Monopol-Sommertipps

Was wir im Urlaub hören, lesen und schauen

Die Hitze flirrt, der Kopf wird frei – und was gehört unbedingt dazu? Die Monopol-Redaktion und ihre Kolumnistinnen teilen ihre liebsten Begleiter für den Sommer


Lisa-Marie Berndt, Redakteurin


Lesen: "Burning Down the House: Talking Heads and the New York Scene That Transformed Rock" von Jonathan Gould

Wer bei Hitze eher an überfüllte Clubs als an den See denkt, für den ist dieses Buch genau das Richtige: "Burning Down the House" erzählt die Geschichte der Talking Heads – und damit auch die der New Yorker Downtown-Szene der 1970er. Zwischen Müllkrise, No Wave und Neonlicht gründen drei ehemalige Kunststudierende eine Band, die mit schrägen Rhythmen, Dada-Charme und Brian-Eno-Produktion den Sound des Untergrunds neu schreibt. Der US-Amerikaner Jonathan Gould liefert mit dem gerade bei Mariner Books erschienenen Buch keine bloße Biografie, sondern eine dichte, kluge Erzählung über Kunst, Kommerz – und das Niederbrennen des Mainstream-Rocks.

Mariner Books, 512 Seiten
 

Hören: "For Your Sins" von Dea Matrona

Zwei junge Frauen aus Belfast, ein Faible für Gitarrensoli und ein Bandname aus der keltischen Mythologie: Dea Matrona, das sind Orláith Forsythe und Mollie McGinn. Die Anfang-20-Jährigen haben gerade ein Albumdebüt vorgelegt, das sich tief in den Riff-Rock lehnt, aber nie in reiner Nostalgie verfängt. "For Your Sins" klingt mal nach Garage, mal nach Glam, mal nach butterweichem Fleetwood-Mac-Funk. Die Songs der beiden Irinnen haben alles, was man für diesen Sommer braucht: "Red Button" ist der perfekte Mitsing-Hit bei offenen Autofenstern, "Stuck on You" für den Moment, wenn die Sonne untergeht und die Hitze endlich nachlässt. Und "Every Night I Want You", mit Kuhglocke und Popgefühl, geht runter wie ein kaltes Getränk nach dem dritten Festival-Act.

Auf allen gängigen Plattformen

 

Schauen: "One to One: John & Yoko"

Ein FBI-verdächtiger Künstler, ein Telefonmitschnitt, 20.000 singende Hippies: In der Doku "One to One" von Kevin Macdonald und Sam Rice-Edwards wird die Beziehung von John Lennon und Yoko Ono neu aufgerollt – als grelles, collagiertes Fernsehprogramm aus der US-amerikanischen Gegenwart der frühen 1970er. Zwischen Vietnamprotesten, Waschmittelwerbung und Avantgarde-Happenings geht es um eine politisierte Liebe, um Performancekunst mit Fliegen und um einen sehr realen Überwachungsstaat. Der Sound stammt passenderweise von Gesprächsbändern, die Lennon aus Angst vor dem FBI heimlich aufzeichnete.

Läuft aktuell im Kino
 

 

Elke Buhr, Chefredakteurin

 

Lesen: "Striker" von Helene Hegemann

In diesem Buch knallt gleich zu Anfang ein Novemberhimmel durch die Fensterfronten wie eine Stahlwand, in der sich Abgase spiegeln, und schon ist man mittendrin in einem Roman über einen Graffiti-Aktivisten und eine Kampfsportlerin, über die kalte Haut der Stadt und über Angst und Verdrängung, der einen auch in der Sommersonne schaudern lässt.

Kiepenheuer und Witsch, 192 Seiten, 23 Euro

 

Hören: "I quit" von Haim

Haim sind drei energetische Schwestern aus Los Angeles, die schon seit rund 15 Jahren dem Label "Girlband" durch gute Songs entgehen. Jetzt ist endlich mal wieder ein Album erschienen, das schon im Eröffnungssong "I quit" eine mitreißende Hymne für den Moment liefert, in dem man endlich alle nervigen Zwänge hinter sich gelassen hat. Freiheit, Sommer, bouncige Gitarren, was will man mehr.

Polydor Records

 

Schauen: Aufs Meer

Im Sommer auf Bildschirme starren, das geht gar nicht. Lieber aufs Wasser, und dabei noch mehr Musik hören. Zum Beispiel das neue Album mit dem lustig verdrehten Titel "Music Can Hear Us" von DJ Koze. Der Meister aus Hamburg spielt sich darin sehr abwechslungsreich durch die Genres und hat Gäste wie Sophia Kennedy, Soap&Skin oder Damon Albarn dabei.

