Zum Schluss ging's schnell. Erst am Donnerstag verdichteten sich die Anzeichen, dass Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson – parteilos, aber von der CDU nominiert – nicht länger den Rückhalt der Koalitionsfraktionen von CDU und SPD besaß. Parallel dazu lud der Regierende Bürgermeister, Kai Wegner, Wedl-Wilson zur Seelenmassage in sein Büro. Derart zum Rapport bestellt, musste die Senatorin einsehen, dass sie nicht länger in ihrem Amt verbleiben konnte. Noch am Vormittag hatte sie im Abgeordnetenhaus darauf beharrt, sich erst Ende Mai in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu den Vorwürfen zu äußern.
Das war bereits am nächsten Morgen Makulatur. Wedl-Wilson reichte am Freitag ihren Rücktritt ein, Wegner entließ sie formell, dann trat sie vor die Öffentlichkeit und sagte, was in solchen Situationen halt gesagt wird: aus Verantwortung gegenüber, um Schaden abzuwenden von, aus Respekt vor. Mag alles so sein, nur den eigentlichen Grund nannte sie nicht: dass sie in Sachen Fördergelder gegen elementare Grundsätze der Verwaltung und der Haushaltsführung verstoßen hatte.
Darin steckt ein Moment an Tragik. Denn die treibende Kraft in der Fördergeldaffäre war sie nicht, sondern die Getriebene. Es geht um 2,6 Millionen Euro, keine ganz große Summe, aber nach der Schwere der Verfehlungen dann doch keine kleine Sache. Die Mittel waren gedacht für den Kampf gegen Antisemitismus, den sich die Regierungskoalition von CDU und SPD auf die Fahnen geschrieben hat. Institutionen und Projekte mussten benannt werden, die diesen Kampf führen, mit Angeboten an Bildung und Vermittlung, was auch immer. Daran haperte es. Die Verwaltungsspitze im Hause Kultur agierte zögerlich. Doch es gab Abgeordnete der CDU, die ganz genaue Vorstellungen hatten, wer und was mit dem Geldsegen bedacht werden sollte, und das ließen die Betreffenden die Senatorin denn auch wissen.
Wedl-Wilson agierte unglücklich
Wie genau, das hat der "Tagesspiegel" in Chatverläufen mit dem Abgeordneten Christian Goiny aufgetan, die von irgendwoher durchgestochen wurden. Und die Chats haben es in sich. Goiny und durch ihn mittelbar CDU-Fraktionschef Dirk Stettner setzten Wedl-Wilson regelrecht unter Druck, bestimmte, der Verwaltung eingereichte, jedoch noch nicht abschließend bewertete Projektanträge schnellstens zu genehmigen und entsprechende Förderbescheide zu erteilen. Wedl-Wilson agierte unglücklich. Sie suchte die CDU-Drängler hinzuhalten und ließ auf diese Weise erkennen, dass sie mit zunehmendem Druck einknicken würde. So geschah es. Die Förderbescheide erhielten ihre Unterschrift, gegen ausdrückliche Bedenken ihres Staatssekretärs "für gesellschaftlichen Zusammenhalt", Oliver Friederici.
Bereits kurz nach ihrer Ernennung zur Senatorin am 22. Mai 2025 signalisierte sie dem drängenden Goiny laut "Tagesspiegel": "Wir können uns aber drüber hinweg setzen." Hinwegsetzen wollte sich Wedl-Wilson über die Landeshaushaltsordnung. In diesem und einem weiteren Fall ging es um den verpflichtenden Eigenanteil bei Projektanträgen in Höhe von zehn Prozent – die Antragsteller hatten nichts. Dennoch bewilligte Wedl-Wilson. Und in weiteren Fällen ebenso. Insgesamt handelt es sich um 13 Anträge und 2,6 Millionen Euro, im Schnitt also 200.000 Euro Zuwendung pro Antrag.
Der Fördergeldskandal nahm seinen Lauf; erst ganz, ganz allmählich, dann aber mit immer mehr Fahrt. Denn auf die Vergabe von Mitteln folgt irgendwann die Prüfung durch den Landesrechnungshof. Dass im Hause Wedl-Wilson nicht alles rechtlich sauber vonstatten gegangen war, waberte da bereits als Gerücht durch die Flure des Abgeordnetenhauses. Kai Wegner sah die Gefahr – für sich selbst. Der Regierende Bürgermeister bezog im November eine hübsche Verteidigungslinie mit dem Satz: "Sollten formale Fehler gemacht worden sein, müssen daraus Konsequenzen gezogen werden." Hieß zugleich: Er selbst wolle nicht eingreifen.
