Palästina-Gruppenschau in Antwerpen

Salon des Refusés 2.0

Eine Gruppenschau in Antwerpen vereint 15 Künstler, von denen mehrere nach dem 7. Oktober 2023 von Ausladungen oder abgesagten Ausstellungen betroffen waren. Ihre Arbeiten zur Geschichte Palästinas übersetzen Zurückweisung in Ausdauer und künstlerische Praxis

"Salon des Refusés", Salon der Zurückgewiesenen. So hieß die Schau, in der am 15. Mai 1863 im Pariser Palais de l’Industrie erstmals Künstler wie Édouard Manet, Camille Pissarro, Paul Cézanne und Johan Barthold Jongkind ihre Werke einem größeren Publikum präsentieren konnten. Trotz des Titels war das keine Kunstrevolution. Kaiser Napoleon III. wollte damit nur den Zorn derjenigen Künstler besänftigen, deren Werke die Jury des offiziellen Kunstsalons zurückgewiesen hatte. Dennoch avancierte der Titel zum geflügelten Wort: zum Synonym des Protests gegen den etablierten Mainstream im Kunstbetrieb.

Den Kanon verändern sollen nun die 15 Künstlerinnen und Künstler, deren Arbeiten aktuell die Antwerpener Gruppenausstellung "we refuse_d" zeigt. Den Titel der berühmten Schau zitierend, knüpft sie auch inhaltlich an die damalige Geste an: verweigerte Reputation zurückzugewinnen und marginalisierte Stimmen sichtbar zu machen. Die Schau im Museum van Hedendaagse Kunst (M HKA), so beiläufig sie auch daherkommt, ist eine Kampfansage an ein ominöses politisches Prinzip, das in Deutschland den Namen "Staatsräson" trägt: Denn viele der gezeigten Positionen gerieten öffentlich in das Fadenkreuz des weltweiten Streits um Antisemitismus im Kulturbetrieb nach der Documenta 15 und dem 7. Oktober 2023.

Vereint nach Absagen

Ein Auftritt der palästinensischen Filmemacherin Emily Jacir in einem Workshop der Potsdamer Universität im Berliner Hamburger Bahnhof wurde im Oktober 2023 abgesagt, nachdem die Künstlerin auf ihrem Instagram-Account das Schweigen über Israels Angriffe auf Palästinenser thematisiert hatte. Aus demselben Grund wurde eine Retrospektive der US-palästinensischen Malerin und Digital-Art-Pionierin Samia Halaby im Eskenazi Museum of Art der Indiana University gestrichen. 

Neben zwölf anderen Künstlerinnen und Künstlern sind sie nun in dieser Ausstellung vereint, deren Präsentation in einem deutschen Museum vermutlich einen Polizeieinsatz nach sich zöge. In Antwerpen – mit über 170 Nationalitäten laut M HKA-Direktor Nav Haq die multikulturellste Stadt Europas – wurde sie Mitte März ohne Kontroversen eröffnet. Obwohl die Stadt mit einer der größten jüdischen Gemeinschaften in Europa oft als "Jerusalem des Nordens" bezeichnet wird.

Das ist bemerkenswert. Denn die Schau ist eine Demonstration der Kompromisslosigkeit. Das zeigt sich daran, dass für ihre Macherinnen und Macher das Wort "Genozid" kein umstrittener, sondern ein gesetzter Begriff ist. Sie markiert auch ein Schisma, das die globale Kunstwelt noch lange beschäftigen dürfte. Es liegt ein Hauch von Sezession in der Luft, wenn Kurator Vasıf Kortun die Beweggründe für die Schau mit dem Satz begründet, dass sie "dem Westen als Kategorie nichts zu verdanken hat". 

Kuration mit Rückgrat

Das Projekt ist ernst zu nehmen, denn die beiden Kuratoren sind keine fanatischen Hamas-Anhänger, sondern intellektuelle Schwergewichte: Kortun, langjähriger Forschungsdirektor des interdisziplinären Istanbuler Kunstzentrums Salt gilt als der Matador des türkischen Kunstwunders der 2000er-Jahre. Die Kunsthistorikerin und Ägyptenexpertin Nadia Radwan steht dem Visual Art Departments an der Genfer Hochschule für Kunst und Design vor.

Die erste Station der Schau war im vergangenen Jahr in Katar. Fraglich ist, ob das Arabische Museum für Moderne Kunst (Mathaf) in Doha der passende Kontext für eine Schau zur Ehrenrettung der Freiheit der Kunst ist. Dort wirken Kortun und Radwan als künstlerische Berater. Trotz des massiven Investments des autoritär regierten Emirats in Kunst und Kultur steht Katar wegen seiner langjährigen Beziehungen zur Hamas immer wieder in der Kritik und gilt kaum als Schutzheiliger der Kunstfreiheit.

 

Jumana Manna "Your Time Passes And Mine Has No Ends", 2025, Ausstellungsansicht, Mathaf: Arab Museum of Modern Art, Doha, 2025

Jumana Manna "Your Time Passes And Mine Has No Ends", 2025, Ausstellungsansicht, Mathaf: Arab Museum of Modern Art, Doha, 2025

Seit dem massiven juristischen und polizeilichen Vorgehen gegen fast jede Kritik an der israelischen Politik und den Solidaritätsbekundungen für die palästinensische Sache muss sich jedoch auch Deutschland nach dem Rang dieses Wertes fragen lassen. Gerade hatte Michael O’Flaherty, der Menschenrechtskommissar des Europarats, der Bundesrepublik mit Blick auf den Umgang mit den Gaza-Protesten eine "schrumpfende Freiheit" für die Zivilgesellschaft attestiert.