DJ Koze "Music Can Hear Us", Pampa Records

 

Lesen am Strand
Foto: Pexels

 

Laura Ewert, Kolumnistin

 

Lesen: "Delulu" von Julia Friese

Im Sommer oder Herbst erscheinen jeweils ein neues Buch von der sehr gut, geradezu traumhaft schreibenden "Zeit"-Journalistin Antonia Baum und vom Zeitgeist-Fänger Leif Randt. Ich möchte empfehlen, danach Ausschau zu halten. Bis dahin sollte man Helene Hegemanns Buch "Striker" lesen, das meiner Meinung nach davon handelt, wie wir heute noch leben können, wenn Menschen vor unseren Augen verschwinden. Außerdem muss man "Delulu" von Julia Friese lesen, weil es literarisch das Beste ist, was in diesem Jahr erscheint. Es geht um die Versprechungen der Popkultur. Und wie gut es ist, erkennt man daran, dass der sogenannte Literaturbetrieb, es nicht zu checken scheint - oder wo sind ihre Preise?

Wallstein Verlag, 247 Seiten, 22 Euro

 

Hören: "Die Neuen Zwanziger"

Kürzlich entdeckte ich in einem Hotel durch die Shazam-App meines Sohnes die australische Psychedelic-Jazz-Pop-Band Mildlife und ihr Album "Automatic", das ist das Beste, was ich seit langer Zeit gehört habe. Da das Album allerdings von 2020 ist und ich hier nicht rüberkommen will wie eine Mutter, die Musik durch die Shazam-App ihres Sohnes entdeckt, empfehle ich den Podcast "Die Neuen Zwanziger". Erstens, weil er der einzige Podcast ist, den man hören muss, und zweitens auch der einzige, den man hören kann. In einer Zeit der scheinbar kollektiven Psychose, in der die guten alten Mainstreammedien nur noch kopfschüttelnd zu lesen sind, ist der Gesprächspodcast des Intellektuellen und Filmkritikers Wolfgang M. Schmitt und des Soziologen und Autors Stefan Schulz ein guter Weg, um nicht völlig bekloppt zu werden. Allein, wie sie in der Juni-Folge Mathias Döpfner bei "Hotel Matze" kommentieren oder die Auseinandersetzung von Maximilian Krah mit den Kubitscheks, was denn wohl der Volkskörper ist, zusammenfassen, tröstet über jeglichen Schwachsinn Hinweg, den dünngespritze Podcast-Millionäre aus dem Berlin-Mitte-Loft so verzapfen können.

Podcast verfügbar unter neuezwanziger.de

 

Schauen: "Soldaten des Lichts" von Johannes Büttner und Julian Vogel

Mitte Juli kommt die Dokumentation "Soldaten des Lichts" von Künstler Johannes Büttner und Regisseur Julian Vogel in die Kinos. Ich verspreche, es ist der wichtigste Film dieses und der nächsten Jahre. Er begleitet einen Schwarzen, neurechten Vegan-Influencer bei seinem alltäglichen Geschäft und der Vernetzung mit anderen Influencern aus dem Bereich des Money-Coachings oder der Reichsbürgerszene. Wer verstehen will, warum das Pochen auf Demokratie nicht gegen Verschwörungserzählungen ankommt, muss diesen Film sehen. Denn er ist erschreckend, aber nicht skandalisierend.

Ab Mitte Juli im Kino

 

 

Sebastian Frenzel, stellvertretender Chefredakteur

 

Lesen: "See der Schöpfung" von Rachel Kushner

Rachel Kushner schreibt mit kalifornischer Coolness über (europäische) Gegenkulturen und Kunstgeschichte: In "Flammenwerfer" schlug sie den Bogen von der Künstlerszene SoHos in den 70ern zum italienischen Futurismus; in ihrem neuen Roman "See der Schöpfung" infiltriert die Undercover-Agentin Sadie eine Kommune ökologischer Fundamentalisten in Südfrankreich. Sadie durchschaut die Verlogenheit und den Machismo der Aussteiger, doch noch mehr verachtet sie die Korruptheit jener Wirtschafts-Lobbyisten, die sie für ihren Job bezahlen. Die Alternative, die diese Grenzgängerin an den Rändern der Zivilisation sucht, muss radikaler sein: eine Gegengeschichte der Menschheit.