Hat Wegner die Dinge aus Machtlosigkeit laufen lassen?
Das überließ Wegner dem Landesrechnungshof, der vor wenigen Tagen seinen Prüfbericht abschloss. Was drin steht, sickerte alsbald durch und versetzte die Koalitionsfraktionen in Aufruhr. Denn der Befund ist eindeutig. Das von Wedl-Wilson gewählte Verfahren der Mittelvergabe – nennen wir es "freihändig" – sei "evident rechtswidrig". Die Vergabe verstoße gegen die Landeshaushaltsordnung, die Zuwendungsbescheide hätten nicht erlassen werden dürfen.
Eine derart schallende Ohrfeige übersteht kein Senator, schon gar nicht eine Amtsinhaberin ohne Parteibindung. Kai Wegner, der vor einem Jahr froh war, die fachlich beschlagene und verwaltungserfahrene Wedl-Wilson zur Nachfolgerin des glücklosen und eben aus dem Amt geschiedenen Joe Chialo machen zu können, ließ die vormalige Staatssekretärin unter Chialo und frühere Rektorin der Musikhochschule Hanns Eisler umstandslos fallen. Gegen mögliche Kritik sah er sich gefeit durch den Prüfbericht des Landesrechnungshofes.
Die 56-jährige Wedl-Wilson trat vor die Presse und bewahrte Haltung. Dabei hätte sie allen Grund gehabt, auf die CDU-Drängler zu zeigen, die sie – die wie gesagt ohne Rückhalt in einer Fraktion agieren musste – rücksichtslos unter Druck gesetzt haben. Hat sie die Unterstützung des Regierenden gesucht, der ja immerhin zugleich Landesvorsitzender der CDU ist? Und der sich den Fraktionsvorsitzenden, Parteifreund Stettner, zur Brust hätte nehmen müssen, um ihm seine Machtspielchen auszutreiben? Oder hat Wegner die Dinge mangels Interesse laufen lassen – oder gar aus Machtlosigkeit?
Hanebüchene Entlassung des Staatssekretärs
Es sieht sehr nach letzterem aus. Denn kurz vor ihrer eigenen Demission hat Wedl-Wilson ihren Staatssekretär Friederici gefeuert – den einzigen, der sich ihrem rechtswidrigen Tun in den Weg gestellt hatte. Zur Begründung, die sie am Donnerstag im Abgeordnetenhaus abgab, bezog sie sich ausdrücklich auf den Landesrechnungshof. Es sei ihr Ziel, die Abläufe in ihrer Verwaltung gründlich zu überprüfen, um "stabil rechtssicher zu agieren".
Das stellt nun eine solche Verdrehung der Vorgänge dar, dass Wedl-Wilson damit auch den Rest von Rückhalt bei den Fraktionen verspielt gehabt haben dürfte, wenn es ihn überhaupt noch gab. Nicht Bauernopfer Friederici hatte die Gebote der Haushaltsordnung missachtet, sondern sie selbst. Ob die hanebüchene Entlassung des Staatssekretärs rückgängig gemacht wird?
Das dürfte zuallererst von der Nachfolgerin abhängen, die bereits gehandelt wird: die andere Staatssekretärin der Kulturverwaltung, Cerstin Richter-Kotowski. Die 64-Jährige ist in der Berliner Verwaltung überaus erfahren; jahrelang war sie Bezirksstadträtin, dann fünf Jahre lang Bezirksbürgermeisterin in Zehlendorf, einem Kerngebiet der CDU Berlins, außerdem seit 1992 mit Unterbrechungen über ein Jahrzehnt Mitglied des Abgeordnetenhauses. Schwer vorstellbar, dass ihr ähnliche Missgriffe unterlaufen wären wie Sarah Wedl-Wilson.
Dass mit Wedl-Wilson schon die zweite Amtsinhaberin für Kultur Schiffbruch erlitten hat, und das wenige Monate vor den Neuwahlen, muss sich nicht zuletzt Kai Wegner für sein Nicht-Eingreifen vorwerfen lassen.