Am Sonntag um 19:19 Uhr ploppte die Mail auf. Im Betreff: "Letzter Gruß / Farewell". Kurz darauf schob ich meinen Teller Pasta beiseite, machte die Musik aus und stand minutenlang fassungslos in meiner stillen Küche.
Es ist nicht so, dass ich Henrike Naumann persönlich besonders gut kannte. Ihr Tod fühlt sich dennoch für mich an wie ein Riss, eine klaffende Lücke – eine Trauer, die über das Persönliche hinausgeht. Mit ihr verlieren wir eine der präzisesten politischen Künstlerinnen unserer Zeit. Eine Künstlerin, die aus alten Möbeln etwas radikal Gegenwärtiges machte. Die mit dem, was uns im Alltag am nächsten ist, zeigte, wie intim wir mit dem leben, was wir für fern halten: Ideologie. Über Ästhetik und Lebensstil machte sie sichtbar, wie Politik und historische Brüche – allen voran die Wende – sich ins Subjekt einschreiben. In Wohnungen, Oberflächen, Geschmäckern. Für Naumann war das Wohnzimmer kein neutraler Rückzugsraum, sondern ein politischer Ort.
Wie sollen wir jetzt weiterleben, fragte ich mich etwas pathetisch, bevor ich dann doch wieder nur kopfschüttelnd die Spülmaschine ausräumte und weitermachte wie bisher – in einer Welt, in der ich mich eingerichtet habe.
Henrike Naumann "Triangular Stories (Amnesia & Terror)", Detail, 2012, Installationsansicht der Ausstellung "Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau", DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam 2025
"Henrike Naumanns Atelier befindet sich in einer ruhigen Seitenstraße in Berlin-Neukölln", schrieb ich im November 2017 in einem Porträt für den "Freitag". "Daneben eine Praxis für Naturkosmetik, gegenüber Dodo’s Spätkauf und ein Keglerheim. Die Scheiben sind abgeklebt, es gibt keine Klingel. Vier Künstler arbeiten in dem ehemaligen Ladengeschäft. Naumanns Arbeitsplatz sieht aus, als wäre sie in den 1990ern hängen geblieben: Drahtfiguren stehen herum, ein Glastisch, eine metallisch-lila glänzende Vase, eine Uhr in Dreiecksform mit wellenförmigem Stehfuß, ein wuchtiger Fernseher. Davor steht ein kleiner Holztisch, darauf ein Modell: Helle Schrankwände aus Holz sind zu einem Halbkreis angeordnet, weitere Schrankteile liegen obenauf. Eine Art Wohnzimmer-Stonehenge."
Damals hatte ich noch keine Ahnung, wie erfolgreich Naumann werden würde. Dass sie neun Jahre später zusammen mit Sung Tieu den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig bespielen würde. Dass sie so jung sterben würde. Sie selbst wohl auch nicht.
Zu dieser Zeit arbeitete sie am Entwurf für ihre Ausstellung "Das Reich", die wenig später im Berliner Kronprinzenpalais eröffnete – in jenem Saal, in dem 1990 der Einigungsvertrag unterzeichnet wurde. Zwischen stählernen Deko-Objekten und CD-Regalen erklärte sie mir, wie sich Anhänger der Reichsbürger-Ideologie auf die Unterzeichnung berufen, um die Existenz der Bundesrepublik infrage zu stellen. Deren Meinung nach bestehe das "Deutsche Reich" fort. Ihre Stonehenge-Wohnung legte das Geschichtsverständnis dieser Ideologie frei: Man greift sich passende Aspekte aus esoterischen Pseudowissenschaften oder völkischen Ideen heraus und baut daraus eigene Konstrukte – ideell wie materiell. Mit dem billigen Furnierholz der 90er-Jahre machte sie die Brüchigkeit dieser Konstruktionen sichtbar.