Rowohlt, 480 Seiten, 26 Euro

 

Hören: "Lotus" von Little Simz

Die Britin Little Simz ist nicht nur die lässigste Rapperin, sie versteht es auch, alle möglichen musikalischen Einflüsse in ihren Songs zu verarbeiten: Jazz und Soul, ein bisschen Punk und Rock, ohne dass es nervt oder aufgesetzt wirkt. Sondern so, dass man unbedingt dazu tanzen möchte, in einer Sommernacht und zu allen anderen Uhrzeiten auch. Schon jetzt mein Hip-Hop-Album des Jahres! 

Auf allen gängigen Plattformen

 

Schauen: "Schwarze Früchte"

Lalo lebt in Hamburg, ist Mitte 20, schwarz, queer und eine furchtbare Nervbacke. Mit seinem Partner hat er sich zerstritten und auch sonst mit fast allen: seiner Mutter, seinen besten Freunden. Sein Architekturstudium hat er hingeschmissen, jetzt soll es irgendwas mit Kunst werden. Sein Vater ist gerade gestorben. Lalo ist lost. Seine Egozentrik stresst gewaltig. Und doch gewinnt man ihn bald lieb. Ablehnung hat sein Leben geprägt, aber er muss auch lernen, dass dahinter nicht immer Rassismus oder Homophobie stecken. Die von Lamin Leroy Gibba kreierte Dramedy-Serie erzählt vom Zauber und Schrecken der Identitätssuche jenseits heteronormativer Pfade.

ARD Mediathek

 


Jens Hinrichsen, Redakteur

 

Lesen: "Mildred Pierce" von James M. Cain

Eben noch hat sich Mildred mit ihrem wohlhabenden Lover Monty Beragon im Pazifik vergnügt. Am Abend stirbt ihre kleine Tochter. Der Titelfigur des US-amerikanischen Romanklassikers "Mildred Pierce" bleibt wenig erspart. Ihre ältere Tochter Veda entwickelt sich nach dem Tod der Jüngsten zur gefühlskalt-berechnenden Egozentrikerin, ohne dass Mildred ihre Manipulationskünste durchschaut. Die Mutter baut ihr kalifornisches Restaurant-Imperium aus, während Veda, vom Wohlstand profitierend, Mildreds "Küchengeruch" verabscheut. Der Schriftsteller und Journalist James M. Cain war ein Meister des hard-boiled Thrillers ("The Postman always rings twice"). Viele seiner Bücher wurden verfilmt, "Mildred Pierce" zweimal: fürs Kino 1945 mit Joan Crawford und als Miniserie 2011 mit Kate Winslet. Cains packende Aufsteigerinnen-Geschichte aus der Great Depression um Mutterliebe, Selbstaufopferung und familiäre Abgründe kommt ohne Verbrechen aus und überzeugt mit psychologischer Tiefe und viel Gespür für Beziehungsdynamiken. Das ist so fucking good geschrieben, dass ich ihn diesen Sommer zum dritten Mal lese.

Vintage Crime/Black Lizard (Original); Arche Literatur Verlag (Übersetzung von Peter Torberg)

 

Hören: "Duo II" von Bugge Wesseltoft und Henrik Schwarz

Der Komponist, DJ und Musikproduzent Henrik Schwarz liebt Kooperationen, und wie der Titel schon sagt, machte das vor rund drei Jahren erschienene Album "Duo II" auch nicht den Anfang. Acht Tracks von verspielt bis elegisch bietet die zwischen Jazz, Elektronik und Klassik changierende CD, für die sich Schwarz mit dem norwegischen Pianisten Bugge Wesseltoft zusammentat. Mit weiteren Musikern und vier Sängerinnen wurde das Album in der Berliner Emmauskirche aufgenommen. Ein Rezensent fand den Klangcharakter "winterlich", okay, für mich ist "Duo II" die perfekte musikalische Abkühlung für Hochsommertage, experimentell und erfrischend wie ein Bad im Bergsee. "Now I’m Better" heißt der finale Track. Exakt!

