Hochhausfotografien in Frankfurt

Wem gehört der Blick von oben?

Frankfurts Skyline gilt als Statussymbol – exklusiv und unerreichbar. Vier junge Abenteurer erobern die Dächer der Stadt und eröffnen eine Perspektive jenseits von Luxus und Besitz

In Frankfurt am Main stehen die höchsten Häuser Deutschlands. Banken thronen hier, teure Büroräume und Luxuswohnungen mit Wellness- und Fitnessangeboten, Kindertagesstätten und Gastronomie. Einige der Hochhäuser bekamen sogar ihre eigene Postleitzahl. Der Eintritt unten im Foyer wird beschränkt, "Zugangskontrolle" heißt das Ausstattungsmerkmal in den entsprechenden Immobilienanzeigen. Höhe als Statussymbol. Die erhabene Aussicht ist das, was die Oberschicht (eine sprechende Bezeichnung) teuer bezahlt und wo sie am liebsten unter sich bleibt. Sicherheitspersonal ist an Ort und Stelle.

Die vier Freunde Julian, Finn, Felix und Sergios lassen sich davon nicht abschrecken. Sie erklimmen die Dächer der Skyline und schießen atemberaubende Fotos. "Die verborgene Perspektive hinab auf die Stadt – ein Blick, der gewöhnlich exklusiven Gruppen vorbehalten ist oder nur gegen Geld gewährt wird", schreiben sie in ihrer jüngsten Publikation "Beton Berge" über die Aussicht als Trennwand zwischen Elite und dem Rest der Welt.

"Die moderne Interpretation von Luxus ist urbane Lebensqualität", so heißt es auf der Immobilienhomepage 4Frankfurt eines Hochhauses: "FOUR weckt Emotionen und wird zum Magneten der City. Erleben Sie die Stadt in einer neuen Dimension. Zu jeder Stunde des Tages – und der Nacht."

Beton, Glas und Stahl

Die Jungs von "Beton Berge" fühlen sich eingeladen, auch wenn sie dort keine Luxuswohnung besitzen. "Wir nehmen niemandem etwas weg, beschädigen nichts und behindern niemanden. Das Einzige, was wir mitnehmen, sind Bilder. Unser Ziel ist es, zu zeigen, wie Freiheit aus unserer Sicht aussieht – und dass man dafür kein Millionär sein muss."

Sie schleichen sich am Sicherheitspersonal vorbei, öffnen verschlossene Türen, seilen sich ab und genießen die Sonnenuntergänge über der Stadt. "Unser Ziel ist nicht einfach oben zu stehen – es ist das Vorankommen selbst: durch Beton, Glas und Stahl", sagen sie. "Es ist die Suche nach der verbotenen Aussicht, in der sich Perspektiven entfalten, die nicht gegeben, sondern gefunden werden müssen."

Dabei entrückt sich die Welt, Probleme werden kleiner, der Abstand zum Alltag größer. Man wird auf sich selbst zurückgeworfen, das Machtgefühl oben zu stehen, weicht einer Demut in Anbetracht einer erhabenen Weltgröße. Fast wie ein Reinigungsritual, eine Waschung des Egos.

Zwischen dem Diesseits und dem Jenseits

Auch die Kunstgeschichte kennt solche Momente. Caspar David Friedrich stellte 1818 sein weltberühmtes Gemälde "Der Wanderer über dem Nebelmeer" fertig. Die Rückenfigur steht auf einem Gipfel und blickt über die Ferne der Nebelwolken und Berge. Nach einem anstrengenden Aufstieg kehren Einsamkeit, Stille und Kontemplation ein. Ein Gefühl, als schwebe man zwischen dem Diesseits und dem Jenseits.

Es war die Zeit der Romantik, in der sich Kunst, Literatur und Philosophie über die Erhabenheit Gedanken machten. Naturgewalt wie Blitze und Gewitter oder das tobende Meer zählten genauso dazu wie extreme Höhe. Indem der menschliche Verstand die Kraft dieser Naturelemente erkennt, also ihre Erhabenheit, wird auch der Geist selbst erhaben.

