Ich hätte nie gedacht, dass ich mal über das Altern, mein Altern, schreiben würde. Heute bin ich im Rentenalter, aber ohne Rente. Morgens, wenn ich aufstehe, ist es, als wäre nachts eine Schar Zwerge auf mir hin und her gelaufen, mit kleinen Zwergenhämmerchen, und hätte auf jedem Knochen herumgeklöppelt. Ich bin trockener Alkoholiker, nach 40 Jahren Nichtraucher, nach Jahren hinter Bartresen und in der Szene drogenfrei.
Ich bin immer noch süchtig, nach Brot und Pasta, und sehe aus wie ein Teletubby mit Bart. Alles, was ich schick finde, ist mir zu klein, selbst die Schuhe. Freunde schicken mir YouTube-Videos über Intervallfasten oder von US-amerikanischen Frauen, an deren Abnehmreise ich teilnehmen soll. Ich bin oft am helllichten Tag müde und muss mich hinlegen.
Neulich, in einem vollgestopften Bus, zog ich meinen grauhaarigen und klapprigen Hund hinter mir durch den Beinesalat, um auszusteigen. In dem Moment rief mir ein arabischer Teenie hinterher: "Ihr Hund sieht ja noch viel älter aus als Sie!" Das war so lame und gleichzeitig so wahr, dass ich lachen musste, und der Junge und die Leute ringsum auch – ein Moment der Gemeinschaft in diesen beschissenen Zeiten. Ich stieg aus dem Bus und war dankbar, am Leben zu sein, alt zu sein, dass mein Hund alt ist. Ich war glücklich in diesem Moment, weil mein Hund lächelte. Er war so zerstört, als er mitten in der Pandemie aus einer ungarischen Hundetötungsanlage zu mir und meinem Freund kam.
Zu alt für ein glückliches Hundeleben
Damals lebte ich noch auf dem Land. Mein Hund kam an und war völlig verrückt, beide Beine gebrochen und schief zusammengewachsen, ein Auge blind von Schlägen. Sein Gebiss war braun verfärbt, von der Staupe, die er überlebt hatte. Angeblich war er vier Jahre alt, sah aber aus wie zehn. Ich wollte eigentlich einen viel jüngeren Hund. Aber die Frauen von der privaten Tierschutzorganisation fanden, ich sei zu alt, um einen Hund durch sein ganzes glückliches Hundeleben zu begleiten. Sie fragten, ob ich nicht eine jüngere Frau oder Freundin hätte.
Ich schrieb zurück, ich hätte keine Freundin, sondern einen Freund, der sei aber nur zwei Jahre jünger. Außerdem könne ihm ein Stein auf den Kopf fallen oder ein Krieg ausbrechen, und wer würde denn garantieren, dass der Hund nicht krank wird, dass sein Leben oder mein Leben wie ein Wunschkonzert verläuft. Keine Antwort.
Ich fragte noch mal nach, und sie schickten mir Videos aus dieser Tötungsanlage, mit Hunden, die niemand mehr wollte. Ich sah meinen Hund und dachte: "Ich will dich", weil mich ja auch keiner wollte. Als er ankam, war es erst mal schrecklich. Ich hatte seit über 30 Jahren Hunde, aber mein schwarzer, einäugiger Hund sah aus wie einer dieser Wasserspeier an gotischen Domen und war schon speziell. Er schnappte nach Besuchern, verletzte eine Freundin, rannte 20 Kilometer wie ein Wahnsinniger über die Felder, war kaum zu beruhigen, konnte keinen Kontakt halten. Ich ging zur Hundeflüsterin, die Arztrechnungen stapelten sich, weil er natürlich tausend Sachen hatte. Ich war mit den Nerven am Ende.
Was soll ich nur mit dir machen?
Nur mein Freund sagte: Hab Geduld, er braucht Zeit. Eines Tages, als mein Hund wieder abgehauen war und ich ihn fand, dachte ich ernsthaft daran, ihn zurückzugeben. Ich fragte ihn verzweifelt: "Was soll ich nur mit dir machen?" Ich heulte. Etwas war in mir gebrochen. Ich sah ihn an. Er sah fragend zurück, und ich verstand plötzlich, dass er ein Hund war und kein Problem. Dass ich mit dieser Frage viel mehr mich selbst gemeint hatte: mein eigenes, schon ziemlich altes Leben, für das ich hinter meiner mitfühlenden Fassade genauso wenig Güte, Geduld, Zärtlichkeit übrig hatte wie für einen Hund, der sein gesamtes Leben verprügelt worden war. Ich sprach mit ihm wie mit mir selbst, in derselben blöden Strenge, derselben Ungeduld, demselben Perfektionsdrang, derselben Verachtung – für all die Fehler, Gebrechen, Probleme, die fehlende Disziplin.