Label: Jazzland, auf allen gängigen Plattformen


Schauen: Fellinis "La Dolce Vita" 

Sommer in Rom. Anita Ekberg badet im Trevi-Brunnen. Marcello Mastroianni und Anouk Aimée bekommen nasse Füße in einer überschwemmten Mietskaserne, die der notgeile Klatschreporter und die gelangweilte figlia di papà als Liebesnest ausprobieren. Zu Hause schluckt die Lebensgefährtin (Yvonne Fourneaux) zum x-ten Mal eine Überdosis Schlaftabletten. Riesenkakerlaken sind noch kein Problem im Rom der späten 1950er, aber so richtig dolce ist "Das süße Leben" nicht, obwohl sich Federico Fellinis Sittenpanorama zwischen Orgiastik und innerer Ödnis in den italienischen Wirtschaftswunderjahren entfaltet. Marcello (so heißt er auch im Film) jagt den Stars und Sensationen hinterher, begleitet von einem Fotografen namens Paparazzo (dessen Name zum stehenden Begriff avancierte). In opulentem Cinemascope und nüchternem Schwarz-Weiß werden die Erlebnisse und Eskapaden des Journalisten als Stationendrama erzählt. Trotz der Gesellschaftskritik in "La Dolce Vita" erhebt sich Fellini nie über seine Figuren. Er berauscht sich mit ihnen, tanzt mit ihnen zum Mambo-Rhythmus von Pérez Prado, spürt die Leere des Abgrunds, auf den sich die Figuren zubewegen. Dank Nino Rotas mitunter antikisierender Musik weht ein Hauch "Quo Vadis" durch den Film, sinnigerweise, denn während Peter Ustinovs Nero im alten Rom das frühe Christentum bekämpft, hat sich die Religion rund 1890 Jahre später fast selbst erledigt. Antipasti, Gin Fizz und Sexabenteuer sind der stärkere Stoff. "La Dolce Vita" beginnt mit dem Helikopter-Transport einer Jesusstatue über der ewigen Stadt (der fliegende Heiland kommt nie auf der Erde an) und endet mit dem Blick verkaterter Partygäste auf einen riesigen toten Fisch am Strand: der Fisch, das alte Symbol der Christen. Gott ist tot – oder wenigstens schwer narkotisiert. 1960 lief der Film in den Kinos an, bis heute hat er sich grandios gehalten.

Als DVD und Blu-Ray bei Arthaus / Studiocanal und auf verschiedenen Streaming-Plattformen

 

Nächtliche Autofahrt, Sonnenbrille bei Nacht, Coolness pur: Marcello Mastroianni und  Anouk Aimée in einer Szene aus "La Dolce Vita" (1960
Foto: Arthaus

Nächtliche Autofahrt, Sonnenbrille bei Nacht, Coolness pur: Marcello Mastroianni und  Anouk Aimée in einer Szene aus "La Dolce Vita" (1960)  – und ein zentrales Bild für das Lebensgefühl, das Federico Fellini mit seinem Film so treffend eingefangen hat

 

Silke Hohmann, Redakteurin

 

Lesen: "Talk" von Linda Rosenkrantz 

Es gibt mehrere fürs Lesen im Liegen geeignete Bücher, über die man vor ihrem Erscheinen aber noch nicht schreiben soll. Leif Randts "Let’s talk about feelings" (KiWi, ab 4. September) gehört dazu, weil niemand das sprachliche Herunterkühlen so gut drauf hat wie er. Kat Eryn Rubik (früher Kat Kaufmann) hat mit "Furye" (DuMont, ab 15. Juli) sogar einen Pool auf dem Cover. Aber bis dahin lese ich "Talk" von Linda Rosenkrantz, längst erschienen (1968), aber immer noch witzig und heiß wie ein Tag am Meer in guter Gesellschaft und mit etwas zu viel Frosé im Glas. Es ist der Sommer 1965. Emily, Vincent und Marsha, New Yorker Bohème, liegen am Strand und analysieren sich selbst und alle um sie herum. Tabuloses Debriefing über Sex, Psychiater, Psychedelika, Bildhauerei und Sadomasochismus. Für alle, die einer guten Nachbesprechung mehr abgewinnen können als dem Gefühl, der letzte Gast auf der Party zu sein.

 

Hören: "Radio Garden"

Ein ganzes Universum für alle, denen on demand manchmal zu langweilig ist. Denn wie soll man etwas entdecken, von dem man schon weiß? Die App "Radio Garden" zeigt den gesamten Globus – ja, auch die Aleuten – übersät mit zahllosen neongrünen Punkten. Jeder einzelne ist eine Radiostation, deren Programm sich live ansteuern lässt. Ich weiß nicht, wie viele Hörer "Americana Boogie Radio" aus Salem, Oregon, hat, aber ich gehöre gelegentlich dazu. Radiohören ist eine beglückende und ressourcenschonende Art der Teilhabe. Sehnsucht nach Santiago de Chile? "Radio Carolina" weiß immer noch am besten, was abgeht. Fernweh nach unbekannten Zielen? Vielleicht ist Radio Maxima in Taschkent, Usbekistan, gerade erreichbar. Immer genau richtig liegt Radio Grenouille aus Marseille. Und es gibt nichts Besseres, als in einer dunkelblauen Sommernacht einen kleinen Jazz-Sender in Osaka, Bukarest oder Neapel zu finden. Und das käme mir on demand wirklich niemals in den Sinn.