Der englische Denker Edmund Burke ist einer der wichtigsten Theoretiker des Erhabenen. Unter möglichen Auslösern eines solchen Gefühls machte er die Größe eines Naturphänomens aus, den Abgrund, die Dimensionen von Gebäuden, oder auch die Schwierigkeit: "Immer wenn ein Werk ausnehmend viel Kraft und Arbeit erfordert zu haben scheint, ist seine Idee groß." 

"Mittagspause auf dem Wolkenkratzer"

Die Schwierigkeit sieht man den Fotografien von Julian, Finn, Felix und Sergios an. Es sind eben keine Drohnenfotos, die vom sicheren Bürgersteig aus gemacht wurden. Es sind auch keine offiziellen Fotos, die durch einen genehmigten Auftrag entstanden. Die Eigenermächtigung, das illegale, siegreiche Agieren und die sportliche Leistung gehören zu ihrer großen Idee, die auch Burke anerkennen müsste.

Ähnlich erhaben wirkt auch die berühmte Fotografie "Mittagspause auf einem Wolkenkratzer" (im Original: "Lunch atop a Skyscraper") von 1932. Sie entstand während des Baus des Rockefeller Centers in New York und zeigt elf Arbeiter in schwindelerregender Höhe auf einem Stahlträger sitzend. Eine Bildikone, die als beliebtes Motiv von T-Shirts, Postern und Postkarten populär um die Welt ging.

"Alles, was auf irgendeine Weise geeignet ist, die Ideen von Schmerz und Gefahr zu erregen, das heißt alles, was irgendwie schrecklich ist oder mit schrecklichen Objekten in Beziehung steht oder in einer dem Schrecken ähnlichen Weise wirkt, ist eine Quelle des Erhabenen; das heißt, es ist dasjenige, was die stärkste Bewegung hervorbringt, die zu fühlen das Gemüt fähig ist" schrieb Burke Mitte des 18. Jahrhunderts über das Gefühl des Erhabenen.

"Angst führt zu Fehlern"

Damals wurden die Abenteuer noch in der rauen Natur gesucht, mit der Moderne und schließlich dem ausgehenden 20. Jahrhundert entwickelten sich die Städte und Metropolen zu neuen Landschaften der Wanderer und Abenteuerhungrigen. "Gemeinsam war uns von Anfang an der Parkour-Gedanke: die Stadt mit anderen Augen wahrzunehmen. Wo viele einfach an einer Mauer, einem Stromkasten oder einer architektonischen Struktur vorbeigehen, sehen wir Linien, Herausforderungen und Möglichkeiten. Parkour hat uns gelehrt, Architektur kreativ, spielerisch und bewusst zu nutzen."

Die Fotografien der Vier sprechen eine ähnliche Bildsprache, doch statt Rückenfiguren wie bei Friedrich, sieht man die Hauptfiguren beim sportlichen Abseilen, beim coolen Schlendern auf dem Dach oder beim triumphieren Sitzen an der Dachkante. Die scharfkantigen Perspektiven unterstreichen die Dramatik der Bildmomente. Steile, glatte Abgründe, Weitwinkel, kontrastreiches Licht und ein Mix mit der Selfie-Ästhetik von Beinen und Füßen lassen die Aufnahmen emotional wirken. Der Betrachter erschaudert einerseits vor der Gefahr, will die Protagonisten zurückhalten, ist andererseits aber auch einer Faszination erlegen. 

Natürlich sind ihre Aktionen gefährlich. Potenzielle Nachahmer sollen hier gewarnt werden. "Alle von uns haben einen Hintergrund im Parkour, beziehungsweise im Freerunning, einige üben das bereits seit fast zehn Jahren aus. Wir trainieren regelmäßig und beschäftigen uns intensiv mit Körperbeherrschung, Kontrolle, Kraft, Präzision und Fokus. Klettern ist dabei ein wichtiger Bestandteil, um bestimmte Orte zu erreichen. Sobald echte Angst aufkommt, brechen wir ab oder gehen gar nicht erst weiter. Angst führt zu Fehlern. Alles, was wir tun, ist bewusst, geplant und fokussiert. Respekt bedeutet, den Ort, die Situation und die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. Dieses Umwandeln von Angst in Respekt macht vorsichtiger, aufmerksamer und letztlich sicherer."