Der Juli ist der neue Dezember. Zumindest in Bayern. Schnell vor der Sommerpause ab August müssen überall Rechnungen bezahlt, Badehosen gekauft und Wintersemester fertiggeplant werden. Natürlich wird viel gefeiert und der Kunstkalender platzt aus allen Nähten. Das Lenbachhaus nutzt diese stressige Zeit zur Selbstbefragung - mit Hilfe von Besucherinnen und Besuchern.
Im Kunstbau, diesem brutalistischen, fast fensterlosen Zauberkasten im Zwischengeschoss einer U-Bahn-Station herrscht ein Durcheinander: Es wird geschraubt, gesägt, gemalt, Musik gemacht. Tischtennis gespielt oder einfach nur rumgelegen. Kinderstimmengewirr. Mona Feyrer, Annabell Lachner und Wen-Ling Chung vom Team Kunstvermittlung öffnen den über 100 Meter langen und nur knapp 15 Meter breiten Raum für die, die absichtlich oder zufällig auf das niedrigschwellige Angebot stoßen, das ganz ohne Objekte aus der Sammlung des Lenbachhauses auskommt.
Man muss hier nichts. Man kann aber in der Sektion "Raumfragen" selbst aktiv werden, etwas bauen, autodidaktisch mit vorhandenen Materialien sinnvolle oder sinnfreie Gegenstände herstellen. Oder in Workshops oder in einem gemeinsamen Schulklassenprogramm mit einer Münchner Mittelschule unter Anleitung von Künstlerinnen und Künstlern eigene Wege ausprobieren. Gerade im Angebot: Die Hände in Ton stecken und mobile Landschaften für Tauben produzieren.
Funkelndes Improvisations-Wohlfühl-Wohnzimmer
In der "Forschungsstation" wird ein wachsendes digitales Archiv zu den Kunstwerken der Sammlung zugänglich gemacht, das anregen soll, einzelne Objekte zu hinterfragen. Und an einer großen Schattenwand können flüchtige Bilder entworfen werden.
Befreiend die dritte Station: "Kollabs III", eine "Musikbaustelle". Andrea Lesjak macht im dritten Teil ihres langjährigen Projekts zur Neuen Musik ein Angebot: "Kollabs" ist nach zwei Präsentationen im gerade im Umbau befindlichen Münchner Stadtmuseum nun eine Mikro-Ausstellung, ist Konzertraum und Spielraum mit Licht und Tönen und Geräuschen.
Workshops, Studiotage, musikalische Lesungen - einfach nur Musik hören, Musik selber machen oder Konzerte anhören: Wenn Limpe Fuchs mit Sohn Zoro Babel und Enkel Caspar beim "Drei-Generationen-Konzert" miteinander spielen, wird der nüchterne Kunstbau zum funkelnden Improvisations-Wohlfühl-Wohnzimmer.
Museumsbaustelle
Wie könnte das Museum der Zukunft aussehen, wie gelingt es, diejenigen ins Haus zu holen, die keinen Kunsthintergrund haben? Die Macherinnen von "Hallo, mein Name ist Kunstbau" schreiben dem Museum spielerisch und selbstbewusst eine agency zu.
So weit muss man gar nicht gehen. Lesjaks Modul der "Musikbaustelle" macht einen konkreten Vorschlag: Nicht zu trennen zwischen künstlerischen Prozessen und ihrer Vermittlung und die Partizipation des Publikums ernsthaft einzubinden in sich stetig verändernde museale Situationen: Kunst als Baustelle, hands on!