Kalkulierte Einseitigkeit

Dass die Kuratoren Radwan und Kortun keine Position außerhalb der Region in ihre Schau aufnehmen, schmälert die Allgemeingültigkeit ihres "Refuse"-Begriffs. Und sie laufen Gefahr, die beteiligten Künstlerinnen und Künstler in ein Dissidenten-Ghetto zu sperren. Trotz der kalkulierten Einseitigkeit hat sich ihr Versuch aber gelohnt. Denn das Hauptkennzeichen der Ausstellung ist das Fehlen jeglicher agitatorischer Requisiten im Kontext von Palästina und Gaza; vielmehr sind Formstrenge, Minimalismus, Stille und historische Tiefe ihre prägenden Merkmale.

In seiner während des Gaza-Kriegs entstandenen Serie aus Kreidezeichnungen, "Homeless Colors", scheint sich Taysir Batniji geradezu in das Schneckenhaus einer chromatischen Gegenwelt zurückzuziehen. Selbst Jumana Mannas Installation "Your Time Passes And Mine Has No Ends", in der sie Zitate palästinensischer Gefangener auf handgefertigte Banner für traditionelle Feiern platziert, wirken wie sorgsam präparierte Artefakte kulturellen Erbes.   

Naturgemäß kreisen viele Arbeiten um die Themen Widerstand gegen Zerstörung, Verlust und Erinnerung. In ihrem Film "Bayyaratina (Our Orange Grove)" läßt Suha Shoman in einer Mischung aus persönlichem Zeugnis, Archivmaterial und aktuellen Bildern die Erinnerung an den Orangenhain wieder aufleben, den ihr Großvater 1929 in Beit Hanun im nördlichen Gaza angelegt hatte. Im Februar 2002, nach dem Beginn der zweiten Intifada, fiel die Pflanzung den Aktionen der israelischen Armee zum Opfer.

Künstlerische Autonomie

Bemerkenswert ist, wie vielen Künstlerinnen und Künstlern in der Ausstellung es gelingt, die politisch explosiven Fragen in eine eigenständige künstlerische Form zu überführen. Samia Halaby, die 1936 in Jerusalem geborene Pionierin der "Arabischen Abstraktion", die seit den 1970er-Jahren in New York lebt und von Hawai bis Yale lange Professuren an US-Universitäten bekleidete, verbindet russische Avantgarde und islamische Geometrie. Ihre magisch leuchtenden Farbfelder stehen auf Augenhöhe mit der westlichen Nachkriegsabstraktion. Deswegen hängen sie auch im New Yorker MoMA. Werden sie künstlerisch weniger wertvoll, weil diese einzigartigen Zeugnisse der Verbindung abstrakter Formensprache mit politisch-sozialem Engagement Titel wie "Worldwide Intifadah" oder "Our Beautiful Land Stolen In The Night Of History" tragen? Gerade ihr Beispiel macht klar, wie unerlässlich die Trennung von Werk und Autorin ist.
 

Barış Doğrusöz "Interstices, A dizzying array of combinations", 2025
Foto: Christine Clinckx

Barış Doğrusöz "Interstices, A dizzying array of combinations", 2025

Die Überführung geopolitischer Konflikte in eine abstrakte Formensprache gelingt dem Künstler Barış Doğrusöz auf beeindruckende Weise. In seiner Objektserie "Interstices (A dizzy array of combinations)" verwandelt der türkische Filmemacher, der heute in Beirut lebt, "pillboxes", militärische Betonbunker, wie sie an allen sensiblen Straßen, Brücken, Grenzen und umkämpften Gebieten zu finden sind und niemals geschlossen werden, in dreidimensionale, anthrazitfarbene Gitter: Schattenspiel geometrischer Vektoren und visuelles Lexikon einer globalen Kriegsarchitektur.

Visionen für die Zukunft

Die Ausstellung verfällt damit nicht in eine Prä-Nakba-Nostalgie oder beschwört einen Opfermythos. Das zeigt auch der Beitrag von "DAAR – Decolonizing Architecture Art Research". Das von Sandi Hilal, Alessandro Petti und Eyal Weizmann gegründete Kollektiv beschäftigt sich mit der Umnutzung kolonialer Architektur: Siedlungen, Militärstützpunkten und verlassenen Dörfer, vorwiegend in Palästina. Zu ihren Projekten zählt mit "Refugee Heritage" nicht nur ein Versuch, die Frage zu beantworten, was kulturelles Erbe unter den Bedingungen von ewigem Krieg, Flucht und Vertreibung bedeuten könnte: Schutt zerstörter Häuser und Ortschaften zum Beispiel. Mit "Campus on Camps" haben sie eine experimentelle Bildungsplattform initiiert, die von Flüchtlingsgemeinschaften in Eigenregie betrieben wird und deren originäre Expertise nutzt.

Wenn eine der Fakultäten dieser Akademien "Vision" heißt, wird deutlich, dass es um positive Ideen für die Zukunft geht. Die Flüchtlingslager sollen sich von passiven Empfängern humanitärer Hilfe in selbstorganisierte Orte von Gemeinschaft und Wissensproduktion verwandeln. Die Idee dahinter gleicht der des Pariser "Salon des Refusés": Dem sozialen Ausschluss selbstbewusst die eigenen Potenziale entgegenstellen.