Monopol-Sommertipps

Was wir im Urlaub hören, lesen und schauen

Fotografie: Offenes Buch auf gestreiftem Strandtuch im Sand, Draufsicht.
Foto: Pexels

Die Hitze flirrt, der Kopf wird frei – und was gehört unbedingt dazu? Die Monopol-Redaktion und ihre Kolumnistinnen teilen ihre liebsten Begleiter für den Sommer

 

Lisa-Marie Berndt, Social-Media- und Online-Redakteurin

Lesen: "Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich" von David Foster Wallace

"Ich habe erwachsene US-Bürger gehört, erfolgreiche Geschäftsleute, die am Info-Counter wissen wollten, ob man beim Schnorcheln nass wird, ob das Tontaubenschießen im Freien stattfindet, ob die Crew mit an Bord schläft oder um welche Uhrzeit das Midnight-Buffet eröffnet wird." Mit diesem Satz ist eigentlich schon (fast) alles über David Foster Wallaces legendäre Kreuzfahrtreportage gesagt. Mitte der 1990er schickte ihn das "Harper’s Magazine" auf einen Luxusdampfer in die Karibik – vermutlich in der Hoffnung auf einen launigen Reisebericht. Zurück kam eine der klügsten und witzigsten Abrechnungen mit Massentourismus, Konsum und dem Zwang zur Dauerbespaßung, in der Wallace den Mikrokosmos Kreuzfahrtschiff mit wunderbarer Boshaftigkeit auseinandernimmt. Wer im Sommer tatsächlich eine Kreuzfahrt gebucht hat, sollte das Buch vielleicht lieber erst danach lesen. Allen anderen macht es den Urlaub noch ein bisschen vergnüglicher.

Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Hören: "Big Disgrace" von Haute & Freddy

Das Debütalbum "Big Disgrace" von Haute & Freddy klingt nach Synthie-Pop der 80er und irgendwie auch ein bisschen nach Zirkusmanege. Michelle Buzz und Lance Shipp haben früher Hits für Britney Spears, Katy Perry oder Kylie Minogue geschrieben; jetzt bauen sie lieber ihre eigene schräge Popwelt. Songs wie "Shy Girl" oder "Fashion Over Function" sind hymnisch, ironisch und so eingängig, dass selbst Lady Gaga sie schon auf TikTok gepusht hat.

Auf allen gängigen Plattformen

Schauen: "Kir Royal (Aus dem Leben eines Klatschreporters)"

Im Sommer strapaziert man das eigene Konto ja gerne mal ein bisschen über. Sowieso ist die Jahreszeit perfekt, um sich in ein anderes Leben hineinzuträumen – eines, in dem man lange Mittage auf der Terrasse verbringt, unzählige kühle Drinks bestellt, und in der Illusion schwelgt, dazuzugehören. Genau dieses Lebensgefühl fängt "Kir Royal" ein (und zerlegt es gleichzeitig genüsslich). Helmut Dietls Serie führt durch das München der 80er, vorbei an Luxushotels, Edelrestaurants und der Schickeria, in der jeder jeden kennt und jeder von jedem etwas will. Nach dem Tod von Mario Adorf läuft der Klassiker wieder in der ARD-Mediathek. Sein herrlich tragikomischer Kleberfabrikant Heinrich Haffenloher ist einer der vielen Gründe, warum diese Mediensatire bis heute so präzise und vergnüglich ist.

In der ARD-Mediathek
 

Foto: drei Erwachsene in Nahaufnahme; Frau links, zwei Männer, blicken in die Kamera.
© WDR

Mona (Senta Berger), Baby Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz) und Herbie (Dieter Hildebrandt) in Helmut Dietls "Kir Royal"

 

Elke Buhr, Chefredakteurin

Lesen: "Nachts ist es leise in Teheran" von Shida Bazyar

Im September erscheint "Die Lücken", der dritte Roman von Shida Bazyar, über die Geschichte eines fiktiven Dorfes im Hunsrück von der Nazi-Zeit bis in die Gegenwart – die Ankündigung klingt vielversprechend. Eine gute Gelegenheit, sich in den Wochen davor nochmal das hervorragende Debüt der 1988 in Hermeskeil geborenen Tochter iranischer Einwanderer vorzunehmen. "Nachts ist es leise in Teheran“ erzählt von jungen Menschen während der Iranischen Revolution, ihren Hoffnungen und der bitteren Enttäuschung und dem Exil, das folgt. In diesem Jahr in englischer Übersetzung auch für den Booker-Preis nominiert!

Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Hören: "Sein und Streit" von Deutschlandfunk Kultur

Warum nicht mal ein bisschen Philosophie aufs Ohr? Zum Beispiel den Podcast der hervorragenden Sendung "Sein und Streit" von Deutschlandfunk Kultur. Gerade hat dort beispielsweise René Aguigah mit dem indischen Philosophen und Historiker Dipesh Chakrabarty, Autor des einflussreichen Buches "Europa als Provinz", über das postkoloniale Europa und die ökologische Krise gesprochen. Den Podcast kann man auch in der englischen Fassung hören und spart sich so das Voice Over.

Auf Deutschlandfunk Kultur und allen gängigen Plattformen

Schauen: WM

Ja, ich weiß, Boykott und so, aber das Finale der WM – höchstwahrscheinlich ohne deutsche Beteiligung – wird definitiv geschaut.

Zum Beispiel im ZDF
 

Foto: Fußball-Länderspiel Ecuador–Deutschland, Zweikampf um den Ball vor großem Publikum.
Foto: Federico Gambarini/dpa

Maximilian Beier und Pervis Estupinan kämpfen beim Vorrundenspiel Deutschland gegen Ecuador um den Ball

 

Laura Ewert, Kolumnistin

Lesen: "Liebe" von Thomas Hettche und "Deconstructing the Kardashians" von MJ Corey

Der Sommer ist zum Lesen da, wofür denn sonst. Deswegen zwei vollkommen gegensätzliche Buchempfehlungen. Einmal Thomas Hettches "Liebe". Denn das Leben ist zum Lieben da, wofür denn sonst. Hettche beschreibt eine Liebe im Alter, findet schöne Bilder fürs Sehen und Gesehenwerden und schafft mit diesem sogenannten Pageturner kein Gefühl von Mangel, sondern streichelt seine Leserinnen und Leser – wie jemand, der lieben kann. Hat mit Liebe wiederum nichts zu tun: "Deconstructing the Kardashians: A New Media Manifesto" von MJ Corey. Die hat McLuhan, Debord, Benjamin und Baudrillard gelesen um die berühmte Familie zu erklären. Kein Pageturner, aber ein Muss um das aktuelle Medienzeitalter zu verstehen.

Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch und Pantheon
 

Foto: Zwei Personen mit Sonnenbrillen steigen von einem Motorboot; sommerliche Freizeitkleidung.
Foto: David Davies/PA Wire/dpa

Kim Kardashian und Begleitung Anfang Juni in Monaco

 

Sebastian Frenzel, Stellvertretender Chefredakteur

Lesen: "Yesteryear" von Caro Claire Burke

Natalie lebt das Ideal der Tradwife: Zusammen mit ihrem Mann betreibt sie eine Farm irgendwo im US-amerikanischen Westen, ihr Bündel Kinder wird im Homeschooling auf Bibeltreue und Homofeindlichkeit getrimmt, ihr Sauerteigansatz ist perfekt und ihre Abneigung gegen Wokeness aufrichtig – und sie vermarktet dies alles erfolgreich als Influencerin. Doch dann wacht sie eines Tages tatsächlich in jener vormodernen Epoche ihrer Sehnsüchte auf und der Traum von Countrylife entpuppt sich als Albtraum. Caro Claire Burkes Debütroman "Yesteryear" ist ein höchstamüsantes und zugleich messerscharfes Psychogramm der US-Gegenwartskultur, eine Abrechnung mit zivilisationsmüdem Ennui, digitalen Selbstinszenierungen und den Widersprüchen, in denen wir alle verstrickt sind.