Im App Store

 

Schauen: "Zikaden" von Ina Weisse

Sommerliche Stille auf dem Brandenburger Land. Jemand schneidet Blumen, Insekten summen, auf der endlosen Allee rollt ein Konvoi aus der Stadt an. Der Film "Zikaden" von Ina Weisse hält diese Stille durch. Es sprechen stattdessen die Landschaft, die Räume, die Blicke, und das ist dank Saskia Rosendahl und Nina Hoss atemberaubend. Die eine Frau hat nichts außer Sorgen und einer kleinen Tochter, die weinend dem Bus hinterherrennt, wenn die Mutter zu einem ihrer Niedriglohn-Jobs aufbrechen muss. Eine andere lebt privilegiert, aber im Schatten ihres Vaters, einem berühmten Architekten, der nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt und seine Memoiren einem Enkelkind widmet, das es nie gab. In Brandenburg, wo sich ihre sehr verschiedenen Lebensideen verwirklichen sollten und scheitern, kreuzen sich ihre Wege immer wieder. Die großen Themen Ost-West, Mann-Frau, alt-jung, arm-reich werden wie schwebend verhandelt, andeutungsweise und dadurch tief, zirpend und dann wieder verstummend. 

Jetzt im Kino

 

"Zikaden", Filmstill, 2025
Foto: © Judith Kaufmann / Lupa Film

"Zikaden", Filmstill, 2025

 

Oliver Koerner von Gustorf, Kolumnist


Hören: DJ Koze feat. The Düsseldorf Düsterboys und Arnim Teutoburg-Weiß "Wie Schön Du bist"

Mein erotischer Sommerhit ist "Wie schön du bist" von DJ Koze. Es stammt von seinem sehr guten, hier schon erwähnten neuen Album "Music Can Hear Us", ebenfalls ein Knaller. Aber wenn ich Arnim Teutoburg-Weiß und The Düsseldorf Düster Boys singen höre: "Du hast erzählt gelacht, mir gezeigt wie schön du bist", oder "Wenn ich so schweb wächst eine Verbindung und ob sie besteht / Werden wir sehen wenn der Frühling den Schnee von der Stelle weht" - dann möchte ich mal ganz Frau sein und "auf heißen Sohlen gehen" und "Wange an Wange" tanzen. Es gibt für mich als Homo nichts Lustigeres und Geileres als deutsche Hetero-Hip-Hop-Daddys mit Bierbauch und Poesie, die schon Kinder und Frauen haben, dir den Himmel versprechen und dann natürlich das Herz brechen, egal wie schön du bist! Seufz. 

 

Lesen: Catherine Liu "Die Tugendpächter: Wie sich eine neue Klasse mit Moral tarnt und Solidarität verrät"

Ich liebe Catherine Liu. Entdeckt habe ich sie im "Doomscroll"-Podcast des US-Künstlers Joshua Citarella, den man gleich für den Strand mitabonnieren sollte. In ihrem Buch rechnet Liu, eine kalifornische Film- und Medienwissenschaftlerin und klassische Marxistin, mit der "Professional Managerial Class" (PMC) ab – einer brahmanischen, gebildeten, progressiven Linken, die mit Uniabschlüssen in Leitungspositionen sitzt und alle möglichen Tugenden exklusiv für sich beansprucht, die andere angeblich nicht haben: Empathie, Gerechtigkeitssinn, Bildung, Fachwissen, Geschmack, Solidarität, Spiritualität, bewusste Sexualität, Selbstbeherrschung und so weiter. Tugenden werden, auch in der Kunstwelt, so zusammengerafft werden wie Geld, Kunst, Immobilien oder Designerklamotten. Dabei guckt man gepflegt auf den Rest runter. Na, kommt dir das bekannt vor? 

Westend Verlag, 128 Seiten, 18 Euro
 

Sehen: "Dept. Q"

Super unterhaltsam und spannend ist die britische Thrillerserie "Dept. Q.", die ein bisschen wie "Slow Horses"eine andere tolle britische Serie, funktioniert. Hier wird eine Gruppe von Losern und Neurotikern als Sonder-Department zusammengebracht, um ungeklärte Fälle zu lösen. Und natürlich sitzen sie im Keller und haben die unglaublichsten Störungen und Neurosen. Sie hassen sich und sind unterfinanziert. Doch die wunderbare Kelly Macdonald spielt mit. Und die Sache mit der verhassten Staatsanwältin, die für Jahre in einer Druckluftkammer verschwindet, ist einfach wunderbar diabolisch.