Das ist ein Hund und kein Problem: Das Haustier unseres Kolumnisten
Ich hatte da bereits zwei Therapien und fast acht Jahre Anonyme Alkoholiker hinter mir, unzählige Meetings. Und im tiefsten Inneren glaubte ich, ich sei zu alt, noch etwas zu ändern. Ich hatte in den 1990er-Jahren die AIDS-Krise überstanden. Ich hatte meinen Freund, der meine erste Liebe war, sechs Jahre lang gepflegt. Ich hatte herausgefunden, dass ich selbst positiv war, hatte ihn zwischendurch verlassen, war nach London gezogen und immer wieder zurückgekehrt, wenn er ins Krankenhaus musste. Mein Freund zerfiel vor meinen Augen, die Knochen, die Haut, sein Gehirn lösten sich auf. Mit Mitte 30 durchlebten wir das, was alte Leute erlebten. Ich wurde krank, wir starben zusammen. Zwischenzeitlich lagen wir beide auf einer Station. Als er 1996 starb, stand ich da, ohne Geld, ohne Job, ohne Beruf, weil diese Beziehung meine Berufung gewesen war, auch eine meiner vielen Abhängigkeiten. Auf seinem Grabstein war schon Platz für meinen Namen.
Ich wurde wie durch ein Wunder gerettet. Ich bekam eine zweite Chance, machte als Journalist im Kunstbetrieb Karriere. Aber wie in den Horrorfilmen der "Final Destination"-Serie glaubte ich, das sei ein Fehler, irgendwann müsse es mich erwischen, ich dürfe nicht alt werden. Ich sorgte nicht vor, an Rente dachte ich nicht, das kam mir wie ein Witz vor. Äußerlich war ich erfolgreich, innerlich ohne Hoffnung, ohne Halt. Ich saß in einer schönen Wohnung, reiste, eröffnete eine Galerie, hatte unglückliche Beziehungen, ständig Affären, trank immer mehr. Als mein damaliger Freund, der mich jahrelang betrog und mich dann, Gott sei Dank, verließ, und gleichzeitig mein damaliger Hund an Herzschwäche starb, war Schluss. Ich konnte nicht mehr aufhören zu trauern. Ich ging auf Anraten des Therapeuten zu den Anonymen Alkoholikern, verlor in der Nüchternheit fast alles, die Galerie, Geld, alte Beziehungen.
Mit zwei alten Hunden nach Brandenburg
Ich zog mit zwei alten Hunden aufs Land nach Brandenburg, ohne Führerschein, ohne Auto, ohne Gartenkenntnisse, kaum Kontakte, der nächste Supermarkt 13 Kilometer entfernt. Die Nachbarn hatten Eiserne Kreuze auf ihren Autos, trugen rote Basecaps. Alle in der Straße hassten Migranten, Berlin, komisches ausländisches Essen, die Grünen. Alle waren deutschnational, auch die, die sich nicht als rechts betrachteten. Dann kamen die Pandemie, die Querdenker, die Debatten um Impfen, Maulkorb, Cancel Culture, Klimakleber, Wagenknecht, der Sturm auf das US-Kapitol, der Vormarsch der AfD. Aber irgendwie kam ich klar. Ich kam mit den Nachbarn aus, fuhr mit ihnen zum Einkaufen, wurde zu Geburtstagen eingeladen, wanderte durch die leere Landschaft, lernte, alleine zu leben, lernte mit 55 in Berlin meinen Freund kennen, mit dem ich seit zehn Jahren zusammen bin.
Dass ich gelassener wurde, hing auch mit Kate Bush zusammen. Sie war irgendwann meine höhere Macht geworden. Um seine Abhängigkeit zu überwinden, soll man bei AA gleich zu Anfang den eigenen Willen aufgeben und sich einer liebenden Höheren Macht, der "Higher Power" anvertrauen, die auf einen aufpasst, hilft. Du kannst da angeblich auch einen Türknauf, deine AA-Gruppe oder einen Baum wählen. Aber oft meinten die Leute da doch einen weißen, männlichen Gott. Besonders die Männer in den Meetings redeten von einer Vaterfigur, die ihnen und dem Rest der Welt zeigt, wo die Laterne hängt. Und was ist mit Leuten, die keinen Gott, überhaupt keine Macht wollen, fragte ich mich, die Marxisten, Buddhisten, Atheisten oder Anarchisten sind?
In den Meetings liest man zu Anfang einen spirituellen Text vor, in dem das Wort "Gott" vorkommt. Ich war so bedient, dass ich eines Tages in einem Meeting aus einer spontanen Regung heraus das Wort "Gott" durch „Kate Bush“ ersetzte und vorlas: "Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge von Kate Bush – wie wir sie verstanden – anzuvertrauen." Was als Witz begann, wurde wirklich. Denn wenn wir wirklich in Verbindung mit dem Göttlichen in uns oder einfach nur mit uns selbst treten wollen, müssen wir genau dahin gehen, wo es peinlich wird. An diesen zarten Ort, in unsere eigene innere Welt, in der wir berührt werden, in der die Sachen aufblühen, die wir draußen nicht sagen, denken, zeigen oder fühlen dürfen. Kate Bush sang das, was ich in meiner Pubertät fühlte. Mir wurde klar, dass ich ja bereits eine Higher Power besaß, die ich nur vergessen hatte.
Etwas, das mächtiger ist als die Kunstwelt
Ich hatte sie bereits 1978 als Schüler gefunden, als ich an einem Wintertag den orangefarbenen Radiowecker im Esszimmer anstellte. Da hörte ich zum ersten Mal die Stimme: "Out on the wily, windy moors / we’d roll and fall in green". Das Tolle an Kate Bush war das Theatralische, Performative, Camp, gepaart mit Magie, Spiritualität. Ich erzählte das nur ganz wenigen Leuten, weil es mir noch immer peinlich war: ein damals fast 60-jähriger Homo, der an Kate Bush glaubt, aber nicht richtig, diese Figur war eher eine Art Ersatzmuttergottheit, ein Platzhalter für etwas, das fehlte. Sie half mir, als meine Hunde in kurzem Abstand voneinander starben, auch deshalb hatte ich um jeden Preis einen neuen gewollt.
Dann kam der Moment, in dem ich begriff, dass ich weder mit meinem Hund noch mit mir noch mit irgendjemand anderem weiter so harsch umgehen kann. Das war eine transformative, man könnte auch sagen: spirituelle Erfahrung. Ich hatte mir das alles aus einer Notlage heraus eher konstruiert, zusammengedacht. Aber jetzt blühte wirklich etwas auf. Mir war klar, dass ich in meinem narzisstischen Kontrollwahn nie wirklich die Higher Power finden würde, nach der ich mich sehnte. Nicht in meinen Gedanken, nicht in einer imaginären Zukunft, in der ich besser, weiser, dünner, wundersam jünger und geläutert wäre.
Ich verstand, dass ich in der realen Welt etwas finden musste, das heilig ist, mit dem ich mich verbinden kann, das über den Dingen, meinem Leben, meinen Sorgen, Ängsten, Süchten steht. Etwas, das mächtiger ist, als die Kunstwelt. Etwas Softes, Verletzliches, das mir Kraft gibt, zu leben, auch unter schwierigen Umständen alt zu werden und diese ständige Kontrolle aufzugeben.
"Die Zeit, die wir teilen, ist wichtiger als die, die wir kontrollieren"
Dieses Heilige saß da vor mir: mein Hund, der mich mit der Welt verband, mit dem ich verbunden bin, durch Gebrochenheit, Sterblichkeit, Leid, Freude und, wenn ich mich für einen Moment öffne, auch durch bedingungslose Liebe. Wir teilen uns eine Lebenszeit, aber sie gehört uns nicht. Die Philosophin Eva von Redecker, die ich so verehre wie Kate Bush, drückte das mal so aus: "Die Zeit, die wir teilen, ist wichtiger als die, die wir kontrollieren." Diese gemeinsame Zeit muss gar nicht nur mit einem Menschen verbracht werden, es geht auch ein Hund, eine Taube, ein Garten oder nur eine Blume. Eigentlich heißt das, in der Welt zu sein.
Wir leben heute in einer immer faschistischer werdenden Welt der Kontrolle und der Härte, in der Superreiche und Oligarchen auf alles mit Verachtung und Hass herabschauen, was schwach oder schutzbedürftig ist, was Geduld, Liebe, Pflege benötigt: auf Arme, Alte, Kranke, Migranten, Arbeitslose, Wohnungslose, Junkies, Trans-Menschen, Menschen, die so wenig verdienen, dass sie Aufstockung brauchen. Wir werden alt in dieser Welt.
Dieser Hass breitet sich von oben nach unten im "Trickle-Down" Modus in den Gesellschaften aus, wird von bürgerlichen Parteien geschürt. Alle denken, wenn sie Schwäche hassen, würde sie das selbst stärker machen. Klappt leider nicht. Im Silicon Valley überlegen die Tech-Lords und ihre rechten Denker, wie man sich all der nutzlosen Menschen entledigen kann, wenn die KI so weit ist.
So wie jedes Blatt, jede Mücke, jeder Hund
Es ist, als ob die gesamte Gesellschaft mit sich spräche, wie ich einst mit meinem Hund. Und natürlich hat diese Härte, die Härte der Vergangenheit, Hunderte von Jahren Tradition. Sie wurzelt in der Kolonialzeit, im Faschismus, in all der unverarbeiteten Gewalt der Moderne, einem gnadenlosen Kapitalismus, der sich gerade im Zeitraffer selbst kannibalisiert. Der erste Schritt zum Widerstand gegen diese alte, sterbende, wild um sich schlagende Ordnung ist die Verbindung zu unserer Schwäche, zu unserer Sterblichkeit, zu der Tatsache, dass wir sterben müssen. So wie jedes Blatt, jede Mücke, jeder Hund.
Kein Wunder, dass die Tech Bros und Sisters aussehen wollen wie die Elben in den "Herr der Ringe"-Filmen oder der Joker. Das ist die Kontrolle, die Weigerung, wie alle anderen zu altern, sterblich zu sein, die Zeit mit ihnen zu teilen. Deswegen wird auch das Gesicht ganz offensichtlich operiert, wie ein Halloween-Kürbis bearbeitet, um diese Verachtung des gewöhnlichen Lebens der ganzen Welt zu zeigen. Das ist eine Protestgeste.
Die Mächtigen, die bis jetzt ihre Sterblichkeit nicht unter Kontrolle haben, wollen auch ihre hoffentlich bald unendliche Lebenszeit kontrollieren, besitzen, nicht teilen, sondern nur für sich haben. Alles ist nur für mich: Venedig, mein Bunker, mein Raumschiff, meine Klone, der Server, auf den mein Bewusstsein geladen wird. Die Zukunft ist nur noch voll von mir. Wir kommt da nicht mehr vor. Das operierte, entstellte Gesicht sagt: Ich kann mit mir machen, was ich will. Das ist sinnlose Freiheit.
Eine zweite Geburt
Also seien wir mal zusammen sterblich, altern wir, versuchen wir, gewöhnlich zu sein und unsere Endlichkeit zu akzeptieren. Das ist jetzt nicht nonnenmäßig oder existentialistisch gemeint, sondern lebensbejahend. Die Sterblichkeit verbindet uns nicht nur mit allem anderen Leben, sondern sie erinnert uns daran, dass wir geboren wurden.
"Natalität" ist ein von der Philosophin Hannah Arendt 1958 in einem ihrer Hauptwerke, "Vita activa", eingeführter Begriff, der die "Gebürtlichkeit" des Menschen und die ganz spezifische Freiheit zum Anfangen beschreibt. Im Gegensatz zur westlichen philosophischen Tradition, die sich vor allem auf die Sterblichkeit als Anreiz für ein gutes Leben konzentrierte, hebt Arendt die Geburt als Voraussetzung für das Handeln und die politische Freiheit hervor. Jeder Mensch, der geboren wird, ist die einzigartige Quelle für Handeln und Neubeginn. Das Handeln, das politische Handeln, wird von Arendt wie eine „"zweite Geburt" verstanden, mit der man Verantwortung für das Wunder des Neuanfangs übernimmt, das Vertrauen und Hoffnung in die Welt ermöglicht.
Wir sind der Kompost für kommende Zeiten
Man könnte auch sagen, diese Freiheit ist ein Versprechen, das wir immer, auch in den beschissensten Situationen, mit klitzekleinen Handlungen einlösen können. Und auch da kann sich die Handlung auf alles Nichtmenschliche konzentrieren, auf alles, das gerade mit uns lebt und stirbt. Auch wenn wir alt werden, gilt dieses Versprechen. Wir sind der Kompost für kommende Zeiten – nicht nur unser Körper, sondern auch unsere Handlungen und Ideen.
Und die besten Ideen haben wir, wenn wir weich sind. Es gibt ein Gedicht von Rumi, dem Sufi-Mystiker und Poeten. Da wird eine Kichererbse gekocht und will aus dem Topf springen, doch der Koch haut der Kichererbse mit der Schöpfkelle eins hinter die Löffel und schubst sie zurück in den Topf. Die Kichererbse fragt natürlich: "Warum tust du mir das an?" Und da sagt der Koch: „"Versuch ja nicht, rauszuspringen. Du denkst, ich quäle dich. Aber ich mache dich schmackhaft, damit du dich mit den Gewürzen und dem Reis vermischen und die wunderbare Lebendigkeit eines Menschen erlangen kannst."
Das ist ein schönes Ziel: vom Leben weichgekocht und eine schmackhafte, nährende, süße Kichererbse zu werden.
Dieser Text erschien ursprünglich im "Karuna Kompass" #67, April 2026, mein herzlicher Dank geht an Astrid Mania. Für die Zeitung der Sozialgenossenschaft Karuna können Sie hier spenden.