Erschienen bei Heyne

Schauen: "Schwesterherz" von Sarah Miro Fischer

Sam und Rose lieben sich wie Geschwister und vielleicht ein bisschen mehr. Doch die enge Vertrautheit der beiden gerät ins Wanken, als eine Frau Sam beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben. Das Spielfilmdebüt "Schwesterherz" von Sarah Miro Fischer ist ein langsam erzähltes, unbequemes Drama über die Grenzen der Liebe und moralische Verantwortung, Täterbilder und feministische Solidarität.

Auf Mubi

Hören: "Eyes Full" von Zoh Amba

Ungezähmter und in schöner Schieflage melodischer Folk – "Eyes Full" der jungen US-Musikerin Zoh Amba ist der perfekte Soundtrack, um auf der Fahrt zum See die Gedanken schon mal in die Weite schweifen zu lassen.

Auf allen gängigen Plattformen
 

 

Jens Hinrichsen, Redakteur

Hören: 4. Sinfonie von Gustav Mahler

Wer im Sommer keine Zeit findet, eine große Sinfonie zu schreiben, kann wenigstens eine hören. Für die Jahreszeit empfiehlt sich Gustav Mahlers 4. Sinfonie, die er in den Sommermonaten der Jahre 1899 und 1900 schrieb; eine Musik, die ohne das Pathos anderer Mahler-Werke auskommt. Mit der Dialektik von heiteren und verstörenden Passagen muss man als Hörer allerdings zurechtkommen. Von pastoraler Helligkeit und ironischen Eintrübungen ist auch der Finalsatz geprägt, in dem eine Sopranstimme vom "himmlischen Leben" singt, für das man das "irdische meiden" muss. An guten Aufnahmen mangelt es nicht, die brillante, als CD leider nur noch gebraucht erhältliche Einspielung mit den Wiener Philharmonikern, dem Dirigenten Lorin Maazel und der Sopranistin Kathleen Battle ist bei Youtube zu hören.

Erschienen bei Sony Music

Lesen: "Pi mal Daumen" von Alina Bronsky

In ihrem neunten Roman erzählt Alina Bronsky von Oscar, einem mathematisch hochbegabten Adelsspross, und Moni, die sich als dreifache Großmutter ihren Traum von einem Mathe-Studium erfüllt. Bald wird klar, dass sich die beiden Erstsemester wunderbar ergänzen. Für den 16-Jährigen sind Analysis und Stochastik ein Kinderspiel, während der Teenie in fast allen anderen Lebensbereichen auf Moni angewiesen ist – wie sich bald herausstellt. Ein kriminalistisch anmutendes Rätsel stellt sich im Verlauf des Romans zusätzlich: Warum kann Oscars reife Komilitonin so gut mit der Mathe-Koryphäe Daniel Johannsen? Welche Vergangenheit teilen Moni und der preisgekrönte Prof? Die Autorin verfolgt weder ein pädagogisches Programm noch zielt sie aufs fantastische Held:innen-Epos. Aus dem leicht autistischen Knaben wird kaum ein hypersoziales Wesen, die lebenskluge Oma avanciert nicht zur Spitzenforscherin. Was aber macht das Leben lebenswert? Freundinnen und Freunde, mit denen wir rechnen können – so das Credo dieser perfekten Strandlektüre.

Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Schauen: "Nouvelle Vague" von Richard Linklater

Paris, im Sommer 1959: Der 28-jährige Jean-Luc Godard (Guillaume Marbeck) hat als Einziger in seinem Freundeskreis noch keinen eigenen Film gedreht. Mit einem verrückten Team, einem amerikanischen Filmstar (Zoey Deutch als Jean Seberg), unter abenteuerlichen Umständen und trotz schmalem Budget gelingt Godard schließlich mit "À bout de souffle" ("Außer Atem") ein Konventionen sprengendes Meisterwerk. In "Nouvelle Vague" erzählt Richard Linklater – in flackrigen, pseudo-historischen Schwarz-Weiß-Bildern – von der Entstehung des Filmklassikers. Der US-Regisseur ("Before Sunrise", "Blue Moon") erweckt eine Generation junger Wilder zu neuem Leben: eine Clique mit Chuzpe, mutig, angetrieben vom Willen, alles unbedingt anders zu machen.

Auf Blu-ray und DVD
 

Schwarzweißfoto in Bar: Frau mit Kurzhaarschnitt, Mann im Anzug mit Sonnenbrille raucht; Cocktails
Foto: Jean-Louis Fernandez/Plaion Pictures/dpa

Jean-Luc Godard (Guilaume Marbeck) weiht Jean Seberg (Zoey Deutsch) zum ersten Mal in seine große Vision ein

 

Silke Hohmann, Redakteurin

Hören: "Ein Stück Wirklichkeit" von Helmuth & Smuv

Wer zum Beispiel familienbedingt viel Deutschrap hören muss, könnte sich mal mit Helmuth beschäftigen. Seine Zeilen sind sanft aber sharp, und die Samples, die er verwendet, stets mit Geschmack gewählt. Ansonsten immer noch Angine de Poitrine, Vol. 1 und 2.

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Lesen: "The New Yorker"

Ich werde alle Ausgaben des "New Yorker" lesen, die ich in den letzten Monaten aufgehoben habe. Nirgendwo sonst, abgesehen natürlich von Monopol, macht Print-Journalismus so viel Spaß. Wo sonst lernen Sie auf mehr als 20 Seiten etwas über die Geschichte des Labradoodels oder bekommen Anthropics Claude Design kritisch erklärt? Auf Papier am besten.

Zum Abo

Schauen: "Legends"

London und Liverpool, Anfang der 1990er-Jahre. Zollfahnder werden unter dem Radar damit beauftragt, die Heroin-Epidemie zu stoppen, und schlagen sich gegen jede Chance mit den Schmuggler-Kartellen herum. Steve Coogan und Tom Burke spielen toll die kaputten und starken Charaktere, auch die Musikauswahl spiegelt die kalte Melancholie einer ganzen Ära.

Auf Netflix
 

Szenenbild: Mann im Anzug rennt nachts vor beleuchtetem Marktstand, starke Bewegungsunschärfe.
© Netflix

Tom Burke in "Legends"

 

Oliver Koerner von Gustorf, Kolumnist

Lesen: "Dieser Drang nach Härte: Über den neuen Faschismus" von Eva von Redecker und "Steps Towards a Small Theory of the Visible" von John Berger

Unbedingte Empfehlungen: zwei Bücher von Eva von Redecker, die irgendwie zusammengehören. Das schon etwas ältere "Bleibefreiheit" (2023), in dem die deutsche Philosophin einen neuen Freiheitsbegriff vorschlägt. Und: "Dieser Drang nach Härte: Über den neuen Faschismus" (2026), eine Faschismus-Analyse, die den Begriff an entfesseltes Eigentumsdenken, an realen und imaginierten Besitz (sogenannten "Phantombesitz"), koppelt. Spoiler: Auch deine Frau, deine Nation oder Grönland können Phantombesitz sein. Dann, für die Seele: "Steps Towards a Small Theory of the Visible". Es vereint Essays des Kunstkritikers, Künstlers und Literaten John Berger (1926-2017). Immer wenn ich Kummer habe, baut mich seine Stimme auf. Auf dem Cover steht ein Zitat: "We live in a spectacle of empty clothes and unworn masks." So etwas Poetisches und Präzises muss man erst mal hinschreiben.