Auf Netflix

 

Darius Kühner, Autor

 

Lesen: "Next to heaven" von James Frey

Die Bücher von James Frey mäandern durch die Grauzone zwischen fabelhafter Fiktion und harter Realität. Sogar seine Memoiren "A Million Little Pieces" (2005) vermischte Frey mit ausgedachten Episoden. Sein Leben basiert sozusagen auf einer wahren Begebenheit, wie die seiner Charaktere auch. In seinem neuesten Roman "Next to Heaven" spiegelt er die zahllosen Laster der US-amerikanischen High Society. Den Höhepunkt bildet eine furiose Swinger-Party mit NFL-Stars und Tech-Bros von der Wall Street.  

336 Seiten, Simon & Schuster

 

Hören: "Let God sort em out" von Clipse

Mit einer Kaws-Illustration auf dem Cover kehrt das verbrüderte Rap-Duo Clipse aus Virginia Beach unverändert protzig aus einer 16 Jahre langen kreativen Pause zurück. Die ersten beiden Singles "Ace trumpets" und "So be it" sorgten in der Hip-Hop-Szene bereits für Furore, somit wächst die Vorfreude auf das kommende Studio-Album. Untermalt werden ihre Strophen durch die Produktion des Multitalents Pharrell Williams, dazu kommen Features von Rap-Legende Nas und Grammy-Gewinner Kendrick Lamar. 

Ab 4. Juli auf allen gängigen Plattformen

 

Schauen: "The Rocky Horror Picture Show"

Der Sommer ist eigentlich zu kurz, um eine Sekunde davon vor der Leinwand in einem dunklen Kinosaal zu verbringen – es sei denn, diese steht unter freiem Himmel. Freiluftkinos versüßen laue Sommernächte und bieten eine perfekte Gelegenheit, unterhaltsame Klassiker wie zum Beispiel "The Rocky Horror Picture Show" (1975) auf einer Picknickdecke unter Mondschein zu genießen. Auch 50 Jahre nach der Premiere hat die Kinofassung des erfolgreichen Musicals von Richard O’Brien ihren Reiz nicht verloren.

Als DVD, Blu-Ray oder im Freiluftkino

 

"The Rocky Horror Picture Show"-Logo
Foto: Wikimedia

"The Rocky Horror Picture Show"-Logo


Saskia Trebing, Online-Redakteurin


Lesen: "Wie wir so schön wurden" von Rabea Weihser

Sehen die jetzt eigentlich alle irgendwie gleich aus? In der Social-Media-Ozempic-Schmink-Tutorial-Facelift-Ära schauen uns immer mehr scheinbar alterslose, stereotyp-makellose Gesichter an - besonders berühmte Frauen jeglichen Jahrgangs wollen offenbar Stupsnäschen, Rasiermesser-Wangenknochen und aufgefüllte Lippen als Standard etablieren. Wer sich da fragt, wo die Natürlichkeit geblieben ist, sollte das Buch von Rabea Weihser zur Hand nehmen, das den Untertitel "Eine Biografie des Gesichts" trägt. Denn natürlich war schon seit der Steinzeit nichts mehr natürlich. Auch damals formten und bemalten Menschen ihre Antlitze, um anderen zu gefallen. Eine Kulturgeschichte des Gesichts zeigt auch, dass Schönheitsideale stets politisch sind und das, was uns anzieht, auch von Ideologie geprägt ist. Das Buch - leicht im Ton, aber fundiert im Inhalt, führt von den Katzenaugen der Pharaonen bis zu den hochgetunten Beauty-Influencern der Gegenwart. Schön!

Diogenes, 352 Seiten, 26 Euro

 

Hören: "Dear Science" von TV on The Radio

Auf Abi-Partys laufen im Sommer 2025 wieder 20 Jahre alte Indie-Hits - und sowieso ist durch die Vorherrschaft der Playlists ziemlich egal geworden, wann welche Musik entstanden ist. Zeit also, sich an eins der besten Alben der 2000er zu erinnern: "Dear Science" von TV on the Radio, die das Beste aus Rock, Elektro und Funk einfach zusammen auf ein Album inszeniert hat. Und wer das ekstatische Konzert der Band Mitte Juni in Berlin erlebt hat, konnte spüren, wie ausnehmend gut Hits wie "Golden Age" oder "Dancing Choose" gealtert sind. Wer es etwas verschrobener, aber immer noch nostalgisch mag: Das neue Album der unverwüstlichen Britpop-Intellektuellen Pulp ist überraschenderweise auch sehr gut. 

