimple Patch heute macht den Makel sichtbar und verwandelt ihn dadurch in ein Stilelement, wechselt vom Kaschieren zum Kuratieren. Der Aufschwung der Pimple Patches fällt in eine Zeit, in der Hautpflege selbst zum Trend geworden ist. Skin care ist keine private Routine vorm Badezimmerspiegel mehr, sondern ästhetisches Ereignis, das inszeniert, geliked, monetarisiert und geteilt werden kann.
Wie performativ ist Hautpflege?
Die Bearbeitung der eigenen Haut wird performativ: Sie wird zur kulturellen Praxis in der bestimmte Produkte, Abläufe und Behandlungsschritte befolgt und glorifiziert werden. Das hydrokolloide Sternchen ist ein "Beweisstück" dieser Praxis. Es zeigt, dass sich gekümmert wird, dass man den aktuellen Stand der Trends kennt und dass man weiß, wie schick Pflege sein kann.
Auch das ist eine Art von sozialem Code. Er sagt: "Ich kenne die Werkzeuge zeitgenössischer Schönheitstrends." Das Sternchen macht aus der Hautunreinheit etwas Neues. Der Pickel bleibt derselbe, aber seine Bedeutung verändert sich.
Wer an der Rückkehr der Sternchen vielleicht ihre Freude gehabt hätte, ist die Philosophin Susan Sontag. In ihren "Notes on Camp" beschreibt sie das Vergnügen an der sichtbar gemachten Künstlichkeit, an Dingen, die ihre Gemachtheit, Übertreibung oder Uneigentlichkeit ausstellen und dadurch zu einem eigenen ästhetischen Statement werden.
"Camp", schreibt sie, sieht die Welt in Anführungszeichen: Nicht ein Pickel, sondern "ein Pickel". Die Unreinheit wird nicht gelöscht, sondern stilisiert. Aus etwas, das man möglichst verstecken möchte, wird etwas, zu dem man sich verhalten kann. Wenn das Auftauchen eines Pickels - den man laut Werbung doch eigentlich bekämpfen muss - eine Möglichkeit zum Selbstausdruck wird, verändert sich dann auch der Blick auf das eigene Gesicht? Kann das Sternchen auch Selbstermächtigung bedeuten?
Die Scham wird überklebt
Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe der Pimple Patches: Nicht der Pickel ist verschwunden, sondern die Scham darüber, ihn zu zeigen. Oder zumindest wird die Scham offensiv überklebt. Aus "hier ist nichts und niemand darf es sehen", wird "hier ist was, und ich entscheide, wie du es siehst".
Das verbindet die Pimple Patches mit den mouches. Die Sticker gehören zur Performance eines zeitgenössischen sozialen Codes. Das Gesicht wird zur Bedeutungsoberfläche, und der Akt des Aufklebens Teil markiert die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe und ihren Konventionen.
Vielleicht sind die Pimple Patches beides: Selbstermächtigung und eine neue Form der Optimierung zugleich. Natürlich ist jedes Sternchen auch Teil einer kapitalistischen Beauty-Industrie, die am Hautpflege-Hype ordentlich Geld verdient. Denn damals wie heute sind Trends eine wunderbare Gelegenheit, um Menschen zum Geldausgeben zu bringen; selbst, wenn diese Menschen wirklich nur einen Pickel loswerden möchten. Aber auch das gehört zur DNA unserer Gegenwart.
Was wir aufkleben, sagt also auch etwas darüber aus, wer wir sein wollen. Bei den mouches konnte die Platzierung von Charakter, Flirtbereitschaft und politischer Gesinnung erzählen. Das Pimple Patch codiert heute andere Dinge: Beauty-Wissen, Trendbewusstsein, Selbstinszenierung, Jugendlichkeit. Und bei aller Kulturgeschichte: Ganz bestimmt sind die kleinen Dinger auch Zeichen einer neuen Form von Gelassenheit gegenüber dem, was als Makel bezeichnet wird.