Erschienen bei S. Fischer und Penguin

Schauen: "Widow’s Bay"

"Widow’s Bay" ist so, als würde man Stephen King mit Franz Kafka und klassischer Workspace-Comedy pürieren. Kein Wunder, wurde die Serie doch von Katie Dippold, der Autorin und Produzentin von "Parks and Recreation", geschrieben. Eine idyllische, aber verfluchte Insel vor der Küste Neuenglands, okkulte Schandtaten der Pilgerväter, ein melancholischer, trauernder Bürgermeister (grandios: Matthew Rhys), der trotz Horrorclowns und Monstern den Tourismus anlocken will. Der ganze Kanon wird bedient, von "Halloween" bis "Shining". Deswegen müssen auch alle Eigenbrötler und Freaks schön zusammenrücken und sich helfen. Aber es ist die Komik der absoluten Verzweiflung, die diese Serie so fantastisch macht. Und ihre fundamentale Botschaft, die sich die älteste Mitbürgerin von Widow’s Bay als Stickerei – Zitat von Tennessee Williams – in ihr Wohnzimmer hängt: "We live in a perpetually burning building, and what we must save from it, all the time, is love."

Auf Apple TV

Hören: "Radio" von Blumengarten

Alles ist scheiße, zu heiß, zu rechts, zu hart. Ich bin pleite. Und es ist Sommer. Zum Glück gibt es Blumengarten. Überall singen gerade die Kinder: "Du bist gut genuuuug." Jungs kloppen sich im Bus, machen Moves, singen sich mit Falsettstimme ins Ohr: "Guuuuut genug". Neunjährige Mädchen performen auf dem Bahnsteig mit Choreo und finden sich voll gut genug. Das ist so toll, wo Merz allen sagt, dass sie es nicht sind. Ich weiß, seit Erscheinen der Single von KitschKrieg, Shirin David und Blumengarten gibt es Skandale, nicht geklärte Gewaltvorwürfe, endlose Memes. Doch für mich ist Blumengarten gerade gut genug. Auch weil der eigentliche Hit die Kinder-Fans sind. Außerdem will ich bei diesen Songs und den tollen Lyrics, wie auch auf dem gerade erschienenen Album "Radio", noch mal 17 sein, kiffen und Pommes im Schwimmbad essen, mit dem heimlichen Schwarm auf dem Gepäckträger von Mofas rumdüsen, das Herz gebrochen kriegen: "2012, Nostalgia, Ultra in dein’ Zimmer/Und ich glaub’, ich liebe dich für immer."

Auf allen gängigen Plattformen
 

 

Daniel Völzke, Leitung Online

Lesen: "Tante Julia und der Schreibkünstler"

Wenn wir uns an den im letzten Jahr verstorbenen Mario Vargas Llosa erinnern, dann am liebsten an den jungen linksliberalen Spinner und nicht an den etwas grimmigen Unterstützer von Rechtspopulisten, der er zuletzt war. 1977 schrieb der spätere Literaturnobelpreisträger den Roman "La tía Julia y el escribidor", der 2011 unter den Titel "Tante Julia und der Schreibkünstler" in einer großartigen Neuübersetzung auf Deutsch erschienen ist. Das Buch erzählt von Marito, einem jungen Radioredakteur in Lima, der davon träumt, Schriftsteller zu werden und sich in seine geschiedene (und nicht blutsverwandte) Tante Julia verliebt, und von einem exzentrischen Hörspielautor, dessen immer verrückter werdende Geschichten die Handlung spiegeln und kontrastieren. Die Figuren lassen sich treiben, das Leben ist eine Fiktion, ein Spiel, bei dem man nur gewinnen kann. 

Erschienen bei Suhrkamp

Hören: Yohenkwart

Ich gehe nicht mehr viel aus, aber wenn Yohenkwart auflegt, halte ich mich wach. Der in Köln lebende spanisch-deutsche DJ und Produzent mixt Reggaetonklassiker mit Cumbia und anderer lateinamerikanischer Musik sowie mit eigenen Tracks. Es ist auch ein großer Spaß, sich die Sets auf Youtube anzuschauen, nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen der herzlichen Art des DJs und der Crowd aus Perreo tanzenden Selbstdarstellern. Im Juli tourt er noch einmal durch Clubs in Deutschland.