Auf allen gängigen Plattformen - oder als Vinyl, Touch & Go


Schauen: "Extraordinary"

Seit die ZDF-Mediathek aussehen will wie Netflix, sind auch die Beschreibungen gelinde gesagt unterkomplex. So läuft dort die UK-Produktion "Extraordinary" unter den Schlagworten "Comedy - Serie - schräg". Möchte man ein paar mehr Worte über die bisher verfügbaren zwei Staffeln verlieren will, könnte man sagen, dass es sich um britischen Humor in besonders gelungener Form handelt. Die 25-jährige, leicht tollpatschige Jen lebt in einer Welt, in der alle Erwachsenen eine Superkraft ausbilden. Nur sie selbst wartet immer noch vergeblich, was ihren Alltag beschwerlich macht - wenn alle anderen mit intrinsischem Raketenantrieb nach Hause fliegen, muss sie immer noch den Bus nehmen. "Extraordinary" ist eine überaus unterhaltsame Ansammlung an Absurditäten, die aber erstaunlich gut zusammenfinden - und in einem ganz eigenen Future-Retro-Look auch noch fabelhaft aussehen. Die Welt als junge Erwachsene ist nun mal kompliziert - mit und ohne Superkräfte.

ZDF-Mediathek

 

Ist das das Gesicht der Gegenwart? Die Sängerin und Schauspielerin Ariana Grande verkörpert das Beauty-Ideal, das Algorithmen lieben
Foto: dpa

Ist das das Gesicht der Gegenwart? Die Sängerin und Schauspielerin Ariana Grande verkörpert das Beauty-Ideal, das Algorithmen lieben


Daniel Völzke, Leitung Online

 

Lesen: Alles von Clarice Lispector 

Warum kannte ich Clarice Lispector bisher nicht? Mit welcher erzählerischen Eleganz und Leichtigkeit sie das Innenleben ihrer weiblichen Figuren entfaltet, wie präzise sie das Verhältnis der Geschlechter, Einsamkeit, Distanz und Liebe beschreibt – das wirkt so modern, so avanciert, als wären ihre Texte erst gestern geschrieben worden. Und doch stammen sie aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Ich lese gerade ihre Erzählungen und Zeitungskolumnen; als Nächstes steht ihr bekanntester Roman "Nahe dem wilden Herzen" auf dem Plan, geschrieben mit nur 23 Jahren. Ihr Geheimnis ist vielleicht, dass sie nie eine große Leserin war und keine Schriftstellerin sein wollte. Sie selbst bezeichnete sich bescheiden als "Mensch, der sucht, was man im tiefsten Inneren empfindet, und es in Worten ausdrückt." Und fügte hinzu: "Das ist wenig, sehr wenig." Mit dieser Einschätzung lag sie allerdings total daneben. 

 

Hören: "Africa Express presents… Bahidorá"

Der Musiker Damon Albarn zeigt mit seinem Projekt Gorillaz seit fast 30 Jahren, wie man sich durch kollaboratives Arbeiten aus dem Gefängnis der Individualität und des klassischen Bandgefüges – in seinem Fall der Britpop-Band Blur – befreien kann. Africa Express folgt einem ähnlichen Prinzip, allerdings mit weniger Dominanz Albarns. Kein Zufall: Das Kollektiv entstand als direkte Antwort auf das weitgehende Fehlen afrikanischer Künstler:innen bei den Live-Aid-Konzerten. Mit "Africa Express presents… Bahidorá" erscheint nun bereits das sechste Album – diesmal mit einem Schwerpunkt auf Lateinamerika. Entstanden bei einer Session während des Bahidorá-Festivals in Mexiko, vereint das am 11. Juli erscheinende Werk 21 Tracks, die Cumbia, Hip-Hop, Kuduro, Soul, Salsa und Pop in einem transkontinentalen Klangexperiment verschmelzen. Über 30 Künstler:innen aus vier Kontinenten – darunter Joan As Police Woman, Fatoumata Diawara und das Mexican Institute of Sound – prägen diese facettenreichen Songs, von denen einige bereits vorab veröffentlicht wurden. Eine besondere Entdeckung ist die Stimme von Luisa Almaguer, die in mehreren Stücken zu hören ist – so viel Sehnsucht in einem einzigen Menschen!