Henrike Naumann "Ostalgie", 2019, Installationsansicht KOW, Berlin
Ich spürte den Drang, mit dem sie arbeitete. Diese aufgeweckte, herzliche Frau mit dem kantig geschnittenen, pechschwarzen Haar war so selbstverständlich mit ihrem Werk verwoben, dass sie nichts anschieben musste – sie entwickelte sich mit ihm weiter. Die Ideen waren längst da, eingeschrieben in ihre Biografie, in die deutsche Geschichte, in die Gegenwart. Sie musste sie "nur" entziffern und in ihre formale Sprache übersetzen. Eine Archäologin der Gegenwart, die die Geschichte der Neonaziszene, deren Anfänge sie in ihrer Kindheit in Sachsen miterlebt hatte, aus der Ästhetik ostdeutscher Wohnzimmer heraus analysierte. Ihre Möbelskulpturen wurden international gezeigt. Obwohl sie längst etabliert war, suchte sie weiter nach neuen Formen. Zuletzt entwickelte sie Lectureperformances. Für die Pochen Biennale arbeitete sie 2024 mit einer Line-Dance- und einer Hardstyle-Jumper-Gruppe. Ihr Anspruch ging dabei stets über das Produzieren von Kunst hinaus: "Es fühlt sich gerade nicht so an, als wäre es genug Politik, politische Kunst zu machen", sagte sie schon 2017.
Henrike Naumann & Bastian Hagedorn "The Museum of Trance", 2022, Installationsansicht documenta, Kassel
Seit meinem Besuch verfolgten mich ihre Arbeiten. Nicht nur in Ausstellungen – zuletzt in "Wohnkomplex" im Potsdamer Minsk –, sondern auch im Denken, zu Hause beim Blick auf die eigene Schrankwand. Sie war eine der ersten, die begriff, wie sich Wertesysteme in Einrichtung einschreiben und diese Beobachtung konsequent in eine eigene Formsprache übersetzte. Wenn ich ein überteuertes Hellerau-Möbel in einem Vintageladen kaufe, stelle ich mir seitdem vor, in welcher ostdeutschen Wohnung das Stück vorher einmal gestanden haben könnte und durch welches Möbel es ersetzt worden ist. Welchen Bruch, welches Vorher und Nachher sein Verkauf damals in einer Biografie markiert hat.
Über die Objekte in "Das Reich" sagte sie: "Ich präsentiere diese Objekte so wie andere Leute Heilsteine." In ihren Arbeiten ging es nicht zuletzt darum, wie wir im Glauben Sinn und Halt suchen – und wie Menschen diesen Glauben in Geschichte finden und ihn in Möbeln und Symbolen in den eigenen vier Wänden manifestieren. Wie daraus ein Parallelstaat entsteht. Im Großen als Gedankenkonstrukt, im Kleinen im eigenen Zuhause. Es passt, dass Naumanns Installation "Museum of Trance" 2022 bei der Documenta in einer Kirche zu sehen war.
Die Möbel beschaffte sie seit Beginn ihrer Recherchen 2012 über Ebay Kleinanzeigen oder auf Flohmärkten, oft in ihrer alten Heimat Zwickau. Wenn sie ein Stück gefunden hatte, holte sie es persönlich ab und übergab der Verkäuferin eine Einladungskarte zur Ausstellung. Fast wie eine Politikerin auf Haustour. Mal in Brennpunktvierteln, mal in Reichengegenden – je nachdem, welche Art von Möbeln sie gerade brauchte. Nur dass sie die Menschen nicht überzeugen, sondern verstehen wollte.
Henrike Naumann "Das Reich", 2022, Installationsansicht 3. Berliner Herbstsalon
Einige ihrer Jugendfreunde seien heute Rechtsradikale, erzählte sie. Um zu begreifen, warum sie abgedriftet sind, baute sie deren Wohnzimmer nach. Später dann auch das von NSU-Mitglied Beate Zschäpe. Für viele Ostdeutsche bedeutete die Wende einen radikalen Bruch – auch in der Zimmergestaltung: Plötzlich gab es Farben, Türkis und Pink, Lavalampen und Ikea-Regale aus heller Birke statt normierter Wohnwände aus dunklem Pressspan. Mit dem Kapitalismus wurde das Interieur zur Bühne der Selbstpräsentation. Es ging nicht mehr darum, wie man lebt, sondern welches Bild dieses Leben abgeben soll.
"Bei uns zu Hause gab es diesen Bruch nicht", sagte Naumann. Ihre Eltern konnten nach der Wende beide ihre Jobs behalten. Es gab Kontinuität. Ihre Mutter war Tischlerin. Die Möbel bei ihnen zuhause wurden über Generationen weitergegeben. Vielleicht war es genau diese Stabilität, die ihr einen Teil der Kraft gab, so tief in der Geschichte zu graben und bislang Unsichtbares an die Oberfläche zu holen, ohne moralisch zu werden.
Diese Stabilität wollte sie an ihre Tochter weitergeben. Einen Tag nach deren erstem Geburtstag ist Naumann gestorben. Ihre Möbel bleiben.