Auf allen gängigen Plattformen und bald vielleicht in deiner Stadt

Schauen: "The Drama"

Drama oder Komödie? Gute Kunst ist beides gleichzeitig – so auch "The Drama" von Kristoffer Borgli. Der Film handelt von der Buchhändlerin Emma (Zendaya) und dem Kurator Charlie (Robert Pattinson), einem hippen Paar kurz vor der Hochzeit, das bei einem Abend mit Freunden spielerisch die jeweils schlimmste Tat des Lebens enthüllt. Emmas Geständnis bringt Charlies Bild von ihr ins Wanken und löst eine Kettenreaktion aus, die die Hochzeitsvorbereitungen und ihre Beziehung total aus der Bahn haut. Aus der anfänglichen RomCom wird so tatsächlich ein Psychodrama mit einer tollen Botschaft: Man muss sich und anderen verzeihen und neu anfangen können. 

Läuft noch in einigen Kinos und Freilichtkinos
 

Fotografie: Person im Café am Fenster, liest; neutraler Blick zur Kamera; Tasse auf Tresen.
Foto: Leonine/dpa

Zendaya als Emma in einer Szene des Films "The Drama"

 

Anne Waak, Kolumnistin

Schauen: "The Audacity"

Ein Psychotherapeutenpaar im Silicon Valley mit Geldproblemen, zu dessen Klientenstamm ein paar Tech-Milliardäre mit Allmachtsfantasien gehören, dazu die haltlosen Teenager dieser Menschen und ein Golfkriegsveteran mit besten Absichten. Was kann da schon schiefgehen? Hinter der Serie "The Audacity" steht der Autor und Produzent Jonathan Glatzer ("Succession", "Better Call Saul"). Ganz so zwingend wie dessen Vorgängerprojekte ist die Satire zwar nicht, aber sie schaut sich sehr gut weg. Die zweite Staffel ist bereits angekündigt.

Auf Prime Video

Hören: "Flor2K – Nada Se Compara al Perreo" von Rosa Perreo

In den kommenden Wochen werde ich ein- bis dreimal am Tag "Flor2K – Nada Se Compara al Perreo" von Rosa Perreo hören und kann das nur empfehlen. Selten wurden zwei so widerstreitende Stücke Musik zusammengezwungen, um gemeinsam so viel Sinn zu ergeben. Die Gesangsspur stammt von Sinéad O'Connors todtraurigem "Nothing Compares 2 U", der Rest klingt wie ein brasilianischer Karnevalsumzug – inklusive Nebelhörnern und euphorischer Abfahrt. Aber weil ein irrwitziger Track allein noch keinen Sommer macht, höre ich die kürzlich erschienene, ungekürzte Hörbuch-Fassung von Thomas Pynchons "Vineland". Mit 16 Stunden Länge sollte das genug Easy-Listening-Material sein für bewegungslose Tage am Wasser. 

Rosa Perreo exklusiv auf Bandcamp, "Vineland" zum Beispiel bei Spotify

Lesen: "Pool House" von Mary H. K. Choi

Was für "Pool House" von Mary H. K. Choi als Sommerlektüre spricht: Das sowieso schon unterhaltsame Personal (eine Tochter, die nichts lieber will, als dem Klammergriff ihrer Gen-X-Mutter, einer erfolglosen Schauspielerin, zu entkommen) zieht gemeinsam in die titelgebende gläserne Hütte im eigenen Garten (Hitzemetapher!), um von den Mieteinnahmen für das eigentliche Haus zu leben. Nach dem Suizid des Liebhabers der Mutter taucht deren ehemaliger Fernsehsohn und Jugendschwarm der Tochter zur Beerdigung auf (Oh, boy) und stürzt das ganze Konstrukt vollends ins Chaos. Das Cover des Romans erfrischt schon beim Anblick.

Erschienen bei Orion Publishing Group