 

Schauen: "28 Years Later"

28 Jahre ist es nicht her, aber immerhin schon 22, dass ich den Horrorfilm "28 Days Later" von Danny Boyle und Alex Garland, den ich bisher nur als Autor von "The Beach" kannte, im Kino gesehen habe – und ich war völlig hingerissen von der visuellen Kraft der Bilder: das menschenleere London (das einem dann zum Corona-Lockdown schon vertraut vorkam), die seltsam starren Sonnenblumenfelder an der stillen Autobahn, die irre schnellen "Zombies", die genau genommen keine Untoten sind, sondern mit einem Aggrovirus infizierte. Die "Zombies" waren sehr lebendige Lebende, ihre Vitalität bis zu einer todbringenden Intensität gesteigert. Jetzt läuft nach der etwas schwächeren Fortsetzung "28 Weeks Later" der dritte Teil "28 Years Later" im Kino. Fast drei Jahrzehnte nach dem Ausbruch des tödlichen Rage-Virus ist die gesamte britische Insel Quarantäne-Zone, niemand – egal ob infiziert oder nicht – darf in diesem extremen Brexit das Land verlassen. Die wenigen Nicht-Kranken leben in Trutzburgen oder streunen durch die Wälder, immer in Angst vor Angriffen von "Zombies". Der Junge Spike wird erwachsen, indem er lernt, Alphas – durch Infektion zu Riesen mutierte Männer – zu töten. Der Film erzählt, wie er sich von seiner Familie und der Gemeinschaft löst und ins Ungewisse aufbricht. Die Frage, wie man in einer Welt voll mit Hass und Wut infizierter Körper klarkommt, ist heute dringender denn je. Und wieder wirkt es wie ein Naturfilm, die Kämpfe eingebettet in verstörend erhabene Landschaften, diesmal vor anderem die schottischen Highlands, darin in vielfachem Sinne verloren: der Mensch. Auch Antony Gormleys monumentale Skulptur "Angel of the North", die seit 1998 über der A1 bei Gateshead thront, hat einen eindrucksvollen Auftritt im Film.

Jetzt im Kino

 

Africa Express beim Bahidorá-Festival in Mexiko

Über 30 Künstlerinnen und Künstler aus vier Kontinenten kamen beim Bahidorá-Festival in Mexiko zusammen, um das neue Africa-Express-Album aufzunehmen. "Africa Express presents… Bahidorá" erscheint am 11. Juli

 

Anne Waak, Kolumnistin

 

Hören: Haim, Bad Bunny, Cat Power

Meine Sommer-Playlist ist eine wilde und ständig wachsende Mischung aus altbewährten und taufrischen Superhits. Diesen Sommer neu in der Rotation: die 90er-Feeling-Befreiungshymne "I quit" von Haim (Vibe: Nicole Kidman, die anlässlich ihrer Scheidung von Tom Cruise auf offener Straße Freudensprünge macht), "NUEVAYol" von Bad Bunny (vom Salsa-Ballroom an den nächtlichen Karibikstrand, wo die Beats pumpen) und Cat Powers Version von "Like a Rolling Stone" (wegen Desillusionierung wegen allem).

Auf allen gängigen Plattformen

 

Lesen: "Märtyrer!" von Kaveh Akbar

Alle von der "New York Times" bis Barack Obama haben diesen Roman empfohlen - und das vollkommen zu Recht. "Märtyrer!" ist das Debüt des 1989 in Teheran geborenen Kaveh Akbar. Es geht um den traurigen und weltverlorenen 29-jährigen Polytoxikologen Cyrus Shams, dessen Slackerleben in Indiana durch die Marina-Abramović-hafte Performance einer todkranken Künstlerin verändert wird. Könnte furchtbar sein, macht beim Lesen aber genauso viel Spaß, wie es einen niederstreckt.

Rowohlt, 400 Seiten, 24 Euro

 

Schauen: Tanzfilme

Gib mir einen Tanzfilm, und ich schaue ihn. "Dirty Dancing", "Electric Ballroom" oder "Step Up", ganz egal. Die Ballett-Serie "Étoile", die in New York und Paris spielt, soll zwar nicht besonders gut sein, aber wenn Charlotte Gainsbourg und Luke Kirby (der Komiker Lenny Bruce aus "The Marvelous Mrs. Maisel") mitspielen, ist das perfekt für einen Sommerabend mit sonnenverbranntem Gehirn und kühlem Weißwein.

Amazon Prime Video

 

Bad Bunny beim Coachella-Festival 2023
Foto: dpa

Bad Bunny beim Coachella-Festival 2023