Mitten in einem Waldsee in Brandenburg schwimmt ein Kunstwerk von Michel de Broin. Wer es sehen will, muss selbst ins Wasser – und taucht nebenbei in die Geschichte eines spektakulären Gründerzeit-Betrugs ein
Wünsdorf hat einen Bahnhof, eine Bäckerei (die gleichzeitig eine Metzgerei ist), einen Kiefernwald und ein altes Lenin-Denkmal. Und wenn man sich in Wünsdorf ein Stück Kuchen kauft, dann mit dem Fahrrad zwölf Kilometer Richtung Mittenwalde radelt, anschließend im Wald zehn Minuten zu Fuß geht, dann hat dieser Ort im Süden Brandenburgs auch etwas, was andere nicht haben: Eine Wasserausstellung.
Ein silberner Diamant liegt auf der Oberfläche des Waldsees Kohlengrube. Er dreht sich im Wind, wirft Spiegelungen auf die Baumwipfel, vervielfältigt die dem Wasser eigene Spiegelung, wirft die Sonne in blendenden Blitzen zurück ans Ufer. "Treasure" heißt die Arbeit des kanadischen Künstlers Michel de Broin. Und dieser "Schatz" befindet sich in einem Ausstellungsraum ohne Wände, Decken oder Boden. Er schwimmt. Und schwimmen muss auch das Publikum.
Der Weg zur Skulptur ist wohl das, was man unter immersiv versteht, aber statt in Technologie taucht man hier in die Elemente ein. Hohe Bäume umgeben den See. Abgesehen vom obligatorischen Vogelzwitschern ist es ruhig und fast windstill. In Nischen am Ufer dösen einige wenige Badegäste. Ein Fisch durchbricht die Wasseroberfläche mit einem Glucksen, dann verschwindet er wieder in der Tiefe.
True Crime am Waldsee
Man muss den See noch ein wenig umrunden, bevor man das Blitzen der Spiegelflächen durch das Gebüsch schimmern sieht und "Treasure" entdeckt. Vorsichtiges Waten, zwei Dutzend kräftige Schwimmzüge und nach der humiden Immersion steht man endlich vor dem Werk. Das heißt, man schwebt oder schwimmt eher, denn Stehen kann man bei etwa 15 Meter Wassertiefe natürlich nicht mehr.
Für Initiator Vlado Velkov ist die Wasserausstellung kein Sprung ins kalte Wasser mehr. Bereits seit neun Jahren organisiert er verschiedene Wasserausstellungen im Rahmen eines Ausstellungsformates mit dem passenden Titel "Odysee". Mit der Kuratorin Britta Peters inszenierte er "Treasure" schon 2021 für "Ruhr Ding: Klima" im Silbersee 2. Doch die stählerne Schwimmskulptur passt auch gut nach Brandenburg. Denn nicht nur der Weg zur Skulptur, auch die Geschichte des neuen Ausstellungsortes ist ungewöhnlich.
Der Waldsee ist eine ehemalige, geflutete Kohlengrube. Wobei man vielleicht eher von einer ehemaligen angeblichen Kohlengrube sprechen sollte. Was heute nach idyllischer märkischer Landschaft aussieht, war ursprünglich der Tatort eines spektakulären Gründerzeit-Betruges: Unter dem klangvollen Namen "Jacobsfreude" versprach die Gesellschaft "Cons. Braunkohlenwerke Berlin" um 1880 gewinnbringenden Kohleabbau für alle, die sich das Aktionärstum leisten könnten.
Ein Sandkorn für den Silbersee
Völlig verschwiegen wurde besagten Aktionären dabei lediglich, dass die Grundwassersituation in Waldeck als unbeherrschbar galt. Und auch die Menge an tatsächlich geförderter Kohle war verschwindend gering. Zur Besichtigung durch die Aktionäre wurde deswegen einfach Kohle aus anderen Revieren zur "Jacobsfreude" gebracht. Lange konnte der Schwindel nicht gut gehen: 1893 wurde die Grube, die keine war, stillgelegt, geflutet und kurz darauf der Prozess gegen die Grubenbetreiber eröffnet. Über 130 Jahre später ist jetzt ein neuer Verwendungszweck für die "Jacobsfreude" in Sicht: Aus den Überresten des ehemaligen Zechenhauses soll bald ein Kulturzentrum entstehen, die Wasserausstellung stimmt darauf ein.
Man könnte also sagen: Die Kohle ist weg und war gleichzeitig nie da, aber der See ist geblieben und auf dem See liegt jetzt ein Schatz. Eigentlich ist der Schatz auch kein Diamant. Da Michel de Broin die Skulptur ursprünglich fürs Ruhrgebiet schuf, orientierte er sich an einem Sandkorn aus dem Silbersee 2. Eine mikroskopische Vergrößerung um 1000:1 wurde zur Vorlage des spiegelnden Monolithen, die komplexe Geometrie des Sandkorns übersetzt in miteinander unsichtbar verschweißte polierte Edelstahlplatten.
Am Waldsee bekommt "Treasure" nun eine neue Ortsspezifik. Wie auf dem Wasser schwebend, erfüllt die Skulptur den Ort mit einer Transzendenz, wie sie die Aktionäre in Hoffnung auf Ruhm und Reichtum an diesem Ort einst gespürt haben könnten. Ständig neue Spiegelungen abbildend changiert "Treasure" zwischen diamantenförmigem Schatz im Sonnenlicht und fast unsichtbarem Teil der umgebenden Natur. So wirkt er mal außerirdisch fehl am Platz und mal, als würde er mit seiner Umgebung verschmelzen.
Eine Auseinandersetzung mit den Elementen
Der vermeintliche Diamant nimmt damit die Geschichte der Umgebung auf und spiegelt dieselbe gleichzeitig mehrfach wider, manchmal auch discokugelähnlich zu allen Uferseiten. Denn auch wenn es in der Kunstwelt selten möglich ist: Die Skulptur im Waldsee darf berührt werden. Sogar angeschubst, wenn man möchte. Auch als Betrachterin spiegelt man sich. Man schaut sich beim Schauen zu, beim Schwimmen um das Werk herum und auch beim Versuch, eine möglichst entspannte Schwebeposition zur Werkbetrachtung im Wasser einzunehmen.
Über dünne opake Kalkränder lässt sich der Wasserstand der letzten Wochen ablesen, einzelne getrocknete Regentropfen hinterlassen unregelmäßige Muster an den Edelstahlplatten. Die Auseinandersetzung mit Wasser gehört zum Werk, aber auch zu dessen Betrachtung. Wenn man nach der Reise durch Berlins Hitzewellen ins kühle Wasser des Waldsees taucht und den Monolithen das erste Mal aufgeregt berührt, dann fühlt sich das Konzept Wasserausstellung unverhandelbar richtig an.