Kollaboration mit WeTransfer

Achtsames Downloaden mit Marina Abramović

Meditieren beim Datentransport: Die Künstlerin Marina Abramović hat für den File-Hosting-Dienst WeTransfer eine digitale Ausstellung kuratiert und will Usern weltweit ihre "Abramović Method" für mehr Achtsamkeit nahebringen

Bei aller Nützlichkeit im digitalen Alltag: Man sollte das Stresspotenzial des Datei-Verschickdienstes WeTransfer nicht unterschätzen. Der Upload kann ewig dauern, nach dem Herunterladen verschwinden die Inhalte zuweilen irgendwo auf dem unaufgeräumten Computer, und durch die zeitliche Begrenzung der Bereitstellung ist eine neue, etwas unangenehme soziale Herausforderung entstanden: Das Eingeständnis, dass man das Bearbeiten von Dateien vor sich hergeschoben hat und nun der WeTransfer-Link abgelaufen ist.

Ob Marina Abramović speziell diesem digitalen Nervenzehren entgegenwirken will, ist bisher nicht überliefert. Doch in jedem Fall hat der Filehosting-Dienst nun eine einjährige Kooperation mit der Performance-Künstlerin bekanntgegeben. Für die Kultur-Plattform WePresent, die unter anderem Inhalte während des Downloads von Dateien ausspielt, hat Abramović zunächst fünf Künstlerinnen und Künstler ausgesucht, die sich und ihre performativen Werke ab sofort auf diesem digitalen Wege vorstellen.

Die Auserwählten, die von WeTransfer als "rising artists" vorgestellt werden, sind in der Kunst keine Unbekannten mehr. Der Kanadier Terence Koh wurde in den Nuller-Jahren als neuer Andy Warhol gehandelt und verzückte die Kulturwelt mit seiner Gratwanderung zwischen Dandytum und mönchischer Askese. Inzwischen lebt Koh zurückgezogen und baut Bienenkathedralen, die an einen achtsamen Umgang mit der Natur erinnern sollen. Regina José Galindo aus Guatemala hatte 2017 auf der Documenta 14 in Athen und Kassel einen großen Auftritt. In ihrer Kunst geht es oft um den weiblichen Körper, der Gewalt ausgesetzt ist. In Kassel war unter anderem ein Video zu sehen, in dem Galindo vor einem Panzer flieht. Ana Prvački, die wie Marina Abramović aus Serbien kommt, vermischt Performance-Kunst mit Comedy und der Ästhetik von Tutorials. Das Magazin "Wallpaper" nannte ihre Arbeit eine Mischung aus Abramović und der Fernsehköchin Martha Stewart. Außerdem wurden der griechische Künstler Yiannis Pappas und der Brasilianer Maurício Ianês für die kuratierte Serie ausgewählt.

Einblicke in die Zeitkapsel der Künstlerin

Ab dem Sommer will die Performance-Veteranin Abramović selbst über WeTransfer ihre meditative "Abramovic Method" vermitteln, mit der die eigene "Präsenz in Raum und Zeit" eingeübt werden soll. Ab Herbst will die Künstlerin außerdem virtuelle Einblicke in ihre "Zeitkapsel" aus Bildern, Ideen und Objekten geben, die ihre Kunst beeinflusst haben. Bis zu 70 Millionen Menschen auf der ganzen Welt will Abramović mit ihren Online-Inhalten erreichen.

Marina Abramović, die vor allem mit Performances bekannt wurde, die körperliche Präsenz erfordern, und vor gut zehn Jahren 850.000 Menschen ins New Yorker MoMA lockte, indem sie einfach nur schweigend auf einem Stuhl saß, hat sich in letzter Zeit ins Digitale orientiert. So hat sie mehrere VR-Arbeiten geschaffen, in denen die Betrachter einer digitalen Version der Künstlerin begegnen. The Avatar Is Present, sozusagen. Ihr Abramović Institute, an dem man Kurse besuchen kann, ist so etwas wie eine Kaderschmiede für junge Künstlerinnen und Künstler - in der Aufmachung eine Mischung aus Achtsamkeitsseminar, empowerment und Audienz am Hof der Performance-Königin. Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Monarchin der Body Art ihre Nachfolge im Blick hat. 

Laut einem Statement von Marina Abramović sieht sie in der Kollaboration mit WeTransfer die Möglichkeit, Kunst in einer Zeit der globalen Krise zugänglich zu machen - einer Zeit, in der die Verbindung zu uns selbst wichtiger sei als je zuvor. Eine Zusammenarbeit mit einem anderen Tech-Unternehmen endete im vergangenen Jahr jedoch nicht ganz so glücklich. Im April 2020 brachte Microsoft einen Werbeclip für ein VR-Headset heraus, in dem die Künstlerin ihre Mixed-Reality-Arbeit "The Life" vorstellte. User können darin Abramovićs Performance "The Artist Is Present" von 2010 virtuell auferstehen lassen.

Online wurde der Microsoft-Clip jedoch angefeindet und auch von rechten Portalen wie "Infowars" mit Satanismusvorwürfen in Verbindung gebracht. Marina Abramović taucht seit Jahren in einer rechten Verschwörungstheorie auf, die besagt, dass die Künstlerin Teil eines globalen Satanistenrings sei, in den auch hochrangige US-Politikerinnen wie Hillary Clinton verstrickt sein sollen. Diese Erzählung flammt mit der zunehmenden Verbreitung von Verschwörungsmythen immer wieder auf und führte offenbar zu den Angriffen gegen ihren Werbeauftritt. Microsoft löschte den Clip schließlich.