Wolfram Weimers Feldzug gegen das Gendern

Den Finger verlässlich auf dem Triggerpunkt

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im Juli in der Oberen Galerie im Potsdamer Neuen Palais
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Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im Juli in der Oberen Galerie im Potsdamer Neuen Palais

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer empfiehlt öffentlich geförderten Museen, nicht zu gendern. Das zeigt, was man von seinen Ausführungen zum Thema Freiheit zu halten hat. Aber die Tiraden sind auch Teil eines Ablenkungsmanövers

Zumindest kann man Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nicht vorwerfen, in seinen ersten Monaten im Amt untätig gewesen zu sein. Seit seiner Ernennung im April nimmt sich der parteilose Ex-Publizist und Unternehmer zielsicher die Themen vor, die im deutschen Kulturbetrieb die größtmögliche Resonanz erwarten lassen. Zum Auftakt erklärte er den vermeintlichen Antisemitismus in der Kunstwelt zu seinem "ersten großen Thema", dann wandte er sich wortreich gegen die "Cancel Culture" (natürlich vor allem von links), nun scheint er sich auf einem Feldzug gegen das Gendern zu befinden. 

All das sind Themen, die der Soziologe Steffen Mau als gesellschaftliche "Triggerpunkte" beschrieben hat. Dabei handelt es sich um besonders wunde Stellen im öffentlichen Diskurs, bei denen sich zwei Lager performativ unversöhnlich gegenüberstehen. Die "soziale Spaltung", die dann gern von allen Seiten beklagt wird, sei an diesen Stellen besonders ausgeprägt, aber nicht unbedingt repräsentativ für das Gesamtklima der Gegenwart.

Auch beim Thema Gendern steigt verlässlich der deutsche Blutdruck. Zuerst hat Weimer in seiner eigenen Behörde eine Richtlinie zum Verzicht auf inklusive Sprache mit Sonderzeichen etabliert, am Freitag legte er dann noch einmal nach. Diese Regelung ohne Sternchen, Doppelpunkte, Unterstriche und Binnen-Is empfehle er auch anderen staatlich geförderten Institutionen wie Museen, Stiftungen und dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk. 

Nahrung für die Empörungsmaschine

Wolfram Weimer verfolgt damit offenbar eine Strategie, die er bei anderen gern kritisiert. So schrieb er in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung", die Tech-Konzerne mit ihren Social-Media-Algorithmen seien "wesentliche Treiber für die mediale Hyper-Empörung". Nun könnte man hinzufügen: Genau diese Mechanismen nutzt auch der Kulturstaatsminister, um diese zweifellos existente Maschinerie mit neuer Nahrung zu versorgen. Wer gegen das Gendern wettert, kalkuliert den Applaus von denen ein, für die das sprachliche Sichtbarmachen von Frauen und nichtbinären Personen ein linguistisches Verbrechen ist. Genauso eingepreist ist die Entrüstung von Befürwortern des Genderns als Ausdruck von Gerechtigkeitsbestreben. Die Kluft zwischen konservativ und progressiv lässt sich kaum irgendwo so effektiv inszenieren wie am Gender-Thema.

Es ist wahrscheinlich müßig darauf hinzuweisen, dass Wolfram Weimer mit seinem Vorstoß seine eigenen Ausführungen zur "bürgerlichen Freiheit" ad absurdum führt. Wer "jede bevormundende Spracherziehung" ablehnt, um dann im eigenen Haus ein "Genderverbot" einzuführen, weiß sicherlich, was er tut. Auch, dass es keinen "Genderzwang" in Museen oder im ÖRR gibt und zum Beispiel der "deutsche Leuchtturm" Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) es in seinen Häusern ganz unterschiedlich mit den Sternchen und Doppelformen hält, dürfte die Empörungsmaschine nicht befrieden.

Ein Kulturstaatsminister hierzulande ist kein Donald Trump, der per Dekret jegliche Diversitätsbemühungen aus dem Kunstbetrieb fegen kann. Auch deshalb wird die Debatte auf eine Ebene gehoben, die vornehmlich symbolisch, aber äußerst wirkmächtig ist. Ein Politikwechsel, wie er vor allem vom CDU-Teil der neuen Bundesregierung versprochen wurde, lässt sich eben am leichtesten bei den Themen signalisieren, die die eigene Klientel mobilisieren.

Konstante im Aufmerksamkeits-Business

Das stellt auch die Angesprochenen (und die Medien) vor ein Dilemma, denn wer die ausgeworfenen Kulturkampf-Köder schluckt, wird unweigerlich Teil des eingeübten Empörungsspiels. Vielleicht lohnt es sich, daran zu erinnern, dass öffentliche Museen Statuten besitzen, in denen sie Geschlechtergerechtigkeit und deren aktive Förderung als ihre Ziele definieren. Im neuen Code of Conduct der Documenta verpflichtet sich die Weltkunstschau, gegen Diskriminierung und Sexismus einzustehen

Welche Rolle geschlechtersensible Sprache dabei spielt, lässt sich sicher diskutieren - und darüber wird auch diskutiert. Wenn Museen ihr Publikum vergrößern und alle ansprechen wollen, müssen sie sich auch fragen lassen, ob Gendern für bestimmte Menschen eine Barriere darstellt. Das ist aber etwas ganz anderes, als sich diese Debatte "von oben" aufdrücken zu lassen. Dass die Grundwerte der Gleichberechtigung, an denen gerade eifrig vor allem von rechts gesägt wird, erhalten bleiben, sollte die Konstante im schnelllebigen Aufmerksamkeits-Business sein.

Wolfram Weimer hat in seinen ersten Monaten im Amt so viele Triggerpunkte gedrückt, dass die generelle und langfristige Ausrichtung seiner Politik immer noch nebulös wirkt. Die eigentlich simple Botschaft, dass all seine Bemühungen einem gut ausgestatteten, freien Kulturbetrieb gelten, lässt sich bisher nicht vernehmen. Die "SZ" schrieb bereits, Weimer trete eher wie ein Kritiker als wie ein Freund des Kunstbetriebs auf. Zwar rühmte er sich eines um zehn Prozent gestiegenen Kulturetats, das Plus kommt jedoch offenbar vor allem der Filmbranche und großen Tankern wie der SPK (die mit dem Gender Equality Plan) zugute.

Für alle Geschlechter von großem Interesse

Insofern ist es umso wichtiger - das lehrt auch gerade die Dauer-Eskalation in den USA - die großen politischen Linien nicht vor lauter Einzel-Triggern aus dem Blick zu verlieren. Die hiesige Kulturszene erlebt in großen Teilen nicht nur finanziell prekäre Zeiten, sondern muss sich auch zunehmend für ihre politische Ausrichtung rechtfertigen. 

Die Frage ist, ob die aktuelle Regierung tatsächlich im Zuge einer konservativen Zeitenwende Institutionen finanziell erpressen will, wie es manche Beobachter vermuten. Oder ob der Fokus auf gesellschaftliche Minenfelder wie das Gendern vor allem Symbolpolitik ist, die einen Geisteswandel rhetorisch behaupten soll. Beides hängt natürlich miteinander zusammen. Aber jenseits der inszenierten culture wars sollte der Fokus vor allem darauf liegen, inwiefern die Autonomie der Kunst in Weimers Amtszeit gewährt wird. Denn das ist für ausnahmslos alle Geschlechter von höchstem